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DAS WEBLOG

Kampf an zwei Fronten – die Monate nach dem Verdacht – ein Beitrag von Elisabeth Keller

Elisabeth Keller am 09.08.2010, 14:00 | 1 Kommentar

Spätestens bei unserem Autounfall im Jahr 2003 war mir klar: Mit Heinrich stimmt etwas nicht. Vor uns stand die Ampel schon einige Sekunden lang auf Rot. Mein Mann bremste aber nicht. Dann überholte uns auch noch ein Motorradfahrer und sprang in die Lücke vor uns. Wir krachten mit dem Motorrad zusammen, und der Fahrer rollte über unsere Motorhaube. Gott sei dank blieb er unverletzt. Am nächsten Tag versuchte ich, meinen Mann davon zu überzeugen, zu einem Neurologen zu gehen. Er weigerte sich – so wie schon drei Wochen zuvor, als er im Wohnzimmer stand und nicht merkte, dass er einen spontanen Urinabgang hat. Doch nach dem Unfall ließ ich nicht mehr locker. Ich wusste genau, dass das Problem vom Kopf kam und nicht von seinen Medikamenten, wie Heinrich behauptete. Ich hatte mich 1998, als ich in Rente ging, für ein Seniorenstudium an der Humboldt-Universität eingeschrieben und damals auch Vorlesungen über Alzheimer gehört. Ich wollte Klarheit darüber haben, ob Heinrich krank ist. Ich ging also zu unserem Hausarzt, um meinen Mann zum Neurologen überweisen zu lassen.

Abwimmeln? Ohne mich!

Damals begann ein Kampf, der bis heute nicht aufgehört hat. Der Hausarzt weigerte sich, Heinrich zum Neurologen zu überweisen. Zuerst müsse der Blutdruck runter, vorher habe es keinen Sinn. Diese Haltung begegnet mir seitdem oft bei Ärzten, die nicht auf Demenz spezialisiert sind. Sie wiegeln ab, wollen mich loswerden und werden manchmal auch ärgerlich, wenn ich auf Hilfe bestehe. Gut aufgehoben fühle ich mich nur bei Ärzten, die sich mit Demenzerkrankungen bestens auskennen.

Zu Hause erwartete mich ein weiterer Kampf, an der Heimatfront sozusagen. Heinrich weigerte sich, zum Neurologen zu gehen. Wochenlang diskutierte ich mit ihm. "Mir geht es gut, alles ist in Ordnung" – diesen Satz höre ich von ihm bis heute immer wieder, obwohl längst feststeht, dass er krank ist. Mein Mann akzeptiert die Demenz nicht. Er möchte nach wie vor bei allen Entscheidungen den Hut aufhaben. Wenn man einen dominanten Charakter hat, dann legt man den mit der Demenz nicht ab. Das bleibt.

Diagnose: vaskuläre Demenz – oder doch Alzheimer?

Mit einem Trick habe ich es ein halbes Jahr später doch geschafft, Heinrich mit einem Neurologen zusammenzubringen. Ich erinnerte mich an einen Vorfall vor 30 Jahren. Damals musste Heinrich wegen eines Hämatoms im Gehirn operiert werden. Ich bat meinen Mann, den Kopf wegen dieser Sache mal wieder untersuchen zu lassen. Er ging zum Hausarzt und holte sich dafür eine Überweisung zum Spezialisten.

Vor dem Termin schenkte ich dem Neurologen reinen Wein ein. Ich teilte ihm meinen Verdacht mit, Heinrich könnte demenzkrank sein. Das stellte sich leider als richtig heraus. Der Arzt machte ein CT und diagnostizierte vaskuläre Demenz, weil Heinrich herzkrank ist und das Gehirn nicht richtig durchblutet wird. Tests hat der Neurologe aber nicht gemacht, auch nicht als er ein halbes Jahr später dann doch von Alzheimer sprach. Die Medikamente gegen Demenz hat er murrend verschrieben. Mein Mann sei sein teuerster Patient, so der Arzt. Ich antwortete ihm: "Mein Mann ist mir auch teuer." Zu Hause ging das Theater aber noch eine Weile weiter. Heinrich schimpfte: "Ich nehme schon so viele Tabletten. Noch mehr – das kommt gar nicht in Frage." Erst als ein EEG zeigte, dass sein Zustand sich verschlechtert hatte, war mein Mann einverstanden, die Antidementiva

Medikamente gegen die Symptome der Demenz. Sie können die geistige Leistungsfähigkeit Betroffener erhalten, wirken in der Regel aber nur zeitbegrenzt.
Antidementiva
einzunehmen. Das war bereits im Dezember 2004.

Informationen zur Autorin:

Die Blogbeiträge von Elisabeth Keller entstehen aus Interviews, die die Redaktion des Wegweisers Demenz mit ihr führt. Sie lebt mit ihrem Mann Heinrich* im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Heinrich Keller leidet an Parkinson und Demenz. Früher arbeitete er als Ingenieur für Holztechnik in der Möbelindustrie und verbrachte einige Jahre im Auftrag der Handelspolitischen Abteilung der DDR-Botschaft in Jugoslawien. Elisabeth Keller war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Außenhandelsministerium und schulte nach 1990 zur Betriebsprüferin um. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet und hat keine gemeinsamen Kinder. Beide haben Töchter aus erster Ehe.

* Die Namen hat die Redaktion auf Wunsch des Ehepaars geändert.

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1 Kommentar

I.Kellermaus am 03.11.2010, 00:04 Sehr geehrte Frau Keller, mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihre Zeilen gelesen und danke Ihnen für die ausführlichen Darstellungen. Ich glaube, dass ich ähnliches mit meinem Mann erleben werde. Die Anfänge sind vorhanden. Mein Mann nimmt zu diesen Problemen einen ablehnende Haltung ein, und auffällig ist, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht und den Kontakt mit anderen Menschen meidet. Sollten das Anzeichen/Bestätigung einer Demenz sein? Viele andere Fakten, die Sie erwähnt haben, treffen auch für meinen Mann zu. Ich werde ihn wohl nie zu einem Arzt bewegen können. Ich mache mir große Sorgen um unsere gemeinsame Zukunft. Danke nochmals für Ihre Offenheit. Ich werde mir die Seite als Favorit abspeichern- Mit freundlichen Grüßen Ingrid Kellermaus (alias)

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