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DAS WEBLOG

"Mit Fünfzig noch eine Ausbildung anfangen?"

Maria Tölle am 04.04.2011, 00:00 | 3 Kommentare

Im März 2003 begann ich eine Umschulung zur Altenpflegerin. Als Werbeassistentin arbeitslos geworden war ich bereits 10 Jahre zuvor. In den Jahren danach hatte ich mich zuhause neben meiner Funktion als Mutter und Hausfrau noch um drei pflegebedürftige Verwandte gekümmert. Mein Vater hatte Krebs, meine Mutter litt an Alzheimer-Demenz und meine Tante an paranoider Schizophrenie. Nach jahrzehntelanger Einnahme von Psychopharmaka hatte sie zudem eine Parkinson-Symptomatik entwickelt.

Schwester Mechthild, die Leiterin des ambulanten Dienstes, der mir und meiner Familie bei der Pflege geholfen hatte, sagte zu mir nach dem Tod unserer Tante Luise: "Na, da können sie ja jetzt bei uns anfangen, wo sie zuhause niemanden mehr zu pflegen haben." "Um Gottes Willen!", antwortete ich ihr, "Ich gehe wieder zurück ins Büro." "Nein, Frau Tölle, da gehören Sie nicht hin. Sie müssen mit Menschen zu tun haben". Ich versuchte abzuwiegeln: "Das könnte ich niemals aushalten, ich nehme zuviel Leid mit nach Hause." "Doch, Frau Tölle, das schaffen Sie schon, das lernen Sie dann."

Nach einigen hitzigen Diskussionen in meiner Familie und langem Abwägen von Vor- und Nachteilen habe ich mich schließlich als Pflegekraft beworben. Schwester Mechthild empfahl mir aber zunächst eine dreijährige Ausbildung nebst Examen, damit hätte ich mehr Chancen und bessere Verdienstmöglichkeiten. "Ich mache doch jetzt mit fast Fünfzig keine dreijährige Ausbildung mehr, das schaffe ich doch gar nicht." "Frau Tölle, Sie können doch jetzt schon praktisch alles, Sie pflegen schon seit Jahren", erwiderte sie mir daraufhin.

Voller Zweifel ließ ich mich beim Arbeitsamt beraten und auch noch von dem dortigen Psychologen auf meine Tauglichkeit für einen solchen Beruf prüfen. Im März 2003 begann ich dann die Ausbildung und fühlte mich anfangs dort völlig verunsichert. Es waren noch zwei weitere "Alte" im Kurs, aber die Mehrheit der Teilnehmer und sogar der Dozenten war wesentlich jünger als ich, teilweise sogar jünger als meine eigene Tochter.

Aber meine Motivation war trotz aller Zweifel hoch und mein Wunsch, eine gute Pflegekraft zu werden, ließ mich diese Hürden nehmen. 2006 schloss ich die Ausbildung zur Altenpflegerin erfolgreich ab. Nach dem Berufseinstieg im ambulanten Pflegedienst habe ich mich jedoch für eine freiberufliche Tätigkeit entschieden. Heute weiß ich: Die späte Umschulung war der richtige Schritt.

Foto der Weblogautorin Maria Tölle
Foto: Maria Tölle

Maria Tölle lebt in Ostwestfalen-Lippe, ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie arbeitet als freiberufliche Altenpflegerin für den Verein Alt und Jung Süd-West e. V. im "Bielefelder Modell" und ist dort neben ihrer Pflegetätigkeit mitverantwortlich für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz. Als Kursleiterin Pflege schult und begleitet sie Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegekräfte. Maria Tölle hat vor ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin jahrelang ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zuhause gepflegt und betreut.

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3 Kommentare

info@perlensucherinnen.de am 23.10.2011, 18:18 Wo finde ich solch mutige und aktive Menschen, die in unserer Zukunft , in der wir immer mehr Demenz- und Alzheimerkranke haben werden, diesen wichtigen Beruf ergreifen oder ergreifen werden. Wir suchen immer wieder ausgebildete Damen und Herren, die wir vermitteln können. Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.
www.perlensucherinnen.de mail:info@perlensucherinnen.de
Leopoldine Gräfin Arco und Regina Schneider

Tilla am 06.11.2012, 11:31 Meinen allergrößten Resekt vor Ihren Leistungen.

Mir wäre ein solcher Weg auch möglich gewesen. Das Altenpflegeheim, in dem ich als Pflegehelferin arbeite, hat mir eine Ausbildung zur Altenpflegerin mit Examen angeboten.
Leider hat mich das Arbeitsamt aufgrund meines Alters (49 Jahre) nicht unterstützt.
Ich sei zu alt hieß es und ausserdem habe ich ja eine abgeschlossene Berufsausbildung .
Da ich von dem Ausbildungsgehalt als alleinerziehende Mutter meine Kinder nicht ernähren kann, wird dies für mich nicht möglich sein.

Es gibt sie, die mutigen und aktiven Menschen.
Es gibt nur leider zu wenig Chancen.

Frank am 10.11.2017, 11:30 Hallo und danke für den tollen Artikel.
Es ist nie zu spät seine Träume zu leben.
VG Frank

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