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DAS WEBLOG

Die Krankheit verschlimmert sich – ein Beitrag von Erika Strieder

Erika Strieder am 25.10.2010, 09:00 | 2 Kommentare

Bis 2006 konnte mein Mann noch schreiben, und ich habe mit ihm geübt, damit er wenigstens seine Unterschrift noch eine Weile beherrscht. Reinhards Gedächtnistrainerin hat mir geraten, ihn eine Vorsorgevollmacht unterschreiben zu lassen, so lange es noch geht. Sie hat mir das Formular auch gleich mitgegeben. Das war sehr gut so, denn ungefähr zu dieser Zeit wurde die Alzheimer-Krankheit schlimmer.

Einmal ist mir Reinhard an einem Sonntag ausgebüchst. Ich hatte gerade die Kaffeemaschine angestellt und dachte noch: "Es ist ja so ruhig." Ich bin ins Bad gegangen, ins Wohnzimmer, auf den Balkon, habe überall nachgesehen – Reinhard war weg. Damals ließ ich das Schlüsselbund meistens noch im Türschloss stecken. Irgendwie war es meinem Mann gelungen, den Schlüssel umzudrehen, und die Wohnung zu verlassen. In Pantoffeln und Schlafanzug. Ich hinterher. Erst die Treppe rauf, dort war er nicht, dann runter auf die Straße, aber er war weg.

Ich habe meine Tochter Carola in Rudow angerufen, und die kam sofort mit den Enkeln, um Reinhard zu suchen. Nichts. Also mussten wir die Polizei einschalten. Wenn Reinhard bis zum Abend nicht auftaucht, müssten sie einen Großeinsatz machen. Das war Gott sei Dank nicht nötig. Ein Autofahrer hatte meinen Mann gesehen und die Feuerwehr informiert. Die wussten von der Polizei schon Bescheid und brachten Reinhard im Rettungswagen heim. Das Schüsselbund ziehe ich seitdem ab.

Zwischen "raus hier" und "ich hab dich lieb"

Seit letztem Jahr baut Reinhard immer mehr ab. Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert, und die Kasse hat Pflegestufe III bewilligt. Reinhard sagt nicht mehr Bescheid, wenn er auf die Toilette muss. Ich frage ihn aber regelmäßig und versuche ihn zu überreden, dass er mitkommt. Ich nehme ihn an den Händen, gehe rückwärts und führe ihn ins Bad. Aber windeln muss ich meinen Mann trotzdem. Jeden Tag mache ich mindestens eine Waschmaschine voll mit Laken, Windeln, Unterlagen, Schlafanzügen. Auch jetzt läuft die Trommel gerade.

Zusammenhängend sprechen kann Reinhard schon lange nicht mehr. Wenn er einen Satz sagt, den man verstehen kann, dann schimpft er meistens "machen Sie, dass Sie wegkommen", "raus hier" oder "du sollst von dem Rasen runter, du Pfeife". Einmal hat er um Hilfe gerufen auf dem Balkon.

Aber es gibt auch schöne Momente. Letztens war Reinhard sehr unruhig, nachdem wir uns schlafen gelegt hatten. Er wälzte sich und murmelte Wörter, die ich nicht verstand. Ich legte ihm meinen Handrücken auf die Wange. Da sagte er plötzlich "schön" und schlief ein. Einmal stand Reinhard im Flur vor dem Telefon und sagte immerzu "hallo, hallo". Ich bin zu ihm gegangen und hab ihn gefragt, was los ist. Da hat er gesagt: "Ich hab dich lieb." So etwas gibt mir Kraft.

Informationen zur Autorin:

Die Blogbeiträge von Erika Strieder entstehen aus Interviews, die die Redaktion des WegweisersDemenz mit ihr führt. Frau Strieder lebt mit ihrem Mann Reinhard in Berlin-Steglitz. Das Paar* ist seit 1958 verheiratet und hat drei Töchter. Reinhard Strieder arbeitete als Elektroinstallateur, bis er 1988 in Frührente ging. Erika Strieder war Monteurin.

* Die Redaktion hat die Namen auf Wunsch der Ehefrau geändert.

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2 Kommentare

iris pluta am 08.05.2013, 15:18 Ich habe eine Mutter mit Demenz und mein Vater liegt im sterben.
Das schlimmste ist eigentlich, man weiß wie es weitergeht, doch die Ohmacht ist grausam. Den Menschen, den man aus seinem Leben nicht mehr wegdenken kann und will, entfremdet einem total. Die Angst, wie geht es weiter. Wann sagt er nicht mehr \"Liebling\",sondern:\"Wer sind Sie?\".Ich bewundere jeden Angehörigen, für seine Kraft, jeden Betroffenen, denn ich bin mir sicher, dass Patienten mehr mitbekommen, als wir wissen und ich hoffe auf Medikamente, die irgendwann eine Heilung versprechen.
Ich wünsche Allen viel Kraft.

Agnes am 27.03.2014, 19:13 Liebe Erika,
ich lese mit Leidenschaft Ihre Beiträge.
Meine Schwiegermutter ist an Demenz erkrankt und wenn man sich mit dem Thema auseinander setzt, wird mir Angst und bange.

Ich glaube das wirklich gewöhnungsbedürftigste an dieser Erkrankung ist, das einen die liebe Person irgendwann nicht mehr erkennt und vielleicht sogar Angst vor ihr bekommt.

Ich frage mich was mache ich dann? Aktuell weiß sie ab und an meinen Namen. Ich kümmere mich um sie, nur was wenn sie mich wegschickt, nicht mehr erkennt?

Schlimm diese Krankheit und noch schlimmer, das es die Betroffenen mitbekommen und sich dem hilflos fügen müssen. Sie können nichts machen.

Ich bewundere Sie für ihre Fürsorge und möchte meiner Mutter ( Schwiegermutter ) genauso helfen.

Ich danke Ihnen.

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