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Kein Druck, kein Zwang, keine Tricks – ein Beitrag von Martin Hamborg

Martin Hamborg am 01.07.2010, 20:00 | 5 Kommentare

"Meine Mutter will nicht mehr, sie lehnt jetzt das Essen ab", "sobald sie das Essen sieht kneift sie den Mund zusammen..." – Aussagen wie diese höre ich häufig, wenn Demenzkranke in die letzte Lebensphase kommen. Doch ist es wirklich schon ein Beweis, dass ein demenzkranker Mensch sterben möchte, wenn er Essen ablehnt? Eine Antwort darauf ist nicht so einfach. Denn je weiter die Demenz fortschreitet, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch die Nahrungsaufnahme gestört ist.

Warum Demenzkranke Essen und Trinken manchmal verweigern

Das kann daran liegen, dass die Kranken Essen, Geschirr, Besteck und Getränke nicht mehr erkennen. Manchmal "vergessen" sie auch einfach die Fähigkeit zum Essen und Trinken oder spüren nicht mehr Hunger und Durst. Auch Faktoren, die nichts mit der Demenz zu tun haben, können sich niederschlagen. Vielleicht wird das Essen einfach nur unappetitlich serviert, oder es gibt zu viel Unruhe und Ablenkung. Eventuell belasten auch Schmerzen oder die Nebenwirkungen von Medikamenten den Magen.

Häufig gibt es nicht nur einen Grund, wenn die Lust am Essen ausbleibt. Deshalb ist eine gute Beobachtung und fachliche Beratung nötig, bevor Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte die schwierige Frage beantworten: Können oder müssen wir auf die Gabe von Essen verzichten? Nach wie vor glauben viele, dass Sterben ohne Essen und Trinken grausam sei. Es hat sich noch viel zu wenig herumgesprochen, dass der Verzicht auf Essen und Trinken körpereigene Stoffe aktiviert, die Schmerzen mindern.

Aber wann können wir einschätzen, ob ein Demenzkranker "nicht mehr will"? Und wie lange trägt der mutmaßliche oder geäußerte Wille? Aus fachlicher Sicht sehe ich uns verpflichtet, immer wieder Essen und Trinken anzubieten. Aber wir müssen auch akzeptieren, wenn dies nicht angenommen wird. Dann gilt: kein Druck, kein Zwang, keine Tricks!

Kleine Wunder machen nachdenklich

Demenzpatienten leben nur im Moment. Das müssen wir akzeptieren. Genauso wie die Tatsache, dass ein Rest an Selbstbestimmung immer bleibt. Diese Grundeinstellung habe ich von einer demenzkranken Frau lernen dürfen. Mit 95 Jahren hatte sie sich über drei Wochen lang offensichtlich zum Sterben gelegt. Sie ruhte so friedlich in ihrem Bett, dass die Mitarbeiter ein schlechtes Gefühl hatten, wenn sie ihr Medikamente, Getränke oder Essen reichten.

Gemeinsam mit dem Hausarzt und den Angehörigen führte ich dann ein langes und trä-nenreiches Gespräch am Sterbebett. Wie immer hatte ich die alte Dame im Blick, konnte jedoch keine Anteilnahme wahrnehmen. Die Entscheidung war gefallen: Keine Medika-mente mehr, Loslassen erlauben und gleichzeitig immer wieder Essen und Trinken anbie-ten und deren Ablehnung akzeptieren. Nach nur drei Tagen saß die alte Dame wieder auf ihrem gewohnten Platz. Auf meine Frage: "Das ist ja schön, dass Sie wieder hier sind" antwortete sie verwundert: "Wieso, ich bin doch immer da."

Informationen zum Autor:

Martin Hamborg ist 1. Vorsitzender der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung e. V. Der Diplompsychologe ist unter anderem für die Kieler Servicehäuser der AWO tätig.

Schlagworte: Ernährung | Betreuung | Alltag | Zuhause

5 Kommentare

Heiner am 08.07.2010, 15:11 Kein Zwang, keine Tricks - sehr gut. Aber dann verstehe ich das Ende des Textes nicht ganz. Haben Sie am Bett der alten Dame nur so getan, als würden Sie ab sofort kein Essen und keine Tabletten mehr verabreichen? Und das hat sie gehört und sich entschieden, weiterzuleben?

Martin Hamborg am 14.07.2010, 08:01 Im Text ist es vielleicht nicht richtig deutlich geworden: Weil der mutmaßliche Wille bei einem Demenzkranken immer nur für den Moment gilt, müssen wir weiterhin Nahrung und Getränke anbieten.
Und zwar so, dass der Demenzkranke die Möglichkeit hat, zu essen und zu trinken. Nimmt er etwas zu sich, ist dies zu respektieren. Lehnt er das Angebot ab und dreht z.B. den Kopf weg, gilt dies ebenso.
Hier liegt der wesentliche Unterschied zu einem sterbenden Menschen ohne Demenz, bei dem wir davon ausgehen können, dass der Wille kontinuierlich ist.

