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DAS WEBLOG

Die ersten Zeichen der Alzheimer-Erkrankung meiner Frau

Adolf Oppermann am 11.07.2011, 13:00 | 1 Kommentar

Ich denke, es war im Sommer 2001, als Emines Alzheimer-Krankheit sichtbar wurde. Emine und ich wollten zu einem Picknick am Düsseldorfer Rheinufer aufbrechen und wie immer sehr zeitig losfahren. Doch an diesem Sonntagmorgen war alles anders als sonst.

Emine und ich waren sehr aneinander gewöhnt, und wie in jeder Partnerschaft hatten auch wir unsere genaue Aufgabenverteilung. Emine machte sich im Bad fertig und ich packte unseren Picknickkorb: eine Thermoskanne mit heißem Wasser, Teebeutel, türkische Teegläser, Fladenbrot, Schafskäse und schwarze Oliven – nichts fehlte. Emine hatte in dieser Zeit die Betten gemacht, allerdings nicht wie gewohnt. Kopfkissen und Oberbetten waren in den Schränken verstaut, dafür lagen unsere beiden Reisekoffer geöffnet auf dem Bett. Auf meine Frage, was das soll, die ich schon einigermaßen in Rage gestellt hatte, entgegnete meine Frau mir mit den Worten: "Ich freue mich auf unseren Urlaub und du schreist mich an." Meine Reaktion, dass heute Sonntag sei und unser Urlaub noch sechs Wochen entfernt, ließ die Geschichte abkühlen.

Schließlich hatten wir unsere Utensilien im Auto verstaut und starteten Richtung Düsseldorf, 30 Minuten Fahrzeit und wir waren an unserem Plätzchen am Rheinufer. Emine hat es geliebt, und ich auch. Am Kiosk hatte ich vorher eine türkische Tageszeitung gekauft, die Emine normalerweise gerne nach dem Frühstück gelesen hat. Wir haben uns immer schon sehr viel über die täglichen Ereignisse in der Türkei unterhalten. Egal, ob es um Kultur oder Politik ging, Sport oder Popmusik, immer hat Emine ihre Meinung vertreten. Doch an diesem Sonntag war sie völlig abwesend – absolut untypisch für meine Frau. Immer und immer wieder bekamen wir Streit. Emine stand auf und ging langsam über die Wiese zum Rhein hinunter, sie warf ein paar Steine ins Wasser, kam wenige Minuten später zurück und bat mich plötzlich, einzupacken. "Ich möchte nach Hause", sagte sie zu mir und ich wurde wieder wütend.
Heute schäme ich mich dafür, aber rückgängig machen kann ich es nicht. Heute weiß ich, wie man mit Menschen umgeht, die Demenz haben. Meine Frau war krank und ich hätte viel mehr Rücksicht nehmen müssen. Mit dem Wissen von heute hätte ich das damals gekonnt.

Am späten Nachmittag, als wir wieder zu Hause waren, eskalierte der Sonntag dann nach einer weiteren Merkwürdigkeit von Emine. Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich um und kam in einem schicken Kostüm wieder. Das war eigentlich nichts Besonderes, Emine ging gerne am Nachmittag eine Freundin in der Nachbarschaft besuchen. Doch nicht so an diesem Tag. Auf meine verabschiedenden Worte "Mein Schatz, bestell' schöne Grüße", antwortete sie: "Wem denn? Ich gehe nicht weg, ich schaue doch jetzt die Show im türkischen Fernsehen." 

Schon In meiner Kindheit wurde ich auf alles Mögliche vorbereitet, was in meinem Leben auf mich zukommen würde: Der Tod, mit dem man lernen muss, umzugehen, Trennungen und viele andere Dinge. Aber auf den Umgang mit Alzheimer war ich nicht vorbereitet. Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass ich mich damit einmal auseinandersetzen muss.

Gerne würde ich diesen Augenblick einmal nutzen, um mich zu bedanken  – für die vielen lieben Rückmeldungen im Weblog zu meinen Geschichten und auch zu dem TV-Beitrag, der über meine Frau und mich im WDR zu sehen war. Wenn ich die Kommentare lese, stelle ich fest, dass ich nicht allein bin mit meinen Sorgen, Nöten und Problemen. Das Schreiben für den Weblog hilft mir beim Umgang mit der Krankheit meiner Frau. Ich hoffe, dass es vielleicht Menschen gibt, die ein wenig Kraft daraus ziehen können.

Foto des Weblogautors Adolf Oppermann
Foto: Adolf Oppermann

Adolf Oppermann ist gelernter Koch und lebte früher in Wppertal. Der Frührentner war über 20 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt war. Adolf Oppermann besuchte Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

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1 Kommentar

Christoph Asch am 26.06.2014, 22:53 Oh das kommt mir sehr bekannt vor.
Bin 16 Jahre verheiratet, nun mit 39 benimmt sich meine Frau sehr ähnlich.
Es fällt vor allem grade bei Dingen auf, die wir Stunden vorher besprochen hatten, wie zum Bespiel was das Abendessen anbetrifft, oder wie der Tag abläuft, welche Termine anstehen.
Ich schätze sie hat die Demenz ihrer Vorgängergeneration geerbt.

Muss ich das beste draus machen und vor allem lernen mit umzugehen.


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