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DAS WEBLOG

Pflegekräfte und Angehörige – nur gemeinsam gut!

Silke Kaiser am 15.11.2010, 00:00 | 1 Kommentar

"Frau Meier ist so eine so herzliche alte Dame, und ich pflege sie wirklich gern. Wenn nur diese nörgelnden Angehörigen nicht wären!" Solche Klagen höre ich oft von Pflegenden. "Den Bewohnerinnen und Bewohnern geht es doch gut. Warum sind diese Angehörigen derart unzufrieden?" Vorweg: Die Mehrzahl der Angehörigen ist mit dem Sophienhaus zufrieden. Die Zusammenarbeit gestaltet sich konstruktiv und vertrauensvoll. Aber da gibt es auch diese anderen, die scheinbar nie zufrieden sind und um die das Pflegepersonal am liebsten einen großen Bogen machen würde.

Die Tochter von Frau H. beispielsweise schimpft häufig darüber, dass ihre Mutter bei uns mit den Fingern essen darf. "Warum denn nicht?", antworten wir. "Sie tut es mit Genuss!" Der Sohn eines anderen Bewohners macht dem Personal ständig den Vorwurf, dass seine betagte, schwer an Parkinson und Demenz erkrankte Mutter nicht genug Beschäftigung erhalte. Wir antworten ihm geduldig, dass die alte Dame sehr gern für sich allein in ihrem Sessel sitzt, döst und träumt. Steht ihr das nicht zu? "Wofür bezahle ich dann das ganze Geld hier?", kriegen wir vom Angehörigen zu hören.

Kontrolle ist gut – Vertrauen manchmal besser

In meinen Erstgesprächen erlebe ich immer wieder Angehörige, die mir unter Tränen von den Schwierigkeiten der bisherigen häuslichen Pflege erzählen. "Ich wusste nicht mehr weiter." "Wir konnten nicht mehr". Das Pflegeheim kommt ihnen als letzter Ausweg vor. Hat man sich dann schweren Herzens doch für diese ungeliebte Variante entschieden, gilt es zu kontrollieren, ob das Personal auch alles richtig macht. Und tatsächlich: Fehler und Versäumnisse finden sich immer, wenn man nur gründlich sucht. Mal wurde die Wäsche falsch einsortiert, mal bleibt die Zahnprothese verschwunden. Der Blick auf das Wesentliche wird von solch zermürbendem Kleinklein aber verstellt: Geht es dem Menschen mit Demenz gut oder nicht? Konflikte rauben allen Beteiligten Zeit und Energie und darunter leiden auch die Demenzkranken. Denn sie nehmen die "dicke Luft" zwischen Pflegenden und Angehörigen sehr wohl wahr.

Gemeinsam, nicht gegeneinander

Wir betreuen auf unserer Wohnetage Menschen mit fortgeschrittener Demenz und ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten. Viele leben sich gut ein und fühlen sich wohl. Das zeigt sich auch darin, dass wir Psychopharmaka, die unsere Bewohner zu Hause bekommen haben, häufig reduzieren oder sogar absetzen lassen können. Wir wollen und können als Pflegende für die erkrankten Menschen da sein und sie begleiten auf ihrem Weg, nicht mehr und nicht weniger. Das gelingt manchmal besser und manchmal schlechter. Jede Demenz ist anders, jeder Betroffene ist anders. Wir lernen jeden Tag hinzu, die Berufsanfängerinnen und auch die alten Hasen unter den Pflegenden. Dazu brauchen wir Angehörige, die uns mit Respekt begegnen und mit uns zusammenarbeiten.

Ich wünsche mir, die Angehörigen könnten häufiger miterleben, wie wir uns in Fallbesprechungen austauschen über unsere "Sorgenkinder". Wir versuchen in detektivischer Kleinarbeit herauszufinden, was den Bewohnerinnen und Bewohnern gut tun würde, welche Ängste und Aggressionen hinter herausforderndem Verhalten stecken. Wir freuen uns selbst über kleine Fortschritte, und jeder Abschied von einem Bewohner oder einer Bewohnerin fällt uns schwer. Die Pflege Demenzkranker ist mehr als eine Dienstleistung, die sich in Zahlen ausdrücken lässt.

Informationen zur Autorin:

Foto der Weblogautorin Silke Kaiser
Foto: Silke Kaiser

Silke Kaiser arbeitet seit 2003 im Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Berlin-Steglitz. Im Jahr 2006 hat sie die Leitung des dortigen Wohnbereichs für an Demenz erkrankte Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten übernommen.

 

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1 Kommentar

Katja am 17.11.2010, 19:23 Sehr interessanter Artikel, vielen Dank. Diese Perspektive ist einem nicht immer bewusst, aber es erweitert den Horizont ungemein, sich damit auseinander zu setzen.

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