Susann am 28.10.2010, 08:55 Wir haben unserer demenzkranken 89-jährigen Oma ihren Willen gelassen daß sie im Moment auf keinen Fall zu uns ziehen möchte - \"erst wenn ich mal alt und krank bin!\" Wir haben aber eine Tagespflege organisiert. Ich stelle mir jeden Morgen den Wecker und coache sie per Telefon, daß sie bereit ist, aufzustehen und sich vom Busfahrer dieser auffallend gut strukturierten Einrichtung abholen zu lassen. Und ich muß ehrlich sagen ich wende alle Tricks an, daß sie bereit ist, denn den ganzen Tag alleine zu sein bekommt sie nicht mehr richtig auf die Reihe. (Wir haben mit der Pflege Daheim-Schwester entspr. beraten und auf diese Tagespflege umgestellt.)
Also ich wende Tricks an zum Überreden und Positiv-einstimmen.
Heute morgen hat sie gerade den Hörer neben das Telefon gelegt - nach langem Hin und Her - da kann ich also nichts mehr machen.
Sie hat den festen Willen in ihrer Wohnung zu bleiben. Wir halten die Wohnung sauber - diesbetr. gibt es vorerst keine Probleme. Diesen Willen haben wir ihr also zunächst gelassen. Wir hören uns aber von Verwandten an (die bezüglich des Problems wirklich ahnungslos sind) daß wir völlig verantwortungslos handeln.
Handeln wir verantwortungslos??? Wir müßten strikt gegen den Willen unserer Oma handeln wenn wir derzeit Veränderungen einleiten möchten. Auch der von der BKK angebotene Monat Pflege in einer Einrichtung zu unserer eigenen Erholung würde unserer Oma das Herz brechen (weil sie nicht erkennen kann daß es nur vorübergehend wäre) Darum haben wir auch hiervon noch abgesehen.
Wie können wir unsere Verantwortung RICHTIG, aber ohne seelisch zu verletzen, wahrnehmen???

Katja am 29.10.2010, 14:08 Als wir einmal für längere Zeit in den Urlaub fahren wollten, haben wir unsere Oma in ein Heim gegeben und ihr erzählt, dass es ein Hotel wäre. Das hat prima funktioniert. Auf Nachfragen sagte sie später immer, was für ein schönes Hotel es gewesen sei und wie wohl sie sich dort gefühlt hätte. Nur die Kosten wären etwas hoch gewesen.

Martin Hamborg am 01.11.2010, 12:06 Zwei wichtige Themen, Verantwortung und Tricks, möchte ich gern noch aufgreifen:

Die Übernahme der Verantwortung

Susann weist in ihrem Beitrag darauf hin - sie ist ein Dilemma in der Betreuung Demenzkranker.
Es gehört zum Wesen der Krankheit, dass klare Willensäußerungen dem eingeschränkten Risikobewußtsein gegenüberstehen. Der Kranke bewertet die Situationen in seiner subjektiven Welt, häufig mit dem, was im Langzeitgedächtnis gespeichert ist und einem manchmal starken Selbstbewußtsein aus der Vergangenheit und der gefühlten alten Rolle heraus.

Diskussionen, Beweise, Zurechtweisungen und die Hoffnung auf Einsicht helfen dabei selten. Im Gegenteil, sie verstärken die Abwehr, den Ärger und die in der Situation erlebte Abhängigkeit. Dies kann zu einem Teufelskreis werden, der manchmal in Tätlichkeiten endet. Ein schlechtes Gewissen und Macht der Fürsorge heizen den Teufelskreis eher an.

An dieser Stelle hat mir die Sprache selbst geholfen:
Ver-antwort-ung: fragt (nur) nach meiner Antwort auf die Herausforderungen und die gibt es nur mit dem Demenzkranken und nicht gegen ihn.

Deshalb gibt es manchmal kein "richtiges" Verhalten, aber richtig ist alles, wenn die Richtung stimmt und die gibt erstmal der Demenzkranke vor: Wenn wir seine Gefühle, Bedürfnisse, Ängste, Antriebe und Erinnerungen erkennen, können wir sie vielleicht in eine bessere, sicherere Richtung lenken, je mehr Wertschätzung, desto besser.

Wenn ein Demenzkranker in der eigenen Wohnung sein "zuhause" sucht, ist es ein Hinweis darauf, dass die Geborgenheit, die Begegnungen, das Gefühl daheim zu sein ... nicht mehr da sind.

Es ist ein zentrales Ziel der Tagespflege und des Pflegeheims, das Gefühl zu schaffen, daheim anzukommen. Und dann erleben wir Menschen, die im Heim ganz zuhause sind, so sehr, dass sie in alle Zimmer gehen und sich in jedes Bett legen, an "fremde" Schränke gehen...

Das Ziel ist Katja mit dem Hotelbild gelungen. Bei uns haben einige Demenkranke das Gefühl, sie seien in einer Pension. In beiden Bildern steckt das subjektive Gefühl, so frei zu sein, dass man gehen kann.

Probleme können entstehen, wenn wir das Bild mit der Realität gleichsetzen und nicht sagen: "wie im Hotel". Viel länger als das sprachliche Verständnis ist die Wahrnehmung für die kleinen Gesten und eine entlarvenden Mimik bei Demenz erhalten. Deshalb, lügen und betrügen Sie nicht: Wie ein Lügendetektor achtet der Demenzkranke auf die nichtsprachlichen Hinweise.

Damit wird von Ihrer Seite Ihre Beziehung um so mehr belastet, je mehr Sie solche "Tricks" anwenden. Psychologisch können Sie dann in die Rolle des Betrügers rutschen - und die ist keine gute Basis für den gemeinsamen lezten Weg.

Im Ratgeberforum werden viele "richtige" Möglichkeiten diskutiert und Sie bekommen vielleicht Anregungen, wie Sie validieren können. Ich wünsche Ihnen, dass etwas für Sie "richtiges" dabei ist!

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