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DAS WEBLOG

Emines Lächeln

Adolf Oppermann am 01.11.2010, 00:00 | 12 Kommentare

Lange dachte ich: Ich schaffe das alleine. Ich pflege meine Frau selbst. Emine ist in einer Geschwindigkeit, die nur schwer vorstellbar ist, an Alzheimer erkrankt. Sie war erst 49 Jahre alt, als die schreckliche Nachricht kam. Ich erinnere mich, wie sie zu mir sagte, dass ich mich nicht sorgen soll. Es würde ihr bestimmt bald besser gehen. Das war im Oktober 2000. Zehn Jahre sind vergangen, und Ihr Zustand hat sich in den letzten Wochen und Monaten sehr verschlechtert.

Manchmal staune ich aber darüber, dass es doch wieder super tolle Tage gibt. So wie heute. Dabei war das so ein Morgen, an dem man am liebsten im Bett bleiben möchte. Doch das tue ich schon lange nicht mehr, meine Frau wartet auf mich, und auch das schlechte Wetter stört und hindert mich nicht mehr daran, das war früher anders. Ich habe mich auf meinen Roller gesetzt, und ab ins Heim.

Emine ist mittlerweile zu ihrer eigenen Sicherheit den ganzen Tag fixiert. Direkt am Dienstzimmer steht ihr Stuhl. Laufen kann sie nur ganz schlecht. Sie schiebt die Füße nach vorn, sie ist ganz schwach. Aber gemeinsam bekommen wir das immer hin, wenigstens bis zu ihrem Rollstuhl, dann den Fixiergurt umgelegt, eine Decke über den Körper, Mütze und Schal und ab geht die wilde Fahrt.

Mobile Türkendisco

Im Fahrstuhl kommt dann einer meiner liebsten Momente: Auf meinem Mobiltelefon habe ich 52 türkische Lieder gespeichert, und die lasse ich laufen. Meine Frau stammt aus der Türkei, und die deutsche Sprache hat sie mit den Jahren vergessen. Aber nicht diese Lieder! Wenn ich die mobile Türkendisco einschalte, dann lächelt sie, macht die Augen auf und brummt auf einmal los. Sie kennt die Musik, das war ihr Leben.

Unten angekommen geht es den langen Flur hinunter bis zu der ersten Tür zum Garten der Sinne. Immer noch leichter Nieselregen, aber wir sind gut gerüstet. Wir fahren durch die Tür, und sofort reagiert meine Frau. Emine greift mit dem Arm nach vorn: Der Wechsel der Bodenbelege ist für sie immer ein Auslöser, sich mit dem gesamten Körper nach vorn zu beugen. Gut, dass Sie fixiert ist. Dann kann uns nichts passieren bei unserem Spaziergang im Nieselregen.

Foto des Weblogautors Adolf Oppermann
Foto: Adolf Oppermann

Adolf Oppermann ist gelernter Koch und lebte früher in Wuppertal. Der Frührentner war über 20 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt war. Adolf Oppermann besuchte Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

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12 Kommentare

Barbara am 02.11.2010, 09:25 Der Bericht ist sehr traurig, aber gleichzeitig ein Loblied auf die Liebe.
Weiter so! Wir wünschen Dir ganz viel Kraft und Ausdauer. Wir bewundern Dich für diese beispiellose Einstellung!! 2 alte Bekannte!

Ilka und Friedhelm Hüppop am 02.11.2010, 10:25 Lieber Adolf Oppermann, mit Bewunderung haben wir Deinen Lebes(Leidens)weg in diesen Jahren hautnah verfolgen können und uns immer wieder gefragt, da Du ja auch (nicht nur) gesundheitlich angeschlagen bist, wie ein Mensch das alles verkraften kann. Wir glauben, dass man in dieser Situation irgendwann alleine da steht und dieses nur mit großem Optimismus (auch wenn es manchmal sehr schwer gefallen ist) überstehen kann. Wir werden jedenfalls bei Problemen, wenn wir können, immer da sein.

Ilka und Friedhelm

Brigitte am 07.12.2010, 20:55 Du bist ein ganz besonderer Mensch! Ich bewundere Dich sehr und habe eine menge Achtung vor Dir!

Monika am 10.06.2011, 19:15 Lieber Adolf,
ich habe auf WDR in der Aktuellen Stunde den Bericht über Dich und Deine Frau gesehen und habe Tränen in den Augen. Ich bewundere Dich für Deine Stärke, Deine Zärtlichkeit und Deine unendliche Liebe für Deine Frau. Fühl Dich ganz innig gedrückt.

