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DAS WEBLOG

Märchen-Kunsttherapie 2. Teil

Claudia Büeler am 14.11.2011, 11:56 | 0 Kommentare

Bei den bisherigen kunsttherapeutischen Projekten, die ich in dem Kölner Seniorenheim geleitet habe, konnte ich einige Bewohner näher kennenlernen. So auch Frau S. In den Jahren zuvor hatte sie immer mitgesungen, Gedichte aufgesagt, Kollagen gemacht und gemalt. Aber dieses Jahr, bei unserem Märchenprojekt "Dornröschen", ging es ihr deutlich schlechter. Beim Frühstück wusste sie nicht mehr, wie man isst, und bei uns saß sie blass und wortkarg in der zweiten Reihe und ließ sich nicht zum Mitmachen motivieren.

Wir planten, das Projekt mit einer kleinen Aufführung abzuschließen, zu der auch Mitarbeiter und Heimleiter eingeladen waren. Immer wieder spielte ich mit den Bewohnern die Szene, in der Dornröschen geboren wird, die 12 Feen ihre guten Wünsche bringen und die dreizehnte einen bösen Wunsch äußert. Wir malten Symbole für die guten Wünsche, die für Freude, Geborgenheit, Fürsorge, Verständnis und Glück stehen. Gegen Ende des Projekts waren einige Bewohner bereit, mitzuspielen. Frau S. verfolgte das Ganze mit scheinbar wenig Interesse, worüber ich ein wenig traurig war. Was nimmt sie wahr? Wir wussten es nicht.

Am Morgen der Aufführung war ich aufgeregt. Würde es klappen? Eine Teilnehmerin brauchte ich als "Alte hinterm Spinnrad" für die Szene, in der Dornröschen sich an der Spindel in den Finger sticht. Aus einer Laune heraus bat ich Frau S., diese Statistenrolle zu übernehmen, was sie erstaunlich bereitwillig tat.
Das Stück fing recht zäh an, daher las ich noch einmal ganz langsam das Märchen vor. Dann spielten wir die "Wünsche schenken"-Szene. Nur sehr langsam konnte ich die Bewohner ermutigen, sich die Symbole auszusuchen, die Wünsche zu verbalisieren und die Symbolbilder weiterzureichen. Fast wollte ich aufgeben, doch glücklicherweise spielten wir weiter.

Ich ging in meiner Rolle als Dornröschen auf Frau S. zu und rief, auf die Spindel zeigend: "Mütterchen, was ist das für ein seltsames Gerät?" Da sagte sie, klar und deutlich, wie in der ganzen Woche nicht: "Das ist eine Spindel, wie wir sie früher auch hatten, um Flachs zu weben. Wir waren ja eine große Familie mit fünf Kindern und da gab es so manchen Streit." Ich setzte mich auf die Liege neben ihr. Da sprach Frau S. weiter: "Es brauchte manchmal Jemand, der Streit schlichtet und Frieden stiftet." Sie sah mich eindringlich an. "Wir Alten scheinen das vergessen zu haben. Wir leben hier Tag für Tag, ohne uns zu sehen." Sie zeigt wieder in die Runde. "Wissen Sie, lassen Sie es mich so sagen. Wir hier in Köln, wir sagten früher immer: ‚Isch hann disch järn!’, aber das sagen wir uns nicht mehr oft. Wir sollten uns das wirklich öfter sagen, und Sie kommen, um uns das zu zeigen!" Kein Reflexionsgespräch hätte die Botschaft unseres Stücks besser auf den Punkt bringen können. Alle klatschten und die Aufführung erreichte am Ende ihren Höhepunkt.

Foto der Weblogautorin Claudia Büeler
Foto: Claudia Büeler

Claudia Büeler leitet eine kunsttherapeutische Praxis mit Sitz in Düsseldorf. Die zweifache Mutter hat sich auf die Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen spezialisiert. Seit 2003 besucht sie Altenheime und führt Projekte vor Ort durch. Die dabei entstandenen Werke waren bereits auf Ausstellungen zu sehen. Sie arbeitet mit verschiedenen Trägern, Fachhochschulen und Bildungseinrichtungen zusammen, gibt Workshops und Beratungen.

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