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DAS WEBLOG

Demenz und "Appetitlosigkeit" Deine Suppe esse ich nicht Teil II

Sonja Mannhardt am 19.11.2013, 15:41 | 1 Kommentar

Viele nicken vielleicht, wenn sie den Satz lesen:“ Kind, Du musst doch etwas essen.“ Irgendwann können sich die Rollen (Eltern-Kind-Rolle) aber vertauschen. Weil man selbst damit erzogen wurde, wird diese angebliche Führsorge an die an Demenzerkrankten zurückgeben. Was für eine Bedeutung hat „Essen“ denn in unserem Leben?

„Deine Suppe esse ich nicht - Zweiter Teil“ - Sonja Mannhardt

Essen ist EMOTIONAL und sozial verortet

Zum Essen kommen Menschen zusammen, teilen das Brot, machen gemeinsam Rast, pflegen Gemeinschaft. Menschen sind nicht „bei einer gesunden, vernünftigen Ernährung und ihrer Gesundheit“, wenn sie gemeinsam speisen, sondern bei EINANDER, beim gemeinsamen ESSEN, in STIMMUNG.

Wie häufig erlebe ich es, dass Menschen mit Demenz alleine „abgefüttert“ werden, weil „ES unappetitlich“ ist? Wie häufig erlebe ich es, dass das einzig Soziale darin besteht, dass ein „zu Fütternder“ mit einem „Fütterer“ an einem Tisch sitzen und nichts weiter geschieht, als dass der „Fütterer“ wert darauf legt, dass gegessen und getrunken wird.

Wenn Menschen mit Demenz etwas noch sehr gut beherrschen, dann ist dies „unsichtbare Stimmungen, Schwingungen und Gefühle“ wahrzunehmen. „Du gehörst nicht mehr dazu“, „ich habe keine Zeit und nicht die Geduld“, „ich esse nichts aber du musst jetzt“, das spüren betroffene Menschen gewiss genau so nackt und deutlich, wie ein kleines Kind, welchem verwehrt wird, als respektiertes Mitglied einer Gemeinschaft, an einem gemeinsamen Tisch zu sitzen und gemeinsam ZEIT MITeinander zu verbringen. Wird ein solches Kind stattdessen im Hochstuhl „abgefüttert“, dann macht auch dieses Kind deutlich auf diesen unsozialen und emotional beLASTenden Zustand aufmerksam.

Das Recht auf SELBSTbestimmung und echte Zuwendung.

Betrachten wir den ersten Akt im Leben eines Menschen, ein selbstbestimmtes Wesen zu werden, dann sind wir sofort bei der Mutterbrust, also der Nahrungsaufnahme. Bereits dort ist diese ein soziales und emotionales Ereignis. Das Kind bestimmt, OB es Hunger hat, WANN es bereit ist zu essen und auch, WIE VIEL es zu sich nimmt. Wird dieses empfindliche Gefüge und dieser erste Akt der SelbstTÄTIGkeit und Selbstverantwortlichkeit gestört, wird leichter Druck oder Zwang ausgeübt, wird dem Kind die echte, ungestörte, liebevolle Zuwendung verwehrt, so wehrt sich auch schon ein Kind. Es hört auf zu essen, presst die Lippen zusammen, macht sich steif und überstreckt sich nach hinten, schreit, befördert mit der Zunge, alles, was zwanghaft in seinen Mund gelangt, wieder heraus. Etwas später schlägt es Löffel, die vor dem Mund stehen oder Lappen, die unsacht den Mund abwischen einfach weg. Wird dieses „gut gemeinte“ Spiel um Macht überzogen, verweigern selbst kleinste Kinder das Essen, oder scheuen sich nicht, das, was sie „zum kotzen“ finden auch in derselben Weise deutlich kund zu tun.

