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DAS WEBLOG

Zu Hause wohnen dank professioneller Hilfe – ein Beitrag von Erika Strieder

Erika Strieder am 29.11.2010, 00:00 | 0 Kommentare

Mein Mann und ich leben seit 43 Jahren in der gleichen Wohnung in Berlin-Steglitz. Wir haben alle Möbel gemeinsam ausgesucht, gemeinsam abbezahlt, alles gemeinsam entschieden. So lange ich Reinhard noch betreuen und pflegen kann, bleiben wir zusammen hier. Ich weiß aber auch, dass sich das schnell ändern kann. Ich bin selbst zu 60 Prozent schwerbehindert. Ich sehe schlecht, bin auf einem Ohr taub, habe zu hohen Blutdruck, und meine Knie und die Wirbelsäule sind kaputt. Sollte ich Reinhard eines Tages nicht mehr bei mir behalten können, werde ich nicht ausziehen. Ich hänge sehr an dieser Wohnung, in der ich eine glückliche Ehe geführt habe. Ich habe entschieden, dass Reinhard dann in einem Pflegeheim wohnt.

Gott sei Dank ist es noch nicht so weit – auch weil ich Unterstützung habe. Immer donnerstags kommt jemand von der Diakonie ins Haus und badet meinen Mann. Seit August letzten Jahres schickt uns die Alzheimer Angehörigen Initiative außerdem einen Betreuer. Klaus kommt zwei Mal in der Woche, montags und dienstags jeweils vier Stunden. Das hilft mir sehr, weil er mir Arbeit abnimmt, die schwer für mich ist. Klaus geht zum Beispiel in den Supermarkt und kauft ein, was ich nicht mehr tragen kann. Manchmal geht er mit meinen Mann eine Runde im Park spazieren. Das traue ich mich nicht mehr. Was ist, wenn er mir umkippt? An den Tagen, an denen der Betreuer da ist, kommt mein Mann auch besser aus dem Bett. Klaus redet ihm gut zu, stützt ihn und kann ihn im Gegensatz zu mir auch heben. Reinhard ist schon sehr steif, besonders morgens. An den Tagen, an denen ich allein bin, bleibt Reinhard deshalb lange liegen. Wenn er abends auf der Couch einschläft und nicht mehr aufstehen möchte, dann soll er. Mein Mann hat trotz Alzheimer immer noch einen starken Willen. 

Rund um die Uhr beschäftigt

Wenn ich Reinhard zur Couch oder auf den Balkon begleitet habe und er sich gesetzt hat, brauche ich nur kurz in die Küche zu gehen, und schon ist er wieder auf den Beinen. Das ist gefährlich, weil er manchmal ein, zwei Schritte nach vorne macht und sich einfach wieder hinsetzt, obwohl die Couch oder der Stuhl jetzt zu weit weg ist. Er ist ja ohnehin sehr wackelig auf den Beinen und kann sich nicht halten. Er möchte einfach nicht alleine sein. Manchmal mache ich nur die Waschmaschine an, da höre ich ihn schon aus dem Wohnzimmer rufen. "Wo ist sie denn? Wo bleibt meine Frau?" So als wäre ich schon stundelang fort. Am ruhigsten ist mein Mann, wenn ich seine Hand zu meinem Herzen führe und er mich spürt.

Damit Reinhard nichts passiert, sitze ich die meiste Zeit regelrecht auf der Lauer. Das strengt mich sehr an. Umso wichtiger ist es für mich, dass Reinhard sich gut mit dem Betreuer versteht. Mein Mann hat sich so an Klaus gewöhnt, dass er manchmal in der Küche steht und murmelt: "Wo ist Gaus, wo ist Gaus." Den Namen kann er nicht mehr richtig aussprechen, aber trotz Alzheimer hat er sich gemerkt, dass er einen Betreuer hat. Ich antworte ihm dann, dass Klaus heute nicht kommt, aber am Montag wieder, und mein Mann ist beruhigt. Wenn Klaus bei uns ist, kann ich auch einmal aus dem Haus, beispielsweise zum Arzt oder zur Bank. Das ist eine Entlastung, die ich dringend brauche.

Mit Reinhard im betreuten Urlaub

Der Betreuer Klaus ist bei der Alzheimer Angehörigen Initiative angestellt. Mit dieser Initiative waren wir auch schon im betreuten Urlaub in Stralsund. Klaus war dabei und hat sich um meinen Mann und andere Alzheimerkranke gekümmert. Es hat mir sehr gut getan, mehrere Stunden am Tag für mich zu haben. In den ersten Tagen ist mir erst einmal bewusst geworden, wie kaputt ich war. Wenn man ständig beschäftigt ist, fällt einem das gar nicht auf. Sogar das Küchenpersonal im Hotel hat mich angesprochen, dass ich viel ruhiger geworden bin. Anfangs hat die Kaffeetasse in meiner Hand gezittert. Das hat sich dann gelegt. Auch die Gespräche mit den anderen Angehörigen waren gut. Das gibt einem das Gefühl, dass man nicht allein ist mit seinen Problemen. 

Informationen zur Autorin:

Die Blogbeiträge von Erika Strieder entstehen aus Interviews, die die Redaktion des WegweisersDemenz mit ihr führt. Frau Strieder lebt mit ihrem Mann Reinhard in Berlin-Steglitz. Das Paar* ist seit 1958 verheiratet und hat drei Töchter. Reinhard Strieder arbeitete als Elektroinstallateur, bis er 1988 in Frührente ging. Erika Strieder war Monteurin.

* Die Redaktion hat die Namen auf Wunsch der Ehefrau geändert.

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