Navigation und Service

Direkt zu:

Hauptmenü

DAS WEBLOG

Gefühle und der Umgang mit ihnen

Adolf Oppermann am 28.03.2011, 00:00 | 6 Kommentare

Seit meinem letzten Bericht hat sich Emines Zustand eher verschlechtert. Sie öffnet ihre Augen nur noch sehr selten, auch spricht sie nicht mehr, und wenn sie etwas ausdrücken möchte, kann man es nicht verstehen. Mir tut das unendlich weh, und es macht mich richtig fertig. Aber der heutige Tag hat mich in meiner Art, mit Alzheimer umzugehen, schwer getroffen – im positiven wie im negativen Sinne.

Noch in der vergangenen Woche konnte ich meine Frau nicht besuchen, weil sie hohes Fieber hatte und ich eine Erkältung mit mir herumgeschleppt habe. Drei Tage kein Besuch bei Emine! Eine Ewigkeit für mich, aber es wäre für sie einfach zu gefährlich gewesen. Ihr Immunsystem ist nicht mehr so stark wie das gesunder Menschen. Gestern ging es Emine etwas besser. Eingepackt in zwei Wolldecken, auch Mütze und Schal haben nicht gefehlt, war ich mit ihr in unserem Garten der Sinne. Die Luft war frisch, aber es hat ihr offenbar gut getan.

Nicht jeder Tag ist gleich

Am heutigen Morgen kam ich aus dem Fahrstuhl und meine Frau saß nicht wie gewohnt in ihrem Fixierstuhl am Schwesternzimmer. Ich befürchtete, dass es ihr nicht gut geht, aber als ich die Zimmertür öffnete und Schwester Nadja bei meiner Frau sitzen sah, wusste ich sofort: alles okay mit Emine. Noch in der Tür stehend, sprach ich sie an. Sofort erkannte meine Frau meine Stimme und drehte ihren Kopf zu mir. Emine hatte ihre Augen weit aufgerissen und lächelte mich an wie zu unserer schönsten Zeit. Ich bin in Tränen ausgebrochen und habe meine Frau umarmt. Sie hat mich erkannt, sogar geküsst und meinen Kopf gestreichelt.

Mir ist der Krankheitsverlauf dieser unaufhaltsam voranschreitenden Krankheit schon bewusst, fast täglich setze ich mich damit auseinander. Aber so betroffen wie heute war ich in den sechs Jahren meiner Heimbesuche noch nie. Alle tollen Dinge, die Emine und ich erlebt haben, kommen nun wieder hoch. Mein Herz schmerzt, sie ist schwer krank und ich quäle mich immer noch mit Schuldgefühlen: Adolf, du hast in deinem Leben auf alle möglichen Dinge Einfluss nehmen können, warum nicht auf die Krankheit deiner Frau? Darüber zu schreiben, ist für mich der beste Weg, mit meinen Gefühlen und meiner Trauer umzugehen. Es befreit mich ein wenig. Bei dem, was ich von anderen Betroffenen im Weblog so lese, sind sicher einige dabei, die sich in meinen Zeilen wieder finden und wissen, wie es mir geht.

Meine Frau ist nun seit sechs Jahren im Pflegeheim. Ich bin den Schwestern und Pflegern für Ihre Hingabe im Umgang mit Emine zu großem Dank verpflichtet. Alle auf ihrer Station machen einen tollen Job.

Foto des Weblogautors Adolf Oppermann
Foto: Adolf Oppermann

Adolf Oppermann ist gelernter Koch und lebte früher in Wuppertal. Der Frührentner war über 20 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt war. Adolf Oppermann besuchte Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Grafik BriefumschlagGrafik FacebookGrafik TwitterRSS-Feed:Grafik RSS-SymbolAbonnieren: Grafik Facebook Grafik Twitter Grafik YoutubeDrucken:Grafik Drucker

6 Kommentare

Agnes Hümbs am 28.03.2011, 13:48 Sehr geehrter Herr Oppermann,

dieses Lächeln, wenn man nicht mehr glaubt, es erwarten zu können, ist das Schönste. Das verstehe ich sehr gut! Man erlebt einen sehr langen Abschied mit glücklichen Höhepunkten. Von denen wünsche ich Ihnen noch ganz viele!