Kati am 10.06.2011, 19:24 Hallo Adolf,

habe gerade den Bericht im WDR aktuell gesehen, und hatte Tränen in den Augen. Das Leuchten in Ihren Augen, wenn sie von, und mit Ihrer Frau sprechen, ist schon sehr berührend. So liebevoll den Umgang zu gestalten, alle Achtung..!

Ich wünsche Ihnen sehr viel Kraft, den weiteren Weg mit Ihrer Frau gehen zu können.
Einen lieben Gruß Kati

PS vielleicht eine Anregung: Diesen Blog als Buch mit dem Titel "Emines Lächeln" zu schreiben und auf den Markt zu bringen, ich würde es sofort kaufen...!

Robert Waldeck am 10.06.2011, 19:26 Hallo Adolf,

vor dir kann man nur den Hut ziehen. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft und Geduld hätte, mich täglich um meinen Partner zu kümmern. Dabei ist meine Freundin "nur" geistig behindert, weil ihre Mutter wärend der Schwangerschaft fast jeden Tag getrunken hat.

Ursula am 10.06.2011, 19:44 Lieber Herr Oppermann!
Habe soeben Ihren Beitrag in der Aktuellen Stunde gesehen; Sie sind nicht ein besonderer Mensch - wenn es von Ihnen nur mehrere gäbe. Alle Hochachtung und Respekt.
Ich habe vor 2 Jahren auch meinen Mann an die Krankheit verloren. Es war für mich sehr schwer, mit dieser Diagnose klar zu kommen. Leider haben alle eingesetzten Medikamente nichts genützt.
Ich bewundere Sie!!!

Heinz Störmer am 11.06.2011, 09:03 Ich kann das alles sehr nachvollziehen und weiss, wovon ich spreche. Ich betreue seit nunmehr 34 Jahren meine schwerbehinderte Frau, bin mittlerweile 81 Jahre geworden und habe mir in dieser Zeit auch einige 'Baustellen' 'angelacht'.
Aber den Gedanken, meine Frau zu verlassen, den habe ich noch nie gehabt. Dabei waren wir erst knapp drei Monate verheiratet, als das Schicksal erbar-
mungslos zu schlug.
Daher mein Verständnis für Herrn Oppermann und 'Hut ab'.

ikarusfly am 11.06.2011, 14:16 Hallo Adolf,

habe heute Deinen Beitrag in der aktuellen Stunde gesehen. Wir sind ein Jahrgang ;-). Ich finde, Du bist ein Supertyp. Wenn Du Lust hast, melde Dich mal. Meine E-mail-Adresse ist ikarusfly@freenet.de.

Alles Gute weiterhin wünscht
ikarusfly

Yunus am 12.06.2011, 04:33 Ein Freund hat mir heute Ihr Video auf WDR gezeigt, er hat es auch auf Facebook gepostet. Wir sind beide Türken und uns sind die Tränen in die Augen geschossen.... Ich wünsche ihnen beiden viel Liebe und Kraft.

Heidi am 25.02.2012, 10:59 Lieber Herr Oppermann,
es ist sehr berührend über ihre Frau und Sie zu lesen. Mir ist die Krankheit nicht fremd, da ich im Pflegeheim meine Ausbildung als Altenpflegerin mache. Da ich spüre und erfahre wie schwer es den Angehörigen fällt mit der Situation umzugehen finde ich Sie machen das ganz toll. Es ist nicht einfach plötzlich einen anderen Menschen zu erleben und nicht mehr erkannt zu werden. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für sich und Ihren Weg.
Gruß Heidi

Rita Schlieper am 04.04.2012, 23:20 Lieber Herr Oppermann,wir haben uns in Bad Lippspringe kennen gelernt,sie haben mich im Wald fotographiert. Aus Ihrer Erzählung wußte ich schon, dass Sie Enormes geleistet haben,doch durch Ihre Berichte ist mir erst klar geworden,wie sehr viel schwieriger Ihr Schicksal ist,als es meines war. Ich werde weiterhin für Sie und Ihre Frau beten und wünsche Ihnen für die Zukunft viel Kraft und Gottes reichen Segen. Ihre Rita Schlieper. Sie können mir gerne unter rwschlieper@web.de schreiben.

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