Dieses Mal möchte ich von zwei Erlebnissen berichten, die sich vor längerer Zeit ereignet haben. In beiden Fällen spielen Stühle eine wichtige Rolle.
Noch vor einigen Jahren war Emine "Läufer". Dieses Stadium im Krankheitsverlauf von Alzheimer ist wörtlich zu nehmen. Als meine Frau in dieser Phase war, bin ich fast wahnsinnig geworden. Sie war nicht mehr zu halten, war ständig in Bewegung, lief die Gänge auf und ab. Dabei war es ihr egal, ob etwas im Weg stand. In diesen vier Monaten war meine Frau Dauergast im Krankenhaus. Weil Schränke und Stühle nicht weichen wollten, mussten die Ärzte Platzwunden an der Stirn und am Hinterkopf und eine gebrochene Hand versorgen.
Das Weblog
Tasttafeln und die Gehversuche mit meiner Frau
In dieser Zeit waren die Stühle auf den Gängen sehr wichtig. Denn wo immer eine freie Sitzgelegenheit steht, nehmen Läufer kurz Platz, um zu rasten. Nach wenigen Sekunden gehen sie wieder los. Damals war Emine nicht ansprechbar, sie reagierte nicht auf meine Stimme und ließ sich nicht von mir vom Laufen abhalten. Heute ist das Gott sei Dank anders, obwohl ich mich daran erinnere, dass meine Frau zu dieser Zeit, wenn sie fixiert war, noch mit mir sprechen konnte. Das fehlt mir heute sehr.
Kuscheltiere und Besen als Erinnerungshilfe
Gute Erinnerungen habe ich an ein anderes Ereignis. Damals hatte meine Frau einen tollen Tag erwischt. Sie war auf der Station von ihrem Fixierstuhl bis zu ihrem Rollstuhl, den ich an ihrem Zimmer habe stehen lassen, fast 30 Meter mit mir gelaufen. Klar mussten wir Pausen machen, aber dafür stehen dort ja die Stühle.
Auf dem Weg zum Rollstuhl kamen wir an den Tast- und Fühltafeln vorbei. Wenn meine Frau in der Lage ist, sie wahrzunehmen, bleiben wir dort immer einen kurzen Moment stehen. Die Bewohner können die an den Tafeln aufgehängten Gegenstände berühren und sich dabei an Altbekanntes erinnern. Eine Tafel ist zum Beispiel mit Türklinken in allen erdenklichen Formen versehen, an einer anderen sind verschiedene Besen befestigt – vom harten Straßenbesen bis hin zum sehr weichen Stubenbesen. Auch eine Kuscheltier-Tafel gibt es, mit Elefant, Katze, Hund und Maus. In den unteren Gängen des Pflegeheims, die zu unserem Garten der Sinne führen, sind sogar Tafeln mit Nudeln angebracht, von Spaghetti über Hörnchen bis hin zu Buchstabennudeln. Auch verschiedene Klanginstrumente hängen in den Gängen.

Bei unserem Spaziergang griff meine Frau immer wieder nach den Tasttafeln. Beim Berühren der unterschiedlichen Besen schaute sie mich fragend an. Aus Ihrem Blick las ich den Satz: "Du, das kenne ich…" – und mein Goldstück lächelte mich dabei an.
Informationen zum Autor:

- Adolf Oppermann
Adolf Oppermann (50) ist gelernter Koch und lebt in Wuppertal. Der Frührentner ist seit 21 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt ist. Adolf Oppermann besucht Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."
Weitere Beiträge von Adolf Oppermann:
Die ersten Zeichen der Alzheimer-Erkrankung meiner Frau
Gefühle und der Umgang mit ihnen
Besuch aus dem Kindergarten
Emine und das Katzenglück, Teil 3
Emine und das Katzenglück, Teil 2
Emine und das Katzenglück, Teil 1
Emines Lächeln
Internet-Links
WDR-Beitrag "Adolf und Emine"
Weblog-Autor Adolf Oppermann besucht seine demenzkranke Frau Emine fast täglich im Pflegeheim. Ein Team des WDR-Magazins "Aktuelle Stunde" hat ihn begleitet und gibt Einblick in das Leben des Paars.
2 Kommentare
am 10.06.2011, 19:31
Hallo,
ich habe eben Ihren Artikel gesehen und habe auch einen Mann der an Alzheimer erkrankt ist. Mein Mann ist 61 und seit 2005 ist die Krankheit bekannt, wobei er am Anfang noch viele Fähigkeiten hatte und noch einige Sachen alleine konnte, wie sich waschen,anziehen usw. Er fuhr auch noch Auto. Mit der Zeit hat sich alles verschlechtert .
Heute kann er sich nicht mehr gut erinnern.Wir sind noch immer in Urlaub gefahren, wir besuchen viele Betreungscafés und mein Mann ging bis jetzt 1x in der Woche zur Tagespflege. Er wurde vor ca 2 Monaten am Knie operiert und hat eine Vollnarkose bekommen. Jetzt ist er auch zum "Läufer" geworden und ich mußte ihn zur Medikamenteneinstellung in ein Krankenhaus bringen , da er auch verbal agressiv wurde.
Wir sind auch 39 Jahre verheiratet und ich liebe meinen Mann über alles. Ich werde ihn jetzt 5 Tage die Woche zur Tagespflege bringen und hoffe, das ich es noch lange kann. Wir haben zwei Söhne und diese stehen uns auch mit Hilfe bei. Ich besuche meinen Mann auch jeden Tag im Krankenhaus, das wird ca noch 10 Tage sein.
Ich wünsche Ihnen auch alles Gute und das Sie die Kraft weiterhin haben, Ihre Frau zu besuchen. Ich bin 57 Jahre alt.
Ilona Zimmermann
am 10.06.2011, 20:19
Hallo Herr Oppermann,
der heutige Bericht im WDR hat mich sehr beeindruckt.
Die liebevolle Fürsorge für Ihre Frau, die Herzensgüte, die Sie ausstrahlen.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und auch Momente, in denen Sie auftanken können.
Herzliche Grüße an Sie,
Monja
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