Mit liebem Gruß

Agnes Hümbs

Bernadette Engelhardt am 28.03.2011, 17:38 Lieber Herr Oppermann,
ich habe Ihre bisherigen Zeilen stets gelesen, schreibe hier ja selbst ab und an meine Gedanken und Erlebnisse nieder und bin die Wege, von denen Sie schreiben, bereits gedanklich mit Ihrer Frau und Ihnen gemeinsam gegangen, einige Male schon.
Doch heute, nach diesen neuen und so offenen Zeilen, möchte ich Ihnen gerne einmal schreiben, wie sehr mich Ihr Mut, ihre Kraft und Ihre Liebe beeindrucken und wie tief mich Ihre Zeilen berühren.
Ja, schreiben ist ein befreiender Prozess, der noch dazu mit Sicherheit vielen Menschen helfen kann, die ein ähnliches Schicksal verbindet.

Sehr berührt hat mich auch, dass sie dennoch und vielleicht auch gerade deswegen noch in der Lage sind, den Schwestern und Pflegern in diesem Hause an dieser Stelle hier offiziell somit, ein Dankeschön auszusprechen.
Ich erlebe in meiner betreuenden Tätigkeit auch immer wieder das Leid, den Schmerz, aber auch die Freude und das Lächeln der Angehörigen, was mich immer wieder tief berührt, da ich die Angehörigen stets mit einbeziehe und auch umgekehrt, viele Angehörige uns Betreuungsassistenten als "Geschenk" und ab und an gar als Teil des FamilienTeams sehen und empfinden. Ich schrieb gerade gestern Abend erst einen neuen Artikel darüber.

Ihnen kann ich nur wünschen, dass sie sich diese wunderbaren Erinnerungen im Herzen und im Kopf bewahren, die nun erneut in Ihnen hoch kommen. Sie können es stellvertretend für Ihre Frau und Sie nun noch einmal erleben. Aus diesen Erinnerungen kann man sehr viel Kraft schöpfen, ab und an auch mal ein Lächeln.....immer im Bewusstsein, wie kostbar diese Erinnerungen für Sie sind und bleiben. Und Sie werden ja sicherlich wissen, wenn es Ihnen gut geht, können Sie dies mit Ihrer Frau teilen, die mit absoluter Sicherheit alle Gefühle wahrnehmen kann und wahrnehmen wird. Denn die Gefühle, die Liebe......sie bleiben!

Viel Kraft für Sie,
mit herzlichen Grüßen,
Bernadette Engelhardt

Adolf Oppermann am 29.03.2011, 20:23 Sehr geehrte Frau Hümbs, sehr geehrte Frau Engelhardt,

vielen lieben Dank für Ihre netten Zeilen. Ich freue mich sehr, dass es hier im Weblog die Möglichkeit gibt, aus den Erfahrungen von Angehörigen und Pflegenden zu lernen oder sich Anregungen zu holen. Es ist etwas wunderbares Freude oder auch Leid teilen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Adolf Oppermann

Monika Orth am 18.04.2011, 16:54 Ich bewundere Dich sehr, aber auch wenn der Verstand nichts mehr mitbekommt, das Unterbewusstsein kennt Deine Stimme. Im Unterbewussten bekommt der Mensch alles mit, das habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Dadurch kann ich alles besser verstehen.
Ich habe das Gefühl, das meine Mutter nun auch langsam anfängt, die wird allerdings schon 80 im Dez. Aber ich merke, das Kurzzeitgedächtnis läßt langsam nach. Sie hat sich auch schon so einige Klöpse geleistet.
Ich weiß, es ist sehr anstrengend und ich finde es fantastisch, was Du da leistest. Aber ich glaube, das kann man nur, wenn man eine Person sehr liebt.
Denke dran, Emine hört Dich gut und versteht Dich. Sage ihr Grüße von mir, einer ehemaligen Kollegin von Tele2, sie wird dich verstehen.
Jede kleine Regung ist ein Zeichen von ihr, dass sie weiß, dass Du bei ihr bist. Ich wünsche Dir weiterhin so viel Stärke wie bisher.

alles Liebe, Monika

Maria Wamper am 10.06.2011, 19:41 Sehr geehrter Herr Oppermann,

den Beitrag in der heutigen "Aktuellen Stunde" über Sie und Ihre Frau hat mich sehr beeindruckt. Es ist gut zu wissen, dass es in unserer kalten Gesellschaft noch solche Menschen wie Sie gibt.
Ich wünsche Ihnen viel Mut und Kraft.

Mit freundlichen Grüssen
Maria Wamper

Nina Lehnertz am 11.06.2011, 11:01 Hallo Herr Oppermann,

ich habe gerade den Beitrag in der "Aktuellen Stunde" gesehen, der mich sehr bewegt hat.
Es ist unglaublich bewundernswert, wie Sie diese Situation meistern und man merkt in jeder Geste und in jedem Wort, wie sehr Sie Ihre Frau lieben.

Ich wünsche Ihnen und Emine alles Gute.

Kommentar verfassen

Diesen Artikel kommentieren

Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet und müssen ausgefüllt werden.