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Der ewige Kampf gegen Alzheimer - Teil II

Vivien Madlen Görzen am 03.04.2014, 15:29 | 0 Kommentare

Jeder, der sich um einen an Demenz erkrankten Angehörigen schon einmal gekümmert hat, weiß was das bedeutet. Vivien Madlen Görzen erzählt davon wie sie – damals als 13 jährige die Demenz bei ihrer Mutter erlebt hat, aber auch was die Krankheit aus ihr gemacht hat.

Der ewige Kampf gegen Alzheimer - Teil II

Ich war eine Person, die versuchte jede Tat und Aussage von anderen Menschen nachzuvollziehen. Ich versuchte mir zu erklären, dass vielleicht etwas in der Erziehung falsch gelaufen ist oder sie irgendetwas erlebt haben mussten, was sie zu dieser Entscheidung führte.
Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich fühlte mich dem Ganzen nicht mehr gewachsen und das ließ mich vor mir selbst sehr schwach aussehen. Ich redete mir immer ein, stark zu sein, aber ich brauchte Hilfe und ging zu unserer Schulpädagogin.

Ich war 18 Jahre alt, es war in der zwölften Klasse, und ich saß gerade im Mathe- Unterricht. Ich dachte in diesem Moment zu viel darüber nach. Ich wollte das eigentlich nie in der Schule aufgreifen, aber es kam und in meinen Gedanken wurde es mir viel zu laut, sodass ich mich letztendlich für diese Stunde entschuldigen ließ.
Dann stand ich lange vor dieser Tür der Schulpädagogin, bis ich endlich den Mut hatte, rein zu gehen. Ich hatte Mut gesucht, weil ich nicht wusste, wie ich das erklären sollte. Ich ging immer ein paar Schritte hin und her, drehte mich um und schaute nach, ob mich jemand gesehen hat. Ich wollte nicht, dass jemand denkt, ich würde wegen irgendeinem Problem zur Pädagogin gehen. Ich wollte nicht, dass die Leute eventuelll denken könnten, ich sei schwach.
Doch dann drückte ich die Türklinke runter und ging ich einfach rein.
Sie saß gerade an ihrem Computer und schrieb irgendwas.
Während ich die Tür schloss, schaute sie mich fragend an. Ich holte tief Luft und ich sagte: "Ich bin hier um zu reden."
Ich muss wohl ziemlich zerstört geklungen haben, denn sie sprang förmlich auf, bot mir einen Stuhl an und sagte: "Ja klar, setz dich und rede, dafür bin ich da."
Sie hatte eine wundervolle und einladende Ausstrahlung.
Ich selbst habe erwartet, dass ich darein gehe und ihr einfach alles erzählen könne und - so wie immer- einfach so tun könne, als würde mir das, was ich da erzähle, nichts ausmachen. Doch als ich dort saß, bin ich zusammen gebrochen. Bei meinem nächsten Satz wurde mir klar, wo ich bin. Ich war in einem Zimmer einer Person, die dafür da ist sich mir zu widmen und die versucht mich nachzuvollziehen: "Also meine Mum hat seit etwa 6 Jahren Alzheimer.", sagte ich und in diesem einen Augenblick schoss alles hoch, jedes einzelne Gefühl, was sich angestaut hatte, jeder Augenblick, indem ich mich wegen ihr zurückhielt, kam wieder und ich fing an zu weinen. Ich fragte mich in diesem Moment, was mit mir los war, denn bis zu diesem Moment konnte ich doch auch jede Träne zurück halten. Warum in diesem Moment nicht? Bei dieser Frau- in diesem Zimmer -zu diesem Zeitpunkt, war es mir unmöglich.
Also erzählte ich ihr alles.
Sie sagte, sie sei geschockt und sie bewundere meine Reife. Sie wolle mir helfen und ich erzählte weiter.
Zu meiner ältesten Schwester, die damals 34 war, hatte ich eigentlich das beste Verhältnis, obwohl sie auch nie gefragt hat. Ich musste irgendwie immer davon erzählen, falls etwas nicht stimmte.
Doch sie war da und hatte Verständnis für alle Dinge, die ich je tat. Dafür werde ich ihr auf ewig dankbar sein.

Als ich nach diesem Gespräch mit der Pädagogin zuhause war, rief mich meine älteste Schwester an.
Ich sagte: "Hallo?" Und alles, was ich hörte, war ein Schnaufen. Es hörte sich erleichtert an, aber ich wusste, dass es das nicht war. Ich wiederholte mich und fragte erneut: "Hallo?"
Und dann antwortete sie endlich: "Hallo mein Schatz." So hatte sie mich zu diesem Zeitpunkt - glaube ich - noch nie genannt. Und sie redete weiter. "Es tut mir alles so leid. Ich habe von deinem Zusammenbruch gehört. Ich rufe gleich in einem Pflegeheim an und frage danach, wie es mit Alzheimerpatienten aussieht."
Ich war dankbar, erleichtert. Ich war glücklich. Doch irgendwie war es immer noch nicht das, was ich wollte.
In diesem Augenblick war das einzige, was ich wollte, Anerkennung. Mir war bewusst, dass ich mich mehr als gut geschlagen hatte und ich wollte, dass es auch bestimmte Menschen in meiner Umgebung so sahen.
Heute erst merke ich, was ich eigentlich geleistet habe. Diese Aufgabe der Pflege und Betreuung meiner Mutter (Mum) hat mich einerseits so geschwächt, dass ich erst einmal eine Weile brauche, um wieder Heilung zu gewinnen. Andererseits bin ich stärker als je zuvor und ich bin schöner als je zuvor, denn ich bin die Tochter meiner Mutter."

Informationen zur Autorin

Mein vollständiger Name ist Vivien Madlen Görzen. Ich werde im April diesen Jahres 20 Jahre alt. Und im selben Jahr habe ich vor, mein Abitur in den Schwerpunkten Gesundheit und Soziales zu absolvieren. Passend, wenn man bedenkt, was ich mit meiner Mum zu erleben hatte.
Zu meinen Hobbys gehört unter anderem auch Schreiben. Ich schreibe einfach drauf los und das ist meine Geschichte.

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