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DAS WEBLOG

Heinrichs neues Hobby – ein Beitrag von Elisabeth Keller

Elisabeth Keller am 13.09.2010, 11:00 | 1 Kommentar

Mein Mann ist zwar schon jahrelang demenzkrank, aber seine geistigen Fähigkeiten sind besser erhalten als bei vielen anderen Demenzkranken. Das weiß er selbst leider nur zu gut und nimmt deshalb kaum Hilfe an. Ich habe schon kurz nach der Diagnose begonnen, nach Betreuungsgruppen zu suchen, damit Heinrich unter Menschen kommt und ich mich erholen kann. Doch der Anspruch auf das Geld, das der Staat für Demenzkranke zusätzlich zahlt, verfällt regelmäßig, weil mein lieber Ehemann fast alles ablehnt. Das gilt leider auch für viele Angebote unserer Alzheimer Angehörigen Initiative, der vor allem ich selbst viel zu verdanken habe. Darüber schreibe ich ein andermal.

Ich kann Heinrich teilweise verstehen. In den Betreuungsgruppen der Initiative traf er auf Menschen, die fast nichts mehr alleine können und einfach nur dasitzen. Er will sich aber unterhalten. Also habe ich eine Tagesstätte mit einer gemischten Gruppe gesucht und ihn dort angemeldet. Neben Demenzkranken traf er dort viele alte Leutchen, die nur körperlich gebrechlich sind oder nicht alleine zu Hause verkümmern möchten. Das Angebot an Beschäftigungen ist wirklich gut und das Gebäude pikobello. Aber als ich Heinrich abholte, hieß es wieder: "Das ist nichts für mich. Ich möchte lieber bei Dir sein."

Die Liebe zum Malen

Ganz anders verhielt er sich im Alzheimer-Therapiezentrum im bayerischen Bad Aibling. Das ist das einzige seiner Art in Deutschland, so viel ich weiß. Zwar musste ich anderthalb Jahre lang mit der Pflegekasse ringen, bis wir reisen durften. Aber am Ende hatte ich es geschafft und wir fuhren zur Kur.

In Bad Aibling haben erstmals Ärzte neurologische Tests mit meinem Mann gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass seine Demenz kein Alzheimer ist, sondern wohl mit Parkinson zusammenhängt. Im Therapiezentrum hatte ich an den Wochentagen vier Stunden für mich selbst und habe mir beispielsweise Vorträge über Alzheimer angehört und an Schulungen teilgenommen. Darin ging es um den Umgang mit Demenzkranken. Heinrich hat in den vier Stunden beispielsweise Biografiearbeit gemacht – mit einem Fotoalbum, das ich meinem Mann vor langer Zeit einmal zum Geburtstag geschenkt habe. Die Bilder darin erinnern ihn an seine Kindheit in Brünn und an seine Eltern, die er sehr geliebt hat. Heinrich hat in Bad Aibling aber auch an Gruppentherapien teilgenommen, und siehe da: Er hat sich sogar an Spielen beteiligt, obwohl er so etwas für Quatsch hält. Und von einer Sache hat er sich regelrecht begeistern lassen – von der Kunsttherapie. In Bad Aibling hat mein Mann seine Liebe zum Malen entdeckt.

Bis heute ist das die einzige Beschäftigung geblieben, für die er eine Therapeutin an sich ranlässt. Hier in Berlin haben wir eine sehr engagierte und gute Kunsttherapeutin gefunden, die aus meinem Mann und den anderen alten Leuten kreative Ideen herauskitzelt. Wenn Heinrich malt, hört sogar das Zittern seiner Hand auf. Er konzentriert sich und hat Freude, als gäbe es kein Parkinson und auch keine Demenz.

Informationen zur Autorin:

Die Blogbeiträge von Elisabeth Keller entstehen aus Interviews, die die Redaktion des Wegweisers Demenz mit ihr führt. Sie lebt mit ihrem Mann Heinrich* im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Heinrich Keller leidet an Parkinson und Demenz. Früher arbeitete er als Ingenieur für Holztechnik in der Möbelindustrie und verbrachte einige Jahre im Auftrag der Handelspolitischen Abteilung der DDR-Botschaft in Jugoslawien. Elisabeth Keller war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Außenhandelsministerium und schulte nach 1990 zur Betriebsprüferin um. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet und hat keine gemeinsamen Kinder. Beide haben Töchter aus erster Ehe.

* Die Namen hat die Redaktion auf Wunsch des Ehepaars geändert.

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1 Kommentar

Susanna Eder am 20.05.2012, 18:08 Es ist mir eine Freude, die Zeilen von Frau Keller zu lesen. Ich bin auch begeistert von der Kunsttherapie, ich habe gerade meine Ausbildung beendet. Ich hatte das Glück, mein Praktikum in Bad Aibling zu absolvieren, und war von dem Konzept so überzeugt, dass ich meine Abschlussarbeit über dieses Thema - Alzheimer Demenz und Kunsttherapie - schreibe. Sehr gerne würde ich mit an Alzheimer Krankheit erkrankten Menschen kunsttherapeutisch arbeiten.
Mit den besten Wünschen und lieben Gruß:
Susanna Eder aus Berlin

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