Als ich meine Ausbildung zur Altenpflegerin begann, erlag ich dem Trugschluss, dass Menschen in Pflegeberufen sozial kompetenter seien und fürsorglich miteinander umgingen. Tatsächlich war ich völlig entsetzt über das oft schlechte Miteinander in den Pflegeteams und über die zahlreichen Burn-out-Symptome meiner Kollegen. Dauerstress am Arbeitsplatz, Wochenendarbeit und bis zu 13 Arbeitstage am Stück haben auch mich sehr belastet – vor allem in den stationären Einrichtungen, aber auch im ambulanten Dienst.
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Oft konnte und kann ich bis heute nach Feierabend nicht abschalten. "Lernt man, damit umzugehen?", fragten wir "Azubis" uns untereinander während des Unterrichts und ich meinte: "Nein, empathische Menschen haben es damit sicherlich immer sehr schwer." Inzwischen weiß ich, dass man mit der Zeit lernt, zumindest professioneller mit den körperlichen und auch psychischen Belastungen des Pflegeberufs umzugehen. Dazu gehört auch, Trauer und Erinnerungen an eigene Verlusterfahrungen zuzulassen. Einige Situationen kosten besonders viel Kraft und setzen Emotionen frei. Ruhigere Zeiten ermöglichen dann den notwendigen Ausgleich – sofern man in einem Team arbeitet, in dem ein Austausch stattfindet und auch Gefühle erlaubt sind.
In den meisten stationären Einrichtungen käme ich heute mit Sicherheit nicht mehr klar. Die Zeitkorridore laut Leistungskatalog für die einzelnen Pflegemaßnahmen sind für mich, die mit Fünfzig noch zur Berufsanfängerin wurde, einfach zu eng. Aber auch die jüngeren Kollegen klagten bereits während ihrer Ausbildung über die große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.
Ich finde es bedauerlich, dass eine anfänglich hohe Motivation oft dem Berufsalltag zum Opfer fällt. Den Druck auszuhalten, habe ich nicht immer geschafft. Es gab Probearbeitstage, die ich vorzeitig abgebrochen habe:
Ich konnte es nicht ertragen, wie emotionslos in einigen Heimen gepflegt wird.
In vielen anderen Einrichtungen, und das soll nicht unerwähnt bleiben, wird den Patienten eine gute und einfühlsame Versorgung zuteil. Besonders gern gearbeitet habe ich bisher in der stadteilbezogenen Quartiersarbeit und in häuslichen Wohngemeinschaften, in angenehmen Teams mit netten Kollegen.
Es ist mir sehr wichtig, dass Zeit bleibt, sich untereinander und mit den Menschen mit Hilfebedarf auszutauschen. So können sie zu guten Freunden werden, mit denen wir lachen und den Alltag durchleben. In solchen Momenten bin ich sehr stolz auf meinen neuen Beruf und würde mit niemandem tauschen wollen.
Informationen zur Autorin:

- Maria Tölle
Maria Tölle (55) lebt in Ostwestfalen-Lippe, ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie arbeitet als freiberufliche Altenpflegerin für den Verein Alt und Jung Süd-West e. V. im "Bielefelder Modell" und ist dort neben ihrer Pflegetätigkeit mitverantwortlich für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz. Als Kursleiterin Pflege schult und begleitet sie Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegekräfte. Maria Tölle hat vor ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin jahrelang ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zuhause gepflegt und betreut.
Weitere Beiträge von Maria Tölle:
Erfahrungen mit ehrenamtlichen Helfern
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…
Erinnerungen an die NS-Zeit
Mit Fünfzig noch eine Ausbildung anfangen?
Wie die Demenz meiner Mutter mein Leben veränderte
1 Kommentar
am 16.05.2011, 22:20
Sehr geehrte Frau Tölle,
ich kann Ihre Schilderungen über die unerträglichen Zustände in (viel zu vielen) Einrichtungen der Alten- und Krankenpflege gut nachvollziehen. Schon während meiner Krankenpflegeausbildung vor über 20 Jahren war den meisten Kursteilnehmern klar, dass es eine schmerzliche Differenz zwischen den vermittelten Inhalten und den eigenen Ansprüchen an den Beruf auf der einen und dem Stationsalltag auf der anderen Seite gab!
Seit dieser Zeit hat sich für die Pflegeberufe leider nichts, aber auch gar nichts, zum Besseren verändert... Im Gegenteil! Das spüren heute immer mehr die uns anvertrauten Menschen, welche uns viel zu oft gehetzt und abgearbeitet erleben. Auch nach meinem Studium zum Diplom-Pflegewirt ging es mir in dem bestehenden System der Minuten-Pflege nicht wirklich besser.
Deshalb bin ich heute sehr froh, in der beruflichen Selbstständigkeit - so ähnlich wie Sie ja wohl auch - meine berufliche Nische gefunden zu haben, in der ich meine eigenen Vorstellungen von einer menschlichen Betreuung, Beratung und Begleitung weitgehend umsetzen kann! Ich denke, wir müssen als Pflegekräfte selbstbewußter und solidarischer werden, um mit unseren eigenen Belangen und den Bedürfnissen der von uns betreuten Menschen gehört zu werden! Ich bin gerne bereit, Pflegefachkräfte, welche den Schritt in die berufliche Selbständigkeit wagen möchten, auf ihrem Weg hin zu einer partnerschaftlichen und selbstbestimmten Tätigkeit zu begleiten, wenn diese ihrerseits bereit sind zu einem Austausch zum Nutzen aller Beteiligter. Die Kontaktaufnahme zu mir ist unter albohn@julema.de möglich!
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