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DAS WEBLOG

Die ersten Jahre mit Alzheimer – ein Beitrag von Erika Strieder

Erika Strieder am 30.08.2010, 09:45 | 0 Kommentare

Im Jahr 2000 fing alles. Mein Mann stürzte oft. Beim Treppesteigen, auf der Straße, überall und aus heiterem Himmel. Außerdem hatte Reinhard unterwegs immerzu Sorge, ob er die Wohnungstür hinter sich zugeschlossen hat. Er konnte sich daran nicht mehr erinnern – und fuhr zurück, um nachzusehen. Einmal kam er nach Hause und war ganz bleich im Gesicht. Er sagte zu mir: "Weißt Du, was mir passiert ist? Ich habe das Auto in die Garage gestellt und hatte keine Ahnung mehr, wie ich dorthin gekommen bin. Ich habe das Auto angestarrt und mich gefragt, was in den vergangenen Minuten passiert ist." Damals haben wir das Auto abgeschafft. Mein Mann und ich waren immer einer Meinung, in all den Jahren unserer Ehe. Es war uns beiden ganz klar, dass wir jetzt besser Bus fahren.

Fehldiagnose verzögert Behandlung

Außerdem sind wir noch im selben Jahr zum Hausarzt gegangen. Der hat uns auch gleich an eine Neurologin überwiesen, die ein EEG gemacht hat. "Alles in Ordnung", hieß es, "er hat nichts." Das stimmte aber leider nicht. Reinhard hatte immer mehr Aussetzer und musste oft lange überlegen, wo er ist. 2003 sind wir deshalb zu einem anderen Neurologen gegangen und der diagnostizierte Alzheimer im mittleren Stadium. "Wären Sie mal drei Jahre früher gekommen", sagte der zu mir. "Dann hätten wir den Krankheitsverlauf verzögern können."

Gedächtnistraining am Computer

Der Neurologe hat Reinhard nicht nur Medikamente gegen Alzheimer verschrieben, sondern auch ein Gedächtnistraining empfohlen. Zwischen 2003 und 2006 ist Reinhard also dorthin gegangen. Auch hier bei uns zu Hause konnte er mit dem Training weitermachen. Unsere Tochter hatte uns einen Computer besorgt. Darauf liefen die Spiele, die er aus dem Therapiezentrum kannte. Reinhard hat das eine Stunde am Tag gemacht, manchmal auch zwei. Es hat ihm aber nur Spaß gemacht, wenn ich daneben saß. Also hat uns die Tochter noch einen Computer besorgt, und ich habe auch gespielt.

Im ersten Jahr ist Reinhard noch alleine zum Gedächtnistraining gefahren. Allerdings hatte er große Schwierigkeiten, das Gebäude zu finden. Reinhard war oft verzweifelt in dieser Zeit. Er stand an der Bushaltestelle hinterm Rathaus und versuchte sich zu erinnern, welchen Weg er gehen muss. Klappte nicht. Er hat dann kehrt gemacht und ist wieder nach Hause gekommen. Diesen Weg wusste er noch. Die Therapeutin hat manchmal schon angerufen, wo mein Mann bleibt, da war er noch gar nicht wieder zurück.

Reinhard findet nicht heim

Und dann kam der Tag, an dem Reinhard auch nicht mehr nach Hause fand. Wir fuhren gemeinsam Bus. An unserer Haltestelle stieg ich aus und reichte meinem Mann die Hand, damit auch er aussteigen konnte. Doch er zögerte zu lange, die Tür schloss sich und der Bus fuhr ab. Ich habe gerufen, der Fahrer hat mich aber wohl nicht gehört. Ich bin hinterher gelaufen, so gut ich eben kann. Aber mein Mann tauchte an keiner Station auf. Ich hatte keine Ahnung, wo er ausgestiegen sein mochte. Also bin ich zurückgelaufen und habe an unserer Haltestelle gewartet in der Hoffnung, dass er im Bus umkehrt und rechtzeitig aussteigt. Irgendwann kam er dann am Arm eines Fremden an unserer Haltestelle vorbei. Der junge Mann hatte Reinhard in völlig verwirrtem Zustand im Park getroffen und ihm Hilfe angeboten. Unsere Straße und die Hausnummer wusste mein Mann noch. Das hat Schlimmeres verhütet. Aber von diesem Zeitpunkt an habe ich Reinhard überallhin begleitet und ihn auch nicht mehr alleine zum Gedächtnistraining fahren lassen.

Informationen zur Autorin:

Erika Strieder lebt mit ihrem Mann Reinhard in Berlin-Steglitz. Das Paar* ist seit 1958 verheiratet und hat drei Töchter. Reinhard Strieder arbeitete als Elektroinstallateur, bis er 1988 in Frührente ging. Erika Strieder war Monteurin.

* Die Redaktion hat die Namen auf Wunsch der Ehefrau geändert.

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