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DAS WEBLOG

Emine und das Katzenglück Teil 2

Adolf Oppermann am 06.12.2010, 00:00 | 2 Kommentare

Nach unserer ersten Begegnung mit Caddy im Garten war ich am nächsten Morgen wieder auf der Station meiner Frau. Sie saß in ihrem Fixierstuhl am Dienstzimmer und schlief. Eine Schwester wollte ihr das Frühstück anreichen, doch das übernahm ich. Leise sprach ich Emine an, aber es passierte nichts, keine Regung. Doch dann der "Trick" mit meinem Handy und der türkischen Musik, und siehe da, Emine kam langsam in Schwung und öffnete sogar ein wenig ihre Augen. Sie antwortete nicht, nahm den Brei und den Kaffee aber auf. Ich habe sie wie ein Baby gefüttert, meine Maus kann das schon lange nicht mehr selbst.

Vor zwei Jahren hat sie sich die vorderen Zähne selbst per Hand gezogen. In einer OP mussten dann alle anderen Zähne auch gezogen werden. Deshalb bekommt meine Frau leider nur noch Brei. Zahnersatz ist bei Alzheimerpatienten zu gefährlich, da Sie diesen verschlucken können. Eine ganze Weile bin ich immer in den Mittagsstunden zu ihr gefahren, um ihr das Essen selbst anzureichen. Leider habe ich das nicht lange geschafft. Ich habe dabei immer nur weinen müssen.

Das Frühstück war beendet und Emine schaffte den kurzen Gang zum Rollstuhl. Nach langem Training ist sie heute in der Lage, diese acht bis zehn kleinen Schritte zu machen. Doch, es ist täglich ein neuer Kampf. Ich entfernte das Fixierbrett und hielt meine Hände von unten her vor sie. Ich berührte Ihre Hände und meine Frau griff zu. Dann zog ich sie in den Stand nach oben. und sie schob die Füße in einer halb stehenden, halb sitzenden Position nach vorne. Wir sind inzwischen so gut geworden, dass Sie nun sogar Physiotherapie bekommt, um die Kniegelenke wieder gerade zu bekommen. Alzheimer ist nicht heilbar, aber man kann üben; mehr bleibt nicht.

Ein Moment der Freude

Nun waren wir wieder auf dem Weg in den Garten. Das Wetter spielte mit, und beim Durchfahren der Tür saß Caddy vor uns, etwas näher als am Tag zuvor. Meine Frau war wieder eingeschlafen, und so schob ich den Rollstuhl weiter. Caddy folgte uns auf Schritt und Tritt. An der großen Vogelvoliere machten wir einen Stopp. Training für die Beine, ich spürte, dass Emine das gut tat. Fixiergurt ab, Bremsen fest, Fußstutzen ab. Ich hielt meine Hände nur hin, sie griff zu und zog sich hoch. Der Bodenbelag war sehr schlecht im Gegensatz zur Station, aber das war vielleicht auch gut so; nur die Füße schieben, ging nicht. Ich stand vor ihr und dachte, ich träume: Große Augen sahen mich an und sie lächelte wie zu ihrer besten Zeit. Ich habe Tränen in den Augen, während ich dies schreibe, und dennoch tut es mir gut.

Caddy saß neben uns an der Voliere, und dachte bestimmt,  "Was geht denn hier ab?" Dann saß Emine wieder im Rollstuhl, die Übung war für uns beide anstrengend. Wir fuhren weiter, doch plötzlich – oh je, ein Schrei, ein Fauchen und Caddy lief auf drei Beinen davon. Ich hatte beim Losfahren mit dem Rollstuhl wohl nicht hingeschaut und die Katze mit einem der kleinen Räder am linken Vorderbein erwischt. Nun war unsere noch nicht einmal zweitätige Freundschaft wohl schon beendet. Mehr in Teil drei.

Foto des Weblogautors Adolf Oppermann
Foto: Adolf Oppermann

Adolf Oppermann ist gelernter Koch und lebte früher in Wuppertal. Der Frührentner war über 20 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt war. Adolf Oppermann besuchte Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

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2 Kommentare

Ilka und Friedhelm Hüppop am 08.12.2010, 11:03 Junge, Du bist Klasse!!

Katja am 08.12.2010, 17:57 Hallo Herr Oppermann, eine sehr traurige aber auch sehr schöne Geschichte. Vielen Dank.

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