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DAS WEBLOG

Erinnerungen an die NS-Zeit

Maria Tölle am 08.08.2011, 12:00 | 1 Kommentar

Der Umgang mit Erinnerungen Demenzkranker an das Leben im Nationalsozialismus fällt Angehörigen und Betreuern oft schwer. Das Thema "Drittes Reich" begegnet mir jedoch immer wieder im Rahmen von Biografiearbeit und Erinnerungspflege.

Während einer wöchentlichen Betreuungsgruppe für Demenzkranke, die ich gemeinsam mit einem jüngeren Kollegen gestaltete, berichteten die Teilnehmerinnen von ihren Hochzeiten. Sie tauschten sich angeregt untereinander aus und erzählten auch von den Bedingungen der damaligen Zeit. Viele von ihnen waren in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts im heiratsfähigen Alter und haben vor oder während des Zweiten Weltkriegs geheiratet. Sie sind in den 30er Jahren in Schulen, Ausbildungsstätten und der Hitlerjugend stark ideologisch geprägt worden.

Eine Teilnehmerin dieser Gruppe wiederholte während der Erinnerungsarbeit immer wieder, zum Teil sehr lautstark, dass in der NS-Zeit alles besser gewesen sei. Die anderen Teilnehmerinnen reagierten sehr unterschiedlich auf diese Behauptung, je nach geistigem Zustand und noch vorhandenem Urteilsvermögen.

Mein junger Kollege war völlig irritiert und versuchte, mit dieser recht dominanten und redseligen Dame zu diskutieren – was zu nichts führte. Auch die Proteste innerhalb der Gruppe wurden immer lauter. Eine zuvor nette und heitere Gesprächsrunde über die "erste große Liebe" endete nach kurzer Zeit in Chaos und Streit. Gut, dass wir zu zweit waren und die Möglichkeit hatten, die erregte Dame abzulenken. Ich ging mit ihr aus dem Raum, um einen Spaziergang zu unternehmen und validierend auf sie einzugehen, während mein Kollege die Gruppe beruhigte.

Dieser Zwischenfall zeigte uns sehr deutlich, dass die Zeit des Dritten Reichs ein wichtiger Bestandteil beim Blick in die Vergangenheit mit den Demenzkranken ist. Die damaligen Ereignisse haben sie oft besonders emotional erlebt und erinnern sich heute entsprechend daran.

Foto der Weblogautorin Maria Tölle
Foto: Maria Tölle

Maria Tölle lebt in Ostwestfalen-Lippe, ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie arbeitet als freiberufliche Altenpflegerin für den Verein Alt und Jung Süd-West e. V. im "Bielefelder Modell" und ist dort neben ihrer Pflegetätigkeit mitverantwortlich für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz. Als Kursleiterin Pflege schult und begleitet sie Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegekräfte. Maria Tölle hat vor ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin jahrelang ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zuhause gepflegt und betreut.

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1 Kommentar

Benjamin Geßner am 15.08.2011, 21:43 Erinnerungen an und Umgang mit der NS-Zeit - schwierig, nötig und wichtig, ABER GEWOLLT!?

Ich habe im Rahmen meiner Arbeit als im Nachtdienst Tätiger in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz einen derzeit 90 Jahre alten Mann kennen gelernt, der nahezu jeden Tag zumindest andeutungsweise Äußerungen von sich gab, die mit dem Nationalsozialismnus resp. dem 2. Weltkrieg in Verbingung standen.

Es ist ein heikles, brisantes und mit äußerster Sensibilität anzugehendes Thema, über das sehr oft auf Grund der meist sehr schlimmen, negativen und traurigen Erinnerungen, Erlebnisse und Gedanken nicht geredet werden will oder kann - verständlicherweise wohl, aber Menschen, die darüber reden möchten, denen es immer wieder womöglich ein dringendes Anliegen ist, sollte und muss man zuhören, da sehr oft Dinge geschildert werden, die...
... auf sehr individuelle Art und Weise Einblick in das Leben des Betroffenen geben und
... Aufschluss darüber ermöglichen, wie ein Mensch aufgewachsen ist,
... wodurch er zum Teil gesprägt worden ist und
... somit biografische Elemente darstellen, die bestenfalls auch noch Aspekte in der Pflege erklären oder sogar schaffen.

Auf jeden Fall zeigt es Vertrauen des zu Pflegenden in den oder die Pflegende/n, da solch prägende Erlebnisse nicht jedermann erzählt würden.

Das Wissen über den 2. Weltkrieg, den Mord an Millionen von Juden und andere grausame Gegebenheiten der damaligen Zeit, dargelegt und geschildert aus erster Hand der zu dieser Zeit Lebenden, wird es so in naher Zukunft ganz und gar nicht mehr geben und stellt einen unglaublich großen Wissensschatz dar - nicht nur für das Individuum!

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