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DAS WEBLOG

Was wäre, wenn...

Natalie Hamela am 19.02.2015, 09:40 | 2 Kommentare

Was wäre, wenn… schreibt Natalie Hamela in ihrem Weblogbeitrag und versetzt sich ganz selbstverständlich in einen an Demenz erkrankten Menschen. Es muss für jeden ein schreckliches Gefühl sein, wenn man keine Wahl hat, weil man sich durch Sprache nicht mehr ausdrücken kann. Auch ohne Demenz hat wohl jeder schon einmal die Erfahrung gemacht, dass über den Kopf hinweg entschieden wurde.

Was wäre, wenn...

Was wäre, wenn....

Was wäre, wenn ich auf andere Menschen angewiesen wäre und ich ihnen meine Bedürfnisse nicht mitteilen könnte?

Was wäre, wenn mich jeden Tag eine andere Person ankleiden würde, die nicht bemerken würde, dass ich Arthrose im linken Fuß und deshalb starke Schmerzen beim Anziehen des Strumpfes und des Schuhes habe?

Was wäre, wenn ich mich unwohl fühlen und schämen würde, weil ich meinen Urin nicht halten konnte, dies aber nicht mitteilen kann?

Was wäre, wenn ich einige Stunden in meiner Hose voller Urin und Stuhl herumlaufen müsste, ohne das es jemand merkte und man mich noch dazu drängen würde, mich hinzusetzen und zu essen?

Was wäre, wenn ich den Drang dazu hätte, den ganzen Tag herumzulaufen, man jedoch das Gefühl hat, ich könnte stürzen, und mich deshalb an einen Rollstuhl festbindet?

Was wäre, wenn ich traurig wäre, weil ich mich allein gelassen, hilflos und nutzlos fühlte, und statt Trost zu erhalten eine höhere Dosis an Antidepressiva

Medikamente, die bestimmte Botenstoffe im Gehirn beeinflussen. Sie können die Stimmung und den Antrieb von Patienten verbessern.
Antidepressiva
bekäme?

Dann würde ich mich mit den mir verbliebenen Kommunikationsmitteln, nämlich über Emotionen, ausdrücken! Ich wäre wütend, ich würde Personen vielleicht wegstoßen, ich würde vielleicht das Essen wegwerfen, ich würde mich „daneben“ benehmen, weil ich mich nicht anders ausdrücken könnte....
Und so würde in der Pflege-Dokumentation der Institution, in der ich lebte, stehen: verhaltensauffällig, aggressiv, herausforderndes Verhalten. Die Medikamenten-Dosis würde erhöht, die Pflegekräfte hätten Mühe mit mir und vielleicht sogar Angst davor, mich anzukleiden, etc.... Die von mir ersehnte Nähe und Zuneigung bliebe gänzlich aus, und alles würde nur noch schlimmer....

In der Begleitung von Menschen mit Demenz sollten wir immer versuchen zu verstehen, warum sich Menschen mit Demenz manchmal so verhalten, wie sie sich verhalten. Ihre Emotionen haben immer einen Grund! Es ist ihre Art, sich auszudrücken und sehr häufig eine Reaktion auf etwas, was für sie nicht stimmt.
Mit einer empathischen und wertschätzenden Grundhaltung und dem achtsamen Sein im Hier und Jetzt, aber auch ganz simpel mit gesundem Menschenverstand können wir versuchen herauszufinden, wo das wirkliche Problem liegt und eine Entschärfung einer heiklen Situation bewirken.
Der Schlüssel dazu ist unsere Haltung und die Tatsache, den von uns betreuten Menschen wie einen vollwertigen Menschen mit einer ganzen Seele und Gefühlen zu behandeln.

Foto der Weblogautorin Natalie Hamela
Foto: Natalie Hamela

Natalie Hamela ist Deutsch-Französin, lebt in Bern und arbeitet in der Beratung von Angehörigen von Menschen mit Demenz. Sie hält regelmäßig Vorträge, gibt Schulungen und konzipiert aktuell für eine Studie der Berner Fachhochschule eine neue Schulung für Pflegende.

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2 Kommentare

Swenja Ritchie am 13.03.2015, 15:08 Liebe Frau Hamela,
vielen Dank für diesen anschaulichen Artikel, der mich sehr berührt hat und den ich gleich ausgedruckt habe für die anderen Familienmitglieder. Da ich zur Zeit bei meiner 95jährigen Großmutter lebe, weiß ich genau, wovon Sie sprechen, nur leider verstehen das die meisten Menschen nicht.
Herzlichen Gruß,
Swenja Ritchie

Natalie Hamela am 24.03.2017, 09:03 Herzlichen Dank, Frau Ritchie, für Ihr damaliges Feedback. Ich hoffe sehr, es hat etwas bei Ihren Angehörigen bewirken können.
Herzliche Grüsse, Natalie Hamela

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