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Dementia-Poetry

Evelyne Weissenbach am 23.07.2012, 11:00 | 0 Kommentare

Evelyne Weissenbach schreibt Gedichte und sucht so mit Fantasie den Zugang zu Demenzkranken.

Dementia-Poetry

Bei der Vorbereitung für eine Lesung in einem Pflegeheim musste ich die traurige Feststellung machen, dass es FÜR demenzkranke Menschen keine Texte gab.
Man machte mir doch ernsthaft den Vorschlag, ich solle Kinderreime lesen!

Nun kann ich zwar noch akzeptieren, dass Kinderreime eventuell nette Assoziationen für die Kranken bringen, wenn man sie im Rahmen einer Therapie anwendet. Aber ich bin keine Therapeutin. Ich bin Autorin. Und niemals würde ich einem Hörerkreis mit einer solchen Nichtakzeptanz entgegentreten.

Ich wehre mich absolut dagegen, dass man alte Menschen wieder zu Kindern macht. Alte Menschen haben das Recht darauf, als erwachsene Menschen angesehen zu werden, auch wenn sie mit Krankheitssymptomen leben müssen.

Es erscheint logisch, dass das Umfeld versucht, sich dem Kranken auf seiner Ebene anzunähern. Leider ist das in der Mehrzahl der Fälle nicht Praxis.
Deshalb habe ich mein Dementia-Poetry-Projekt ins Leben gerufen.

Um Texte für Demenzkranke zu schreiben, stellte ich mir ein handwerkliches Grundgerüst auf. Dafür war es nötig, dass ich mich zuerst über die Krankheit so gut wie möglich informierte.

Und hier wird der Unterschied zu Kleinkindern offensichtlich, die ebenfalls nicht in vollem Umfang über Begriffe und Beschreibungen erreichbar sind.
Doch Kinder können aus dem, was man ihnen erzählt, Fantasien bilden, Situationslücken damit schließen, wenn sie einzelne Worte oder ganze Sätze nicht verstehen. Sie lernen auf diese Art und Weise.

Der Demenzkranke kann nicht mehr lernen und die Fantasie kann ihm keine Hilfestellung mehr geben. Er ist darauf angewiesen, etwas in sich zu finden und daraus eine Erinnerung zu bilden. Eine Erinnerung, die dann vielleicht einen ritualisierten Ablauf in ihm in Gang bringt.

Da die Kranken häufig Begriffe nicht mehr richtig zuordnen, nützt es nichts, eine Situation zu beschreiben. Sie erkennen ein Wort oder eine Sequenz und damit beschäftigen sie sich. Wenn man ihnen zu viel erzählt, verwirrt sie das und sie vergessen, was sie bereits erinnert haben.

Es ist wichtig, in ihnen etwas zum Klingen zu bringen.

Sei es durch einzelne Worte - ich nenne sie deshalb "Klingelworte" - die Erinnerung hervorrufen oder Schwingungen in ihnen auslösen, durch Klang oder Rhythmus, oder Intensität der Wiederholung.

Da es verschiedene Stadien der Krankheit gibt, habe ich für nicht so weit fortgeschrittene Betroffene kleine Kurzgeschichten verfasst, die ihnen Erinnerungen aus Jugendtagen bringen sollen.

Wie ich diese Erkenntnisse für meine Texte zur Grundlage machte, können Sie auf meinem Blog in den Projektbeschreibungen nachlesen.

Hier einfach ein Beispiel eines solchen Gedichtes:

Im Tanzsaal

Walzer tanz
Walzer tanz

Rechts herum
Links herum

Ich dreh mich
Du drehst dich

Rechts herum
Links herum

Hübsches Kleid
Schöne Zeit

Ich dreh mich
Du drehst dich

Rechts herum
Links herum

Walzer tanz
Walzer tanz

© Evelyne Weissenbach

Die Projektbeschreibung, eine Auswahl der Gedichte und Kurzgeschichten (mit Hörversionen), wie auch Informationen zum Buch "In der Umarmung des Vergessens - Dementielles" von Evelyne Weissenbach gibt es auf dem Blog Dementia-Poetry.

Foto der Weblogautorin Evelyne Weissenbach
Foto: Evelyne Weissenbach

Evelyne Weissenbach ist freie Autorin. Die Verfasserin eines Sachbuches über Selbstliebe legt ihre These nicht nur ihrem Leben zugrunde, sondern bringt sie auch in alle ihre Texte ein, seien es Romane, Gedichte oder Erlebnisberichte und Artikel. Ein 2012 erschienenes Buch beschäftigt sich mit dem Thema Demenz. Es beinhaltet Texte FÜR Demenzkranke.
Sie lebt mit ihrem Ehemann in Weiden am Neusiedlersee.

Weitere Beiträge von Evelyne Weissenbach:

Lesung im Pflegeheim

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