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DAS WEBLOG

Ein normaler Alltag mit Demenz

Bernadette Engelhardt am 02.05.2011, 12:30 | 2 Kommentare

Wenn man Texte über Demenz und Alzheimer liest, können die darin genannten Zahlen, Daten, Fakten und Theorien sehr hart sein. Sie erschrecken, mahnen, lösen oftmals Ängste und Sorgen aus: Für viele Demenzkranke, Angehörige und Betreuer verschwinden die schönen Momente des Alltags oft hinter den teilweise harten Anforderungen des Betreuungsumfangs. Für meine tägliche Arbeit als Betreuungsassistentin trifft das nicht zu. Meine Tätigkeit ist durch und durch liebens- und erlebenswert. Denn ich bin im Laufe der Zeit durch die täglichen Wiederholungen und Rituale in eine gewisse Natürlichkeit hineingewachsen. Ich habe das Leben mit den demenzkranken alten Menschen mehr und mehr verinnerlicht, es ist für mich ein normaler Lebensbereich.

Sicherlich existieren Vorgaben, ein Betreuungskonzept und klare Strukturen. Doch an meinem jetzigen Arbeitsplatz haben wir Betreuungsassistenten ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit, Selbstständigkeit und Flexibilität. Ideen, Anregungen und individuelle Änderungen innerhalb der Bezugsbetreuung sind erwünscht und meist auf kurzen Wegen umsetzbar, da der Bezugsbetreuer fester Ansprechpartner für einen Bewohner oder eine Bewohnerin und für die Angehörigen ist. Ich weiß, dass das nicht in allen Einrichtungen so umgesetzt wird, kann aber sagen, dass ich hier nun beruflich absolut "angekommen" bin und mich am richtigen Ort eingesetzt fühle!

Vor einigen Tagen saßen wir mit einer recht großen Gruppe draußen bei herrlichem Sonnenschein. Wir hatten spontan die Demenz-Nachmittagsgruppe samt Kaffee, Getränken, Obstkorb und einem Tablett voller Kekse nach draußen verlegt. Im Laufe der Zeit setzten sich einige Mitarbeiter und Angehörige dazu. Wir holten weitere Stühle, plauderten, tranken zusammen Kaffee und schnitten Obststücke zurecht. Irgendwie hatten wir Betreuer und Angehörige immer einen der Senioren im Arm oder liebevoll umsorgt neben uns sitzen. Die Atmosphäre war entspannt und fröhlich, alles passte zusammen. Die eine oder andere Äußerung unserer Senioren hätte an anderen Orten für Angehörige und Fremde sicher "unschicklich", befremdlich oder gar peinlich gewirkt, hier war dies absolut nicht der Fall. Im Gegenteil, es war eine fröhliche, heitere, entspannte und harmonische Zeit miteinander.
Wir hatten an diesem Nachmittag ein Stück Normalität geschaffen. Die Angehörigen, die teilweise einen langen und oft unglaublich Kräfte zehrenden Weg hinter sich haben, begannen ebenfalls, sich zu entspannen. Wenn sie erleben, dass eine Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung durchaus eine Alternative sein kann und darf, finden auch sie wieder mehr zu sich selbst.
An diesem sonnigen Tag erhielt ich, stellvertretend für unser aller Arbeit, ein wunderbares Kompliment: "Ich habe das gute Gefühl, mein Vater darf hier einfach genau so sein, wie er ist! Auch meiner Mutter geht es jetzt täglich besser, seit mein Vater hier bei Ihnen ist!"

Informationen zur Autorin:

Foto der Weblogautorin Bernadette Engelhardt
Foto; Bernadette Engelhardt

Bernadette Engelhardt (Kulturgeragogin (FH)) ist unter anderem als zertifizierte Betreuungsassistentin in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege tätig. Freiberuflich arbeitet sie zusätzlich als Beraterin und Betreuerin für Menschen mit Demenz und deren Angehörige, sowie als Autorin und Projektleiterin. Seit August 2012 ist sie zusätzlich tätig als "Botschafterin" für die bundesweite Kampagne Konfetti im Kopf. Nach mehreren Ausbildungen absolvierte sie weitere Fortbildungen und Ehrenämter im sozialpädagogischen und psychologischen Bereich. Bernadette Engelhart lebt in Bonn.

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2 Kommentare

Adolf Oppermann am 06.05.2011, 07:10 Liebe Frau Engelhardt,

es ist schon bemerkenswert, was sie leisten. Aus Ihren Berichten über Ihren Umgang mit Angehörigen und Bewohnern, die Situationen Ihrer täglichen Arbeit einer Betreuungsassistentin, sowie die von ihnen immer wieder mit ihrer Herzlichkeit und Leichtigkeit beschriebenen „Dinge“ des Lebens sind nicht alltäglich. Sie sind ein besonderer Mensch. Aus Ihren Berichten, mit Ihrer Erfahrung kann man eine Menge herausziehen und für sich selber nutzen.

Ich für meinen Teil mache das, und ich freue mich auf jeden Montag, an dem neue „Geschichten“ erscheinen. Vielleicht ist es irgendwann ja mal möglich, einen runden Tisch für die im Blog schreibenden Menschen zu organisieren. Sicher ist das nicht ganz einfach, da wir ja alle auf das Land verteilt sind, aber eine Anregung sollte es wert sein.

Ihnen wünsche ich alles Gute und weiterhin viel Kraft für ihre Berufung!

Liebe herzliche Grüße,

Adolf Oppermann

Bernadette Engelhardt am 09.05.2011, 18:46 Lieber Herr Oppermann,
es sind "besondere" Menschen, mit denen ich zusammen sein darf - dies ist eine der Grundhaltungen meiner Tätigkeit! Ich kann hier in der Kürze der Zeilen nicht wirklich (be)schreiben, welch wunderbare Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und Erlebnisse ich seither auch in meinem Leben erfahre.
Ja, es mag stimmen, meine Tätigkeit speziell in der jetzigen Einrichtung (dies ist ja lediglich ein Teil meines Alltags) scheint zum Teil auch Berufung zu sein. Eine Tätigkeit zu finden, die man mit Freude, Liebe und fast durchweg positiven Gefühlen und so vielen wunderbaren Menschen und Momenten verbringen darf, nenne ich ein Geschenk.

Ich freue mich wirklich sehr, wenn Sie oder einige andere Menschen ein klein wenig hiervon in meinen Zeilen wieder finden und evt. für sich heraus nehmen können.
Ein Dankeschön an Sie für das nette Kompliment.

Ein runder Tisch ist prinzipiell eine gute Idee, dessen Verwirklichung wird wohl ein wenig schwierig, doch nichts ist unmöglich - sage ich gerne.

In diesem Sinne, auf bald,
herzliche Grüße aus Bonn,

Bernadette Engelhardt

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