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Eine Schwester bereitet die Untersuchung für eine Kernspintomographie vor. Ihre Kollegin sitzt in einem Vorraum und bearbeitet Unterlagen

Demenz und Schmerz

Eine der größten Hürden bei der Behandlung von Schmerzen bei an Demenz erkrankten Menschen ist, überhaupt festzustellen, ob sie welche haben. Schmerzen sind ein individuelles Empfinden, nicht objektiv messbar wie z. B. der Blutzuckerwert oder die Höhe des Fiebers. Das erste Problem ist also, überhaupt herauszufinden, ob der Betroffene Schmerzen hat.

Zu Beginn einer Demenz stellt dies häufig noch kein Problem dar – die Erkrankten können sich noch mitteilen und auch feststellen, wo der Schmerz sitzt. Im Verlauf einer Demenz  geht aber nicht nur die Fähigkeit demenzerkrankter Menschen zurück, sich adäquat zu äußern. Im Verlauf kommt hinzu, dass Menschen mit Demenz den Schmerz empfinden, aber ihn nicht lokalisieren können. Also nicht bestimmen, von wo er ausgeht, wo er herkommt.

Gelegentlich gibt es die Annahme, Menschen mit Alzheimerkrankheit würden aufgrund ihrer Erkrankung keinen oder lediglich geringeren Schmerz verspüren. Dies ist wissenschaftlich widerlegt – die Schmerzwahrnehmung wird verändert, von einer Verminderung als Automatismus der Alzheimerkrankheit ist derzeit jedoch nicht auszugehen. (Brain; 2006, 129; 2957 ff).

Wertvolle Hinweise liefert dann eine „Schmerzbiographie“ – also das Wissen um Vorerkrankungen und Ereignisse, die bisher oder heute Schmerzen verursachen könnten. Mediziner werden sich zur Beurteilung häufig sogenannter Skalen bedienen, um Schmerz und seine Intensität beurteilen zu können und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Ein Beispiel ist die Numerische Rating Skala, auf der Angaben zur Schmerzintensität von eins bis zehn gemacht werden können. Es gibt weitere dieser Instrumente – aber sie alle sind auf Angaben des Betroffenen angewiesen.
Besondere Beachtung muss der Aspekt finden, dass Schmerz von älteren Menschen häufig in anderer Form wiedergegeben wird. Es wird eher über Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Ruhelosigkeit oder Schwindel geklagt – was die Diagnose nicht eben vereinfacht. Auch Ruhelosigkeit oder Abwehrverhalten bei pflegerischen Maßnahmen können ein Hinweis sein, dass Betroffene Schmerzen haben. Angehörige sind besonders aufgerufen, Veränderungen im Verhalten zu beobachten und dem Arzt mitzuteilen, wie sich der Erkrankte verhält. Dies kann entscheidende Hinweise liefern (Fremdanamnese), ob möglicherweise Schmerzen vorhanden sind.

Weil es schwierig ist, einzuschätzen, ob demenzkranke Menschen Schmerzen leiden, wurden alternative Beurteilungsmethoden entwickelt, die nicht auf die Auskunft(fähigkeit) des Patienten angewiesen sind. Eines der bekanntesten Instrumente ist das Manual „Beurteilung von Schmerzen bei Demenz“ (BESD) (Basler et. al. 2006). Sie finden Informationen dazu samt Erklärungen und sogar Videos bei der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V.

Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. - Arbeitskreis Schmerz und Alter - Downloads

Schmerz kann sich in verändertem Verhalten ausdrücken

Es kommt bei Menschen mit Demenz also besonders darauf an, bei herausforderndem Verhalten oder bei Verhaltensänderungen auch an Schmerzen als Ursache zu denken. Ein Arzt wird dann versuchen, zwischen akuten und chronischen Schmerzen zu unterscheiden und die Behandlung entsprechend anpassen. Vielfach gehen dann auch die als besonders belastend empfundenen Verhaltensweisen (Schreien / Rufen / Unruhe / Aggression) zurück.

Wenn der Betroffene nicht mehr sprechen kann, ist es wichtig, auf andere Ausdrucksweisen, z. B. die Mimik, zu achten. Damit soll verhindert werden, dass Schmerzen chronisch werden und ein Patient dauerhaft darunter leidet. Teilen Sie deshalb dem behandelnden Arzt mit, falls Sie den Eindruck gewinnen, ihr Angehöriger leidet unter Schmerzen.

Ursachen behandeln

Beispiel aus der Praxis:

Hildegard T. ist 84. Die Diagnose „Alzheimer“ bekam sie vor etwa vier Jahren. Sie spricht nicht mehr und die verbale Kommunikation beschränkt sich auf Lautäußerungen. Hildegard T. war immer das, was man eine „gute Esserin“ nennen kann. Mit großem Genuss widmete sie sich ihren Mahlzeiten. Die pflegende Tochter bemerkte daher sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihre Mutter brauchte in den vergangenen Tagen deutlich länger für das Essen. Nun war es so weit, dass – ganz im Gegensatz zu sonstigen Gewohnheiten – Hildegard T. nicht mehr essen wollte. In Sorge um ihre Mutter und die Veränderung zunächst der Demenz zuschreibend, begann die pflegende Tochter, ihrer Mutter das Essen anzureichen. Das klappte mehr schlecht als recht, und mehr und mehr arteten die Mahlzeiten in eine Art Kampf aus. Die Tochter wusste sich schließlich keinen Rat mehr und informierte den Hausarzt, der in ein geriatrisches Krankenhaus überwies. Dort versuchte man u. a. auch, den Mund zu inspizieren. Hildegard T. weigerte sich aber beharrlich, diesen zu öffnen. Der Stationsarzt fragte die Tochter, wann Hildegard T. das letzte Mal einen Zahnarztbesuch hatte. Dies lag einige Jahre zurück – irgendwann vor drei oder vier Jahren hatte ihre Mutter eine Zahnprothese bekommen. Seit dem war kein Besuch beim Zahnarzt mehr erfolgt. Der Stationsarzt riet daher dringend, nach Entlassung einen Zahnarzt aufzusuchen.

Der Besuch in der Zahnarztpraxis verlief dann widererwarten recht unkompliziert. Die Situation auf dem Zahnarztsessel setzte Hildegard T. das richtige Signal, so dass sie – wenn auch widerwillig – den Mund öffnete. Für den Zahnarzt war es dann ein leichtes festzustellen, dass die Zahnprothese dringend angepasst werden musste. So wie sie jetzt saß, musste Frau T. beim Kauen Schmerzen gehabt haben. Der Versuch, die Zahnprothese anzupassen schlug fehl. Hildegard T. konnte weder ausreichend lange kooperieren noch wiedergeben, ob der Sitz der Prothese im Anschluss korrekt war. Gemeinsam mit dem Zahnarzt kam die pflegende Tochter daher überein, auf das Einsetzen der Prothese oder gar das Anfertigen einer neuen zu verzichten. Hildegard T. gewöhnte sich schnell an die Situation und ihre Tochter achtete darauf, die Mahlzeiten etwas anzupassen hinsichtlich deren Konsistenz. Alsbald gewann Hildegard T. den Genuss am Essen zurück.   
Wenn sich das Verhalten des demenzkranken Menschen ändert, kann dies auch ein Ausdruck von Schmerzen sein. Pflegende Angehörige sind daher die wichtigsten Beobachter und Kenner, welche die entscheidenden Hinweise liefern können.

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