Als Betreuungsassistentin in einer Senioreneinrichtung widme ich mich mit ganzem Herzen meinen "lieben Alten". Im Laufe der Zeit konnte ich viele bezaubernde Glücksmomente sammeln. Zu diesen schönen Augenblicken zählen das kurze Aufflackern eines Lächelns im Gesicht eines Bewohners, oder dass eine Bewohnerin Ansätze zeigt, wieder selbständig zu essen. Oft kann ich durch Einzelbetreuung, Geduld, Empathie und unerschütterlich gute Laune eine neue Tür zu ihnen öffnen.
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Eine solche Verbindung baute ich beispielsweise zu Frau H. auf. Als ich sie kennenlernte, bekam sie pürierte Kost. angereicht. Gab man ihr einen Löffel in die Hand, konnte sie damit kaum etwas anfangen. Mit Unterstützung des Pflegepersonals wurde das Mittagessen dann meist binnen 10 Minuten beendet, oft unter massivem Protest und Abwehr. Ich nahm mir Zeit und begann ihr wieder unpürierte Gerichte zu servieren. Denn "Abfüttern" mit pürierten Lebensmitteln hat meiner Meinung nach nichts mehr mit dem schönen Erlebnis eines gemeinsamen Essens zu tun, geschweige denn mit Genuss und Freude.
Zum Mittagessen deckte ich den Tisch besonders schön und schaltete das Radio aus. Manchmal beteten wir auch gemeinsam. Solche Rituale von früher sind wichtig, um einen Zugang zu den Bewohnern zu finden. Dafür benötigt man allerdings viele Informationen über den Menschen. Diese erfährt man oft im persönlichen Gespräch mit Angehörigen und durch Biografiedaten, die in den meisten Seniorenhäusern beim Einzug erfasst werden.
Im Laufe der nächsten Wochen konnte ich nun miterleben, wie zur Mittagszeit ein Strahlen das Gesicht von Frau H. überzog. Sobald sie ihr Essen vor sich sah, griff sie nach der Gabel oder dem Löffel. Mit der Zeit wurden ihre Bewegungen bewusster und ihr Appetit immer größer. Es ist für mich ein wunderbares und erfüllendes Gefühl, wenn ich erleben darf, wie gut den Senioren die miteinander verbrachte Zeit tut. Und selbst Tränen, Klagen oder ablehnende Reaktionen haben eine wichtige Bedeutung. Denn sie helfen uns Betreuern, die Senioren besser zu verstehen. Und ich weiß: Nach jedem Regenschauer wird die Sonne wieder scheinen und weitere "Glücksmomente" mit sich bringen.

- Bernadette Engelhardt
Informationen zur Autorin:
Bernadette Engelhardt ist als Kulturgeragogin (FH) sowie als zertifizierte Betreuungsassistentin in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege tätig. Freiberuflich arbeitet sie zusätzlich als Beraterin und Betreuerin für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Gutachterin für die unabhängige Datenbank www.heimverzeichnis.de. Nach mehreren Ausbildungen absolvierte sie weitere Fortbildungen und Ehrenämter im sozialpädagogischen und psychologischen Bereich. Bernadette Engelhart lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter in Bonn.
Weitere Beiträge von Bernadette Engelhardt:
Ein normaler Alltag mit Demenz
Begegnung auf dem Nachhauseweg
Das Glück von damals im Heute erleben
1 Kommentar
am 30.05.2011, 10:55
Nachtrag zu meinem Text "Glücksmomente":
Frau H. ist im Mai 2011 verstorben. Und nun lese ich hier diesen von mir verfassten Text, den ich bereits vor einiger Zeit schrieb. Dadurch kann und darf ich mich erinnern an die vielen schönen Glücks-Momente mit diesem wunderbaren Menschen und statt Trauer und Traurigkeit empfinde ich Glück und Dankbarkeit, diese Zeit miteinander bekommen zu haben. Meine kleine Sammlung an "Glücksmomenten" hat somit einen vielfältigen Sinn erhalten.
Und ich kann Abschied nehmen mit einem stillen Lächeln und dem Bewusstsein, mit und für diesen einen, besonderen Menschen über eine Zeit lang doch zumindest ein wenig der uns allen zustehenden und somit im Grunde ja selbstverständlichen "Grundwerte" an Würde, Akzeptanz, Respekt, Genuss und Lebensfreude aufrecht erhalten zu haben.
B.Engelhardt
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