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DAS WEBLOG

Ist die Demenzerkrankung bei Menschen mit Migrationshintergrund vererbbar?

Silvia Tijero Sanchez am 09.07.2013, 09:17 | 0 Kommentare

Silvia Tijero Sanchez vertritt die Meinung, dass Biografiearbeit gerade bei an Demenz erkrankten Menschen mit Migrationshintergrund sehr wichtig und unverzichtbar ist.

Es kommt häufiger vor, dass Migranten in Folge einer beginnenden Demenz nur noch ihre Muttersprache sprechen. Dies verhindert die Kommunikation und erschwert den Versuch, weitere Informationen beim Betroffenen zu bekommen. Die Biografiearbeit spielt auf jeden Fall eine große Rolle, um die Lebensgeschichte der Migranten erfassen zu können. Es stellt sich jedoch die Frage, wann ein günstiger Zeitpunkt dafür ist.
Während meiner Hospitation in einem Pflegeheim stellte ich fest, dass die Biografiearbeit bei Migranten, die unter Demenz erkrankt sind, schwierig war. Ich habe unterschiedliche Methoden der Biografiearbeit durchgeführt und folgende Ehrung gemacht: Die Kommunikation war schwierig und es war nicht möglich, Termine bei Angehörigen und Verwandten zu bekommen. Ferner habe ich die Beobachtung gemacht: Migranten mit Demenz werden in ein Pflegeheim gebracht, wenn die Demenzerkrankung in ein fortgeschrittenes Stadium getreten ist; Biografiearbeit ist dann nicht mehr möglich.
Ich habe mit der Tochter einer Bewohnerin telefoniert und gefragt, ob sie die Lebensgeschichte ihrer Mutter erfassen kann, sie sagte zu. Sie schrieb die Lebensgeschichte ihrer Mutter auf und erlaubte mir weiter zu ermitteln.
 
Hier die Geschichte von Frau G.:
„Ich wurde 1958 in Kronaturinsl (Russland) geboren. Das liegt am Uralgebirge. Da die Eltern viel gearbeitet haben, hat die Oma (von meiner Mutter „Babuspa“ genannt) auf mich aufgepasst.
Die Oma hat überwiegend deutsch gesprochen, sodass meine Mutter mit zwei Sprachen aufgewachsen ist.
Während der Schulzeit hat meine Mutter aktiv an Veranstaltungen, wie Konzerte, Schulaufführungen mitgewirkt. Sie hatte viele Freunde.
Am 12.08.1977 hat meine Mutter meinen Vater geheiratet, davor waren sie ein Jahr zusammen. Im März 1978 kam meine Schwester Ekaterina auf die Welt und 6 Jahre später ich.
Im Sommer haben meine Eltern immer viel Zeit auf der Datscha (großer Kleingarten) verbracht, schon als meine Schwester klein war. Meine Mutter hat sehr gern Gartenarbeit verrichtet. Sie hat auch schon immer sehr gern gebacken.
Im Jahr 1995 sind wir mit der ganzen Familie nach Deutschland übergesiedelt. Meine Mutter trug dabei eine große Verantwortung, da sie sich um alle Behördengänge gekümmert hat.
Der Umzug war für meine Mutter sehr schwer. Sie hatte sehr großes Heimweh, sie vermisste ihre Freunde und ihre Arbeit (sie hat in Russland eine Bürotätigkeit im Einkauf ausgeübt). Das wurde dadurch verstärkt, dass unsere erste Unterkunft sehr unhygienisch war. Meine Mutter musste für alle stark sein. Als sich dann alles normalisiert hat und wir eine neue Wohnung bekamen und mein Vater eine Fortbildung begann, ist er 1998 an Krebs erkrankt und 1999 daran gestorben.
Meine Mutter hatte sich immer um ihn gekümmert, ihn von der Schule abgeholt und danach versorgt. Sie hat auch zu jeder Zeit sehr gerne russische Musik gehört oder Filme geschaut. Sie hatte immer großes Heimweh, manchmal war sie ein ganz anderer Mensch. Ich denke, sie hat in Deutschland nie so richtig den Anschluss gefunden“.
Danach habe ich noch einmal mit der Tochter telefoniert und gefragt, wie die Erkrankung ihrer Mutter angefangen habe. Sie antwortete, „Genau wie bei meiner Oma, … Mein Opa starb ganz jung, meine Oma konnte dies nicht ertragen, dann erkrankte sie an Demenz … genauso passierte, es bei meiner Mutter, mein Vater starb ganz früh … 48 Jahre alt.
Seltsam - Mutter und Tochter das gleiche Schicksal und auch die gleiche Erkrankung?

Foto der Weblogautorin Silvia Elizabeth Tijero Sanchez
Foto: Silvia Elizabeth Tijero Sanchez

Silvia Elizabeth Tijero Sanchez ist examinierte Altenpflegerin, Lehrerin für Pflegeberufe und Berufspädagogin - Fachbereich: Pflege. Die Peruanerin absolvierte u. a. eine Fachweiterbildung zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie und arbeitete mehrere Jahre in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege im stationären und ambulanten Dienst. Zurzeit arbeite sie als Lehrkraft in der Aus- und Weiterbildung.

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