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DAS WEBLOG

Morgens, halb acht, im Frühstücksraum

Katrin Hofmann-Schröder am 22.07.2015, 17:38 | 0 Kommentare

Mit an Demenz erkrankten Menschen zu arbeiten, ist eine Herausforderung. Man muss sich jeden Tag neu auf den Menschen einstellen, wie auch Katrin Hofmann-Schröder. Sie schreibt über das Frühstück und von einer Bewohnerin, die sich nicht mehr richtig an ihren Namen erinnern kann und über die Vergesslichkeit sehr traurig ist.

Morgens, halb acht, im Frühstücksraum

„Darf ich heute noch 2 Schnitten extra haben?“ fragte mich Frau M. bei meinem Eintreten in den Aufenthaltsraum. Wie jeden Morgen in meinem Dienst ging ich auch heute mit freundlichem Lächeln durch den Raum. Schaute unauffällig hier und da, ob ich beim Frühstücken möglicherweise kleine Hilfen geben könnte. Hier mal einen Löffel in die Hand geben, dort mal eine Hand behutsam drücken oder da mal eine heruntergefallene Serviette aufheben und ersetzen. Frau M. freute sich ebenso wie die anderen Bewohner, die mich wahrnahmen. Ich antwortete ihr verschmitzt lächelnd: „Guten Morgen, Frau M., ich schaue gleich mal nach dem Servierwagen und werde ihnen da schnell 2 Schnitten stibitzen.“ Damit lockte ich ein seliges Lächeln auf ihr Gesicht. Ich sah gleich noch nach den Kaffeebechern und brachte dann nach einigen Sekunden einen Teller mit 2 Schnittchen und die Kaffeekanne zu ihrem Tisch. Sie meinte noch augenzwinkernd: „Mädel, das Servieren musste aber noch lernen!“, worauf sie, ich und einige Bewohnerinnen am Tisch lauthals lachten. So begann ein neuer Tag mit fröhlichen Gesten. In der Wohnbereichsleitung eine kurze Zusammenkunft und Absprache, dann ging ich zu meiner ersten Einzelbetreuung. Am Zimmer bei Frau R. angekommen, merkte ich sofort, dass etwas anders war als sonst.

Nach meinem Klopfzeichen an der Tür hörte ich nicht, wie sonst, ein deutliches „Herein“, sondern… nichts. Ein zweites Klopfen von mir, dann betrat ich das Zimmer. Sie saß fertig angezogen und mit einem Frühstücks-Tablett am Tisch, aber sie sah mich sehr seltsam an. Sie schien nur wenig gegessen zu haben. Nachdem ich die Tür zugemacht hatte, begann sie zitternd zu weinen. Vorsichtig nahm sie den Kaffeelöffel hoch und schien damit auf dem Tisch etwas malen oder schreiben zu wollen. Sie nahm meine sanfte Berührung an ihrer Schulter offensichtlich wahr, denn sie schien ein wenig ruhiger zu werden. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch. Sah sie freundlich an, sprach langsam, deutlich und ruhig mit ihr und, erzählte ihr, - ein kleines Ritual von uns -, vom heutigen Tag. Dabei schaute ich aufmerksam zu, was sie mit dem Löffel auf die Tischdecke malte. Es schien mir, als ob sie ihren Vornamen schreiben wollte. So nahm ich aus meiner „Mitbring-Tasche“ ein weißes Blatt Papier und einen Bleistift. Legte das Blatt vor ihr auf den Tisch und gab ihr den Bleistift, wobei ich damit vorsichtig den Löffel in ihrer Hand ersetzte. Sie schrieb ganz langsam, zitternd, ganz krakelig ihren Vornamen aufs Papier. Mehrere Male, größer und kleiner werdend, durcheinander. Das ganze Blatt voll. Und dann fragte sie, immer noch verunsichert wirkend, ganz leise: „Heiße ich so? Heiße ich Maria?“ Bejahend nickte ich ihr zu und sagte „Ja, Frau R. Sie haben diesen schönen Vornamen Maria.“ Da sah sie mich heute das erste Mal richtig an, die Tränenspuren in ihrem Gesicht glänzten noch ein wenig. Ich fragte sie, wie es ihr heute gehe und ob sie einen Wunsch an mich hätte. Sie lächelte und sagte, schon etwas kesser: „Ach meene Kleene, weißte, da hab ich doch glatt vergessen, wie ich heiße. Und das ging heut morgen wieder alles so schnelle, da ist mir das gar nicht klar gewesen. Aber nu, du hast ja immer Zeit, nu weiß ich wieder wer ich bin.“ Auf das Blatt malte sie dann noch eine kleine Blume und wir sangen ein Blumenlied zusammen. Ihr Tag war wieder ein wenig heller geworden und meiner auch.

Foto der Weblogautorin Katrin Hofmann-Schröder
Foto: Katrin Hofmann-Schröder

Katrin Hofmann-Schröder war 1998 einige Monate ehrenamtlich als Betreuungshilfe in einem Altenpflegeheim tätig. Sie kümmerte sich schon während dieser Zeit und die nächsten Jahre um ältere Nachbarinnen und deren Wünsche, Alltagsbelange und Haushalt, u. a. mit Gesprächen, Spaziergängen, gemeinsamen Musik- und Rommè-Stunden. Nach einer Qualifzierung 2010 zur Betreuungskraft nach § 87b SGB XI (Demenz-Betreuerin) war sie 4 Jahre in einer stationären Pflegeeinrichtung als Betreuungskraft tätig. Besonders gern wurden von ihr durchgeführte Musiknachmittage mit selbst gespieltem Piano, klassischer- und Schlagermusik von den Bewohnerinnen und Bewohnern besucht. Da ihr Herz und ihre Empathie auch außerhalb der beruflichen Betreuungstätigkeit für Senioren/innen offen ist, beschreibt sie mit Humor und Mitgefühl, Toleranz und Ehrlichkeit ihre Erlebnisse im Beruf und im Alltag.

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