Könnte es sein, dass ein Teil der „Schwierigkeiten“ bei Tisch nicht mit dem Patient, sondern auf der Beziehungsebene zu suchen ist? Könnte es sein, dass „liebevolle Ratschläge“, liebevolles „zerkleinern“, liebevoll gemeintes „Helfen durch Füttern“, als Beschneidung der Selbstbestimmung empfunden wird? Könnte es sein, dass betroffenen Menschen, trotz ihrer Eingeschränktheit gefragt werden wollen, was sie selbst tun wollen und wobei sie Unterstützung wünschen? Kann es sein, dass es darum geht, Betroffene im Bereich „Nahrungsaufnahme“, dem ersten Ort der menschlichen Selbstbestimmung, besonders „empfindlich“ reagieren, wenn man diese letzte Domain der MIT- oder Selbstbestimmung, durch Überfürsorglichkeit beschneidet? Kann es sein, dass es Betroffenen nicht selten an echter Zuwendung fehlt und sie sich bei Mahlzeiten eine gewisse Aufmerksamkeit einfordern, um uns zu zeigen: „Ich bin noch da und ich habe eine Meinung. Beziehe mich so lange es geht in deine Entscheidungen ein. Ich bin noch da und verteidige die letzten Bastionen meiner Selbstbestimmung. Ich bin noch da, hilf mir, solange ich es kann Dinge SELBST zu tun. Ich bin noch da und trotz meiner Demenz ein erwachsener Mensch, der so lange es geht ein aufrechtes und selbstbestimmtes Leben führen möchte. Ich bin noch da und DEINE Angst, ich könne sterbe, wenn ich nicht esse oder trinke, ist nicht meine. Sprich mit mir über DICH und DEINE Gefühle, anstatt an meine Vernunft zu appellieren und du wirst sehen, ich komme dir gerne entgegen so gut ich kann und möchte.

Foto der Weblogautorin Sonja Mannhardt
Foto: Sonja Mannhardt

Sonja M. Mannhardt ist studierte Diplom Ernährungswissenschaftlerin und Inhaberin der Praxis für psychologische Ernährungstherapie. Einer ihrer Schwerpunkte ist Seniorenernährung und Ernährung bei Demenz, sowie das Wohl der pflegenden Angehörigen.   „Expertin für Demenzerkrankungen“ wurde sie durch Erfahrungen mit ihrer Mutter und das Vertrauen, das ihr durch Pflegende und betroffene Angehörige in „schwieriger Zeit“ geschenkt wurde. 

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1 Kommentar

Heike April Weller am 09.02.2014, 18:34 Das stimmt schon , wenn ich auch teilweise im \"Bechützten\" Bereich andere Erfahrungen gemacht habe. Ich habe mich als Betreuungsassistentin ausbilden lassen und die Praktikantin die ich war, hat den wichtigsten Teil desselben als Essen helfen
Kotze wegwischen und Akkord füttern erlebt. Unter 4 Euro ist der Tagessatz für die 4 Mahlzeiten in dem Demenzberich der Kirche. Da hört jeder Anspruch auf.
Da ist das Lätzchen die Serviertte, der bunte Ikeabecher aus Plastik das Glas, das Gebräu darin soll Vitamine transportieren. Und zu dick darf auch keiner werden. Die Angehörigen könnten sich aufregen wenn die Kleidung nicht mehr paßt. Aber es gab nur wenige die \"nicht satt\" wurden. Es gibt die Kriegsgeneration, oder andere,die alles essen was sie finden können. Auch aus anderen Zimmern. Die welche weglaufen weil sie nicht warten können. Die die selber Löffeln, aber es geht daneben. Es fehlt der Schluckreflex bei einigen. Andere die füher bewußt und herzhaft aßen, sollen nun Pappkuchen und Kaffee immer mit Milch am Nachmittag essen. Eigentlich soll ja jeder einzelne gefördert werden in den Fähigkeiten die jeder noch so hat.
Dazu gehört nicht das Essen ,das bei vielen in klaren Momenten sicherlich Übelkeit auslöst. Und die Zeit, denn die Köchin wartet auf den Abwasch. Dann hat sie frei.
Vieles ist würdelos, ungeeignet und doch, es gibt keine Alternative, das kindliche füttern ist manchmal auch der Krankheit geschuldet. Aber das Element der Esthetik ist der Hilflosigkeit gewichen. Wir brauchen eine spezielle Inneneinrichtung, Dekore und Materialien die abweichen vom Landschulheim- Jugendherbergsoutfit der Pflegeeinrichtungen. Ich würde gerne ein passenderes Umfeld schaffen, aus Materialien die nicht kaputtgehen wenn sie hinfallen, die ein warmes harmonisches Zuhause vorstellen und Sicherheit verleihen. Aber es ist schwer, solches in Ausschreibungen zu bewerben, die von gesunden, hochdotierten Akademikern entschieden werden. Nicht die moderne Küche in der Pflegeetage, nein die moderne sichere im alten Outfit, die sollte es sein.
Die Mahlzeiten z.T. Vegetarisch, oder auch mal deftig, oder auch mal ein ordentlicher Eintopf. Sesonal, frisch und auch mal ein Spiegelei zum Spinat, das sollte möglich sein. Bei all der beschworenen \"Lebensleistung\" alter Menschen, oder derer die Krank und auf Hilfe im leben angewiesen sind.

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