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Weggelaufen? Nein: hingelaufen! – ein Beitrag von Jochen Gust

Jochen Gust am 20.09.2010, 13:00 | 2 Kommentare

Ende der 90er Jahre leistete ich meinen Zivildienst und kam erstmals auch mit demenzkranken Menschen in Kontakt. Eines Tages erhielt ich den Auftrag, nach einer "entlaufenen" alten Dame suchen. Ich war über das Verhalten der Seniorin ziemlich verwundert: Die war einfach ausgerückt, obwohl sie im Pflegeheim doch gut versorgt wurde. Der "Ausflug" der demenzkranken Frau endete damit, dass ich sie von der Polizeistation abholte. Was ich mir außerdem abholte, war eine Standpauke eines der Beamten. Wir sollten gefälligst besser aufpassen auf unsere alten Leutchen. Wenige Wochen später wiederholte sich der Vorfall – und dann wieder und immer wieder.

Phänomen Weglauftendenz

Damals lernte ich den Begriff "Weglauftendenz", ahnte aber noch nicht, welch ein schwerwiegendes Problem dahinter steckt. Ich erfuhr: Eine Demenz zieht bei vielen Betroffenen nicht nur das Gedächtnis in Mitleidenschaft, sondern auch das Orientierungsvermögen. Das Verhältnis zu Zeit und Ort, aber auch zu bestimmten Situationen und Personen, ja sogar zum eigenen Ich ist zunehmend gestört. Was nützt es also, einen demenzkranken Menschen zu bitten, mal eben zehn Minuten hier zu warten? Er kann unter Umständen weder mit den "zehn Minuten" noch mit dem "hier" etwas anfangen. Er wird womöglich nach kurzer Zeit aufstehen und nach mir suchen. Wenn es Winter ist, er sich zeitlich aber nicht orientieren kann, wird er auch nicht unbedingt einen Mantel anziehen, bevor er sich auf die Socken macht. Vielleicht hat er mich sogar schon völlig vergessen und sucht nicht mich, sondern die Tür seiner Wohnung. Was treibt ihn an? Die vermeintliche Pflicht, jetzt zur Arbeit gehen zu müssen?

Sich auf den Weg machen

Als Pflegekraft ist mir die Weglauftendenz später häufig begegnet. Heute nenne ich sie aber nicht mehr so. Menschen mit Demenz laufen nicht einfach weg. In ihrer Wahrnehmung haben sie ebenso gute Gründe für ihr Verhalten wie geistig Gesunde. Demenzkranke Menschen haben ein Ziel – sie laufen irgendwo hin. Daher finde ich den Begriff "Hinlauftendenz" weitaus angemessener. Das ist keine Wortklauberei, denn je nachdem, wie Pflegende eine Situation verstehen, verhalten sie sich auch. Wer davon ausgeht, dass ein demenzkranker Mensch wegläuft, reagiert mit anderen Maßnahmen als jemand, der ihm zugesteht, ein Ziel zu haben. Wenn sich ein Mensch fremd fühlt und auf den Weg nach Hause macht, sollten wir verstehen lernen, was "zu Hause" für ihn bedeutet – und es ihm an Ort und Stelle bieten. Wenn ihm nichts fehlt, zeigt er auch keine Hinlauftendenz.

Hingefunden

Ein älterer Herr, den ich einst pflegte, stand eine Zeit lang jeden Morgen im Nachthemd und Hausschuhen an der Stationstür. Seine Aktenmappe unter den Arm geklemmt, wollte er sich auf den Weg zur Arbeit machen. Er reagierte gereizt, wenn man versuchte, ihn zum Beispiel wegen des Frühstücks davon abzuhalten. Schließlich kamen wir auf die Idee, einen alten Schreibtisch samt alter Schreibmaschine und einem großen Berg Akten genau in seinen morgendlichen Weg zum Ausgang zu stellen. Es funktionierte. Der alte Mann fühlte sich am richtigen Ort und zeigte seitdem keine vermeintliche "Weglauftendenz" mehr. Bereitwillig frühstückte er auch an seinem Schreibtisch. In der "Arbeitspause" ließ er dann auch Waschen und Rasieren zu.

Informationen zum Autor:

Jochen Gust
Jochen Gust

Jochen Gust (33) arbeitet für das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin im Fachdienst Geriatrie. Er ist Autor mehrerer Ratgeberbücher, darunter auch "Phänomen Hinlauftendenz – wenn alte Menschen weglaufen". Ehrenamtlich unterstützt Jochen Gust als Berater die Berliner Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. und ist Mitinitiator des Eutiner Demenz Forums. Der gebürtige Baden-Württemberger lebt in Eutin und schult in verschiedenen Einrichtungen professionelle Pflegekräfte und pflegende Angehörige.

2 Kommentare

Birgit Fuhrmeister am 30.09.2010, 10:34 Meine Mutter leidet an Demenz und ist seit 1 Woche im Altenheim. Noch hat sie sich nicht eingelebt. Sie läuft zwar noch nicht weg aber sie läuft in anderer Leute Zimmer und leert ihre Handtasche, die sie meistens bei sich trägt, aus und beschuldigt die anderen Leute, sie bestohlen zu haben. Sie meint damit ihren Hausschlüssel, den sie ja jetzt nicht mehr besitzt. Ich habe zwar versucht, es ihr zu erklären, aber ich glaube, es kommt nicht so bei ihr an. Außerdem wird sie schneller barsch. Das bin ich von meiner Mutter, die immer lieb war, nicht gewohnt und habe deshalb ein großes Problem damit. Auch ich muss wahrscheinlich noch viel lernen

Jochen Gust am 22.10.2011, 17:35 Hallo Frau Fuhrmeister,

das lässt sich häufig beobachten, nach einem Umzug ins Pflegeheim oder beim Krankenhausaufenthalt. Ich rate davon ab, wichtige Dinge wie Ausweispapiere, Geldbörse und Schlüssel "ersatzlos" wegzunehmen. Möglicherweise können Sie (natürlich nicht vom Geld) Kopien aushändigen bzw. irgendeinen ähnlich aussehenden Schlüsselbund. So käme Ihre Frau Mutter nicht in die Not, diesen Suchen zu müssen. Eventuell hat die Einrichtung aufgrund ihrer Erfahrung mit dementen Menschen auch eine Sammlung alter, nicht mehr zuzuordnender Schlüssel für genau diesen Zweck vorrätig.

Es grüßt Sie

J. Gust

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