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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Panische Angst vorm Pflegeheim
10.06.2011 | 12:08
Suse

Bei meiner Mutter (83) ist kürzlich eine Demenzerkrankung festgestellt worden. Sie hat außerdem Depressionen, die seit ca. 2 Wochen medikamentös behandelt werden. Die Diagnose wurde ihr beim Hausarzt alles andere als schonend beigebracht. Sie ist der Meinung, sie sei oder werde jetzt verrückt und zieht sich aus diesem Grund von allen Freunden und Aktivitäten zurück, möchte allerdings noch an einem sog. Gemeindeausflug teilnehmen, was meine Schwester ihr jetzt verboten hat. Sie ist insgesamt sehr unglücklich und äußert auch Suizidgedanken. Sie hat große Angst, dass sie in eine geschlossene Abteilung eines wie sie sagt "Irrenhauses" kommt. Sie hat eine Erinnerung im Kopf von ihrer Schwiegermutter, die in den 60er Jahren schwer manisch-depressiv war und daher in einem Psychiatrischen Krankenhaus dauerhaft betreut werden musste. Sie ist der festen Überzeugugung, dass es ihr jetzt ebenso gehen wird. Ich selbst bin aus beruftlichen und räumlichen Gründen nicht in der Lage, meine Mutter zu pflegen, meine Geschwister lehnen die Pflege meiner Mutter aus anderen Gründen ab. Ich möchte, dass sie aus den genannten Gründen so lange wie möglich zu Hause leben kann, ich meine, der Umzug in ein Pflegeheim wäre ihr Untergang. Wie kann ich dafür sorgen, dies so lange wie möglich zu verhindern?

14.06.2011 | 21:39
martinhamborg

Hallo Suse, zunächst möchte ich ein wenig zur Gelassenheit raten: Ihre Mutter wird jetzt medikamentös gegen die Depression behandelt und es dauert mindestens zwei Wochen, bis die Medikamente anschlagen. Die Suizidgedanken sind ein häufiges Symptom der Depression, die in der Regel mit der Behandlung aufhören. In diesem Zusammenhang kann ich das Verbot (Ausflug) nicht nachvollziehen: Tagesstruktur, positive Erfahrungen, Bewegung, Gesellschaft und Licht sind wichtige antidepressive Bausteine. Hier sollten auch die ambulanten Hilfen und die Unterstützung in der Familie ansetzen, vermitteln Sie das Gefühl von Selbstwirksamkeit, Erfolgserlebnisse im Kleinen und verstärken Sie mögliