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Alltagsbegegnungen in einer Demenz-WG, Teil 1: Erinnerungen in der Mittagspause

Mathias Wirtz am 30.05.2011, 11:40 | 0 Kommentare

Normalerweise ist es nach dem Mittagessen immer ganz still in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz, wo ich arbeite. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner legen sich zum Mittagsschlaf hin, Frau Hahne (Anmerkung der Redaktion: Alle Namen in diesem Beitrag sind geändert) liest oder räumt auf.

Doch als ich neulich nach dem Essen die Wäsche zur Waschmaschine ins Bad brachte, hörte ich aus dem Zimmer nebenan ein leises Murmeln. Frau Hahne war also wach! Ich klopfte: "Frau Hahne, ist alles in Ordnung?" "Ja, komm ruhig rein, Mathias!", sagte sie. Ich öffnete also die Tür und betrat ihr Zimmer. Frau Hahne saß inmitten von Briefen auf ihrem Bett, in ihren Augen standen Tränen. Sie nahm einen Brief und zeigte ihn mir: "Von meinem Mann." Ihr Mann war vor fünf Jahren gestorben, ehe sie in die WG kam. Nun erzählte sie davon, wie er sich immer um sie gekümmert hatte, immer um ihr Wohl besorgt gewesen war, wie schön ihr gemeinsames Leben gewesen war. "Er war so ein feiner Mensch!", sagte sie und erzählte, dass sie in der Mittagspause oft aus seinen Briefen vorlese. Ihre Augen leuchteten durch die Tränen hindurch.

Wenn ich seitdem mittags ein leises Murmeln höre, weiß ich, was es zu bedeuten hat. Manchmal gehe ich dann zu Frau Hahne, und wir sprechen darüber, wie schön es ist, einen geliebten Partner zu haben, und wie schwer, ihn zu verlieren. Und uns beiden tun diese Gespräche gut: Wenn sie von ihrem Partner erzählt, ist sie zwar manchmal traurig, aber oft auch glücklich und gelöst. Und ich kenne sie nun besser, weiß, was für einen liebevollen Ehemann sie hatte, und wie schön die Liebe auch im Alter sein kann.

Informationen zum Autor:

Mathias Wirtz (46) lebt in Berlin. Er hat 15 Jahre in der Altenpflege gearbeitet, zuletzt als Leiter von Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Derzeit koordiniert er das Projekt "Haltestelle Diakonie" in Berlin-Spandau, das unter anderem einen Besuchsdienst und eine Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz anbietet. Besonders am Herzen liegen ihm die Bedürfnisse von pflegenden Angehörigen, für die er sich auch im Verein "wir pflegen!" engagiert.

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