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Zu Hause bleiben um jeden Preis?

Silke Kaiser am 18.10.2010, 09:00 | 0 Kommentare

Herr G. wohnte im eigenen Haus in Bad H. Seine seit Jahren fortschreitende Demenz und sein insulinpflichtiger Diabetes machten eine selbständige Lebensführung immer schwieriger. Nach dem Tod der Ehefrau verschlechterte sich die Situation des einst so erfolgreichen Ingenieurs dramatisch. Der Sohn – Arzt in Berlin – wünschte sich, dass sein Vater zu Hause wohnen bleiben kann. Er organisierte eine häusliche Betreuung: ein mühsam gestricktes Netzwerk aus Einsätzen der Sozialstation, fahrbarem Mittagstisch, Haushaltshilfen, Putzdiensten und privat finanzierten, sich abwechselnden Betreuungskräften, die erst stundenweise, dann Tag und Nacht im Haus wohnten.

Der Sohn besuchte den Vater so oft er konnte. Immer häufiger erschienen ihm diese Visiten aber wie "Feuerwehreinsätze". Einmal war der Vater im Haus gestürzt, ein andermal wollte er nicht essen und trinken oder weigerte sich trotz ausgeprägter Inkontinenz, sich waschen und umkleiden zu lassen. An anderen Tagen wies er sogar seine Insulininjektion zurück.

Freundschaftlicher Rat

Der Sohn beriet sich mit einer befreundeten Ärztin. Sie empfahl ihm unseren geschützten Wohnbereich für Menschen mit Demenz und Verhaltensauffälligkeiten im Sophienhaus. Der Sohn schaute sich unseren Wohnbereich an und stellte viele Fragen. Er äußerte auch seine Zweifel und Ängste. So sorgte er sich etwa, ob man so einen "alten und kranken Baum" wie seinen Vater noch verpflanzen dürfe und ob eine Institution den individuellen Bedürfnissen und der ausgeprägten Persönlichkeit seines Vaters gerecht werden könne. Obwohl er Arzt war und das Krankheitsbild Demenz gut kannte, fiel ihm die Entscheidung sichtlich schwer. Er war eben auch Sohn! Schließlich erkundigte er sich, ob er vielleicht die ersten Tage und Nächte mit einziehen könne, um zu sehen, ob der Vater den Übergang verkraftet. Das war für uns Pflegende zwar überraschend und neu, aber der Gedanke gefiel uns: Warum eigentlich nicht?

Wohnen auf Probe

Herr G. reiste in Begleitung seines Sohnes an, erschöpft von der langen Autofahrt, aber durchaus freundlich und aufgeschlossen. Sein abenteuerliches Aussehen ließ uns sofort die Probleme begreifen, die es wegen der Körperpflege gab. Der Ortswechsel schien Herrn G. nicht zu irritieren. Er inspizierte aufmerksam seine Umgebung, schaute in Schränke und Schubladen, öffnete Türen, entdeckte die Wohnküche, genoss lächelnd die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Pflegenden und Mitbewohner als Neuer. Der Sohn richtete das Zimmer ein, brachte Fotos und Erinnerungstücke mit, schloss Bekanntschaft mit dem Pflege- und Betreuungsteam. Besonders in den Nachtstunden, wenn der Vater friedlich schlief, als hätte er immer schon in diesem Zimmer gewohnt, hatte der Sohn viel Gelegenheit, mit Pflegenden zu reden, aus der Biographie des Vaters zu erzählen, über Gewohnheiten und Abneigungen zu berichten. Und er schaute uns beim Umgang mit dem Vater und den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern genau auf die Finger.

Zustand verbessert

Aus ein paar Tagen wurde mehr als eine Woche, dann konnte der Sohn loslassen – und ließ seinen Vater in unserer Obhut. Jetzt kommt er regelmäßig zu Besuch, geht mit dem Vater essen, macht Ausflüge in die Umgebung. Es geht ihm inzwischen gut mit seiner Entscheidung. Auch das leidige Problem der Verweigerung der Körperpflege ist mit viel Geduld und Einfühlung von den Pflegenden inzwischen befriedigend gelöst. Für uns als Pflegeteam hat sich bestätigt: Geht es den Angehörigen gut, geht es auch den Menschen mit Demenz besser. Sie spüren die Entspannung und profitieren deutlich von der Gelöstheit und der unverkrampften Zuwendung ihrer Lieben.

Silke Kaiser
Silke Kaiser

Informationen zur Autorin:

Silke Kaiser (52) arbeitet seit 2003 im Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Berlin-Steglitz. Im Jahr 2006 hat sie die Leitung des dortigen Wohnbereichs für an Demenz erkrankte Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten übernommen.

 

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Schlagworte: Entlastung | Zuhause | Pflege | Betreuung | Alltag

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