Als Gerontologe unterweise ich im Unterricht und in Fortbildungsveranstaltungen Pflegekräfte im Umgang mit demenzkranken Menschen. Es sind immer wieder dieselben Probleme, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigen: Unruhe, Weglauftendenz, das Verfolgen scheinbar "unsinniger" Vorhaben und wahnhafte Ideen. Damit kommen viele Pflegende nur schwer zurecht. Wenn sie von ihren Schwierigkeiten berichten, zeigt häufig schon die Wortwahl, dass immer noch Unklarheiten über das Wesen von Demenzkrankheiten bestehen.
Das Weblog
Handwerkszeug für Pflegekräfte
Beispielsweise klagen Pflegekräfte häufig darüber, dass die zu pflegende Person etwas nicht verstehe, sich nichts sagen lasse, etwas nicht tue. Erst vor wenigen Tagen wurde mir geschildert, dass eine an vaskulärer Demenz erkrankte Dame nicht einsehen würde, dass sie die ärztlich verordneten Medikamente nehmen muss, sondern vielmehr unterstelle, dass sie damit vergiftet werde. Sie sei einfach nicht davon zu überzeugen, dass dies nicht der Fall sei. Hier liegen gleich drei Missverständnisse vor: 1. dass bei Demenz Einsichtsfähigkeit besteht; 2. dass Menschen (auch demenzkranke Menschen!) etwas tun müssen, weil es vom Arzt verordnet wurde; 3. dass Demenzkranke durch Argumente überzeugt oder von wahnhaften Ideen abgebracht werden können.
Gerade in der Ausbildung, aber auch bei Fortbildungen, muss deshalb deutlicher das Wesen der Erkrankung herausgearbeitet werden. Enorm wichtig ist in diesem Zusammenhang, den Pflegekräften das Handwerkszeug zu vermitteln, das ihnen einen angemessenen kommunikativen Umgang bei Verhaltensauffälligkeiten und Wahnideen ermöglicht. Hierzu zählt vorrangig die Validationstechnik, die von der Gerontologin Naomi Feil begründet wurde.
Die Validation vermeidet unproduktive Auseinandersetzungen. Demenzkranke werden nicht belehrt oder korrigiert, sondern in ihrer für Angehörige oft fremden Welt abgeholt. Oft verfolgen sie irreale, scheinbar "unsinnige" Vorhaben, wollen zum Beispiel ihre längst verstorbene Mutter besuchen. In diesem Fall wäre es nicht hilfreich, ihnen mit dem Hinweis, dass die Mutter schon vor Jahren verstorben sei, zu widersprechen. Den Betroffenen wird so ihre Vergesslichkeit vor Augen gehalten. Die geschicktere Vorgehensweise besteht darin, Verständnis für ihren Wunsch zu signalisieren. Erst nach dieser Bestätigung sollten Demenzkranke dann von ihrem Vorhaben abgebracht werden, beispielsweise unter Hinweis darauf, dass jetzt gerade Zeit für das Abendbrot sei.

- Adriano Pieroborn
Informationen zum Autor:
Adriano Pierobon (48) ist seit mehr als 20 Jahren Geschäftsführer eines bundesweit tätigen Pflegedienstes. Der Gerontologe und Fachbuchautor engagiert sich unter anderem im Vorstand von PflegeDirekt e.V., einem Beratungs- und Qualitätszirkel ambulanter und stationärer Gesundheits- einrichtungen in Karlsruhe. Zudem unterrichtet er Pflegekräfte im Umgang mit Demenzkranken. Adriano Pierobon ist verheiratet und hat drei Kinder.
Internet-Links
- PflegeDirekt Karlsruhe e.V.
Der Verein berät und unterstützt Betroffene und Angehörige bei der Pflegeüberleitung, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt.
7 Kommentare
am 14.01.2011, 20:53 Das Problem ist klar benannt, und auch die notwendige Umgehensweise mit dem Problem ist gut beschrieben. Für Pflegende, die keine fachliche Ausbildung erhalten haben, sicher eine hilfreiche Herangehensweise an die Probleme, die ihnen im Alltag begegnen.
am 18.01.2011, 09:26 Validation kann heutzutage doch kaum noch ernsthaft als "Handwerkszeug für Pflegende" bezeichnet werden. Noch immer hat die Entwicklerin ihre Behauptungen nicht bewiesen - und niemand anders konnte bisher Belege erbringen, dass diese Methode besonders wirksam wäre. Eher das Gegenteil. Feil lag und liegt falsch mit ihren Behauptungen z.B. über unbewältigte Lebensprobleme die zu einer Demenz führen etc. Von daher sollten moderne Fortbildungen gänzlich auf Validation verzichten. Erwachsene Menschen etwa über "Wertschätzung" belehren zu wollen, die diese in der Kinderstube ohnehin gelernt haben, ist einfach überflüssig. Lediglich - soviel zum Thema Genauigkeit - die Integrative Validation nach Richard hat einige praxisverwendbare Ansätze.
am 20.01.2011, 13:54
Zum Kommentar von B.Rahlert: Natürlich kann man die theoretische Fundierung der Validation nach N. Feil kritisch diskutieren. Diese Einwände diskreditieren Feils methodische Vorgehensweise, mit Menschen zu kommunizieren, deren Kognition eingeschränkt ist, die unter Ängsten und wahnhaften Ideen leiden, aber nicht - denn die von Feil entwickelte Vorgehensweise funktioniert!
Bei allen kritischen Einwände vermisse ich, dass praktikable Alternativen genannt werden. Was soll eine Nachtwache im Pflegeheim oder im Krankenhaus denn tun, wenn ein Demenzkranker aus seinem Zimmer fliehen will, weil er sich von einem Einbrecher bedroht wähnt? Den Kranken fixieren? Ein Neuroleptikum verabreichen?
Naomi Feil fordert, diesem Kranken mit Empathie zu begegnen, seine Angst zu akzeptieren und ihm zuzuhören. Das ist nicht nur richtig, sondern auch zutiefst menschlich. Vor allem: in vielen Fällen (wenn auch nicht immer) funktioniert diese Vorgehensweise.
Übrigens hat Naomie Feil nie behauptet, dass unbewältigte Lebensprobleme zu einer Demenz führen. Sie weist lediglich darauf hin, dass in vielen Fällen unbewältigte Lebensprobleme Auslöser für Wahnideen, bizarres Verhalten oder auch Ängste sind.
Zur Frage , ob man erwachsenen Menschen "wertschätzenden Umgang" nahebringen muss, nur soviel: nach meiner Beobachtung gibt es noch immer Pflegekräfte, die demenzkranke oder hochbetagte Menschen "duzen" und jeden zweiten Satz mit der Formulierung "du musst" oder "Sie müssen" beginnen.
Ich selbst habe als Krankenhauspatient erlebt, dass von 20 Mitarbeitern, die das Krankenzimmer betreten, nur 50 % grüßen, dass sich kaum jemand vorstellt, dass niemand anklopft. Es ist leider so: Wertschätzung ist mitnichten selbstverständlich und manche Pflegekräfte beherrschen nicht einmal die elementarsten Regeln guten Benehmens. Meine Wahrnehmung geht dahin, dass das Niveau tendenziell eher sinkt als steigt und dass sogar scheinbar selbstverständliche Dinge, wie korrektes Melden am Telefon oder Händewaschen nach einem Toilettengang vermittelt werden müssen. Ich will hier nicht die Leistung vieler tüchtiger Pflegekräfte schmälern, aber das sind nun mal meine Beobachtungen nach 30-jähriger Arbeit im Krankenhaus.
am 27.01.2011, 10:01
zum Kommetar von Klaus Becker zitiere ich Sven Lind:
„Es bleibt das Fazit zu ziehen, dass Validation kein 'Weg zum Verständnis alter verwirrter Menschen' darstellt, sondern im Gegenteil nur ein Konglomerat aus empirisch nicht haltbaren Konstrukten, Strategien und Techniken bildet, das möglichst in der Pflege und Betreuung Demenzkranker zum Wohle der Betroffenen nicht zur Anwendung gelangen sollte.“
Sven Lind. Rezension vom 12.03.2002 zu: Naomi Feil: Validation.
"...elementarsten Regeln guten Benehmens", um hierauf noch kurz einzugehen: was haben diese mit dem Thema Demenz zu tun? Was hat Naomi Feil daran revolutioniert? Nichts, null, gar nichts. Sie reißen hier Dinge völlig aus dem Zusammenhang (gut, dass tut Feil auch) und münzen Sie auf ein Pflegeproblem bzw. Dementenproblem um.
Und: "Den Kranken fixieren? Ein Neuroleptikum verabreichen?"
Sie werde es vermutlich nicht glauben, aber: gut ausgebildete Pflegekräfte handeln so nicht ohne Not - ganz ohne "Feilausbildung".
am 27.01.2011, 10:02 Herr Becker: ich wäre dankbar, wenn Sie einmal überprüfbare Belege für Ihre Behauptung: "Die Vorgehensweise funktioniert" hier anführen würden. Bitte nennen Sie die Untersuchung/Studie. Danke.
am 05.02.2011, 11:03
Zum Thema Validation gibt es einige Studien z.B.:http://www.validation-eva.com/pdf/Evaluations-Studie_Validation.pdft
Wer die Wirksamkeit der Validation anzweifelt, hat sich meiner Meinung nach noch nie praktisch mit dementen Menschen beschäftigt. Ein Einstieg in die Gefühlswelt dementer Menschen wäre das neu erschienene Buch von Arno Geiger "Der alte König in seinem Exil".
Sehr zu empfehlen für Theoretiker(-innen)....
am 03.03.2011, 09:32 Frau Steinert, die Frage ist wohl eher, ob Sie sich mit wissenschaftlicher Methodik auskennen?! Diese von Ihnen angeführte Studie sagt lediglich etwas über - angeblich verbesserte Beziehungsarbeit, angeblich gesteigertes Wohlbefinden und eine verringerte Medikamentengabe. All dies wird darauf zurückgeführt, welche Wirkung die dort durchgeführte Validationsschulung auf DIE PFLEGENDEN hatte. Merken Sie was? Die Wirkung auf die dementen Menschen war/ist wohl gegeben - aber es gibt nach wie vor keinen Nachweis für die feilschen Behauptungen, wie z.B., dass einer Demenz "unbewältigte Lebenskonflikte und -erlebnisse" zugrunde liegen. Da steht nichts davon, dass dies in irgendeiner Weise belegt wurde - wird auch nie, weil es einfach falsch ist. Aber "glauben" Sie ruhig weiter...schadet ja hoffentlich niemandem....
Kommentar verfassenAdressdatenbank
Herzlich Willkommen beim Wegweiser Demenz
Grußwort von Bundesfamilienministerin
Kristina Schröder
weiter
Alzheimer-Telefon
0 18 03 - 17 10 17
0,09 € / Minute
030 - 259 379 514
nach Tarif
Ein Service der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
Diesen Artikel kommentieren