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DAS WEBLOG

Demenz und Zeitempfinden

B., Angela am 14.01.2014, 11:26 | 0 Kommentare

Für jeden ist es wohl entsetzlich zu erfahren, wenn ein geliebter Mensch sich immer mehr verändert. Es gibt lichte Momente – und dann wieder kann er sich an nichts mehr erinnern. So auch bei Angelas Mutter.

Demenz und Zeitempfinden

Nachdem die Feiertage vorüber sind, allmählich wieder Alltag einkehrt, soweit man von Alltag reden kann, wenn man eine an Demenz erkrankte Mutter hat, möchte ich Ihnen mitteilen, welche schönen Momente ich in der Weihnachtszeit mit meiner erkrankten Mutter erleben durfte.
Inzwischen habe ich die tägliche Versorgung meiner Mutter dank der Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes und einer sehr netten, langjährigen Nachbarin von Montag bis Freitag gesichert. An den Wochenenden bin ich dann bei ihr und wir verbringen die Zeit miteinander.
Noch weiß meine Mutti wer wir sind, aber die Dimension Zeit scheint bei ihr eine andere zu sein als bei uns „Gesunden“. Das ist einerseits gut, so merkt sie nicht, dass ich nicht jeden Tag bei ihr bin. Andererseits bedeutet das auch, dass sie immer öfter am Tag schläft und in der Nacht aktiv wird.
Umso schöner war es, Sie in der Adventszeit und Weihnachten zu erleben. Am 1. Adventswochenende hatten wir gemeinsam ihr Wohnzimmer adventlich hergerichtet und wie in meinen Kinderjahren Plätzchen gebacken. Was hatte meine Mutti für eine Freude am Ausstechen der Plätzchen. Sie erzählte dabei von Ihrer Kindheit und summte vor sich hin. Ihre Augen strahlten. Auch ich fühlte mich in diesem Moment sehr wohl und vergaß für einige Zeit, dass meine Mutter krank war.
Doch jede von ihnen weiß, dass so schöne Momente nur von kurzer Dauer sind. Nachdem die ersten Plätzchen im Ofen waren, ging meine Mutti ins Wohnzimmerer um –ich weiß nicht was –zu holen. Sie hatte es auf dem Weg dorthin oder zurück wohl auch vergessen und kam nicht zurück. Als ich nachsah, saß sie in ihrem Lieblingssessel vor dem Fernseher döste vor sich hin.
Am Nachmittag dann, als wir nach einem Spaziergang aus dem naheliegenden kleinen Wald zurückkamen, wollte sie Plätzchen backen. Es gab keine Erinnerung mehr daran, dass wir das bereits am Vormittag erledigt hatten. Umso schöner war dann der Augenblick als wir am Tisch mit unseren Kaffeetassen, frischen Plätzchen bei Adventsmusik und im Kerzenlicht saßen. Da war wieder dieses Strahlen in ihren Augen. Sie drückte meine Hand und summte zur Musik.
Meine Mutti spricht sehr wenig. Sie hat auch früher wenig gesprochen oder Liebe gezeigt. Mein Vater verstarb als sie ca. 50 Jahre alt war. Sie arbeiteten viel auf dem Feld und auf dem Bauernhof. Wenn man mit ihr reden wollte, kam meist: „Zum Quasseln habe ich keine Zeit“
Dieses Strahlen und das Drücken meiner Hand war so viel Liebesbeweis wie ich ihn früher nie von ihr bekam. In diesen Momenten waren wir uns sehr nahe.
Ähnlich war es Weihnachten. Was hatte meine Mutti für eine Freude daran, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Er konnte gar nicht bunt genug sein und viel Licht sollte brennen (natürlich künstliches.) Beim Schmücken erzählte sie dann wie sie als Kind mit ihrer Mutter den Baum geschmückt hatte und entsprechende kleine Geschichten dazu, die ich nie vorher von ihr gehört hatte. Bei mir im Kopf ging es immer hin und her: „Wahr oder nicht wahr?“ Dann die Entscheidung: „Egal, sie freut sich!“ Als dann meine beiden Mädels zur Bescherung kamen, hatte meine Mutti zwar deren Namen nicht mehr parat, freute sich aber unbändig über den Besuch.
So schön die Vorweihnachts- und die Weihnachtszeit auch waren, es muss meine Mutti sehr angestrengt haben. Am 2. Feiertag wollte sie nicht aufstehen; war müde, regelrecht erschöpft. Als sie gegen Mittag dann doch aufstand, gab es das Weihnachtsfest nicht mehr. Sie hatte die beiden vorherigen Tage vergessen und wartete auf die Nachbarin.
Am Abend dann wollte sie nach Sangerhausen fahren und die beiden Mädchen besuchen, die „schon lange nicht mehr da waren“.
Ich konnte sie nicht davon abbringen; bin also mit ihr zur Bushaltestelle. Nachdem wir dort ein wenig gestanden hatten und ich ihr von meiner Arbeit erzählte, hatte sie vergessen, dass sie mit dem Bus fahren wollte und wir sind zurück zum Haus.
Bei mir aber kam wieder die Frage hoch:“ Was ist wenn keiner bei ihr ist, läuft sie alleine los? Was kann ich tun? GPS ja oder nein? Zu ihr aufs Dorf ziehen? Sie zu mir in die Stadt holen?

All diese Fragen begleiten mich nun in das neue Jahr. Denn ich bin mir im Klaren, besser wird ihr Zustand nicht. Aber ich weiß, dass ich die wenigen schönen Momente mit meiner Mutti genießen kann und auch genießen möchte. Das habe ich in der Weihnachtszeit erfahren.

Informationen zur Autorin

B., Angela wurde 1961 geboren, sie arbeitet als Verkäuferin ist alleinlebend und hat zwei erwachsene Töchter. Sie lebt in Sangershausen und pflegt schon seit zwei Jahren ihre an Demenz erkrankte Mutter (77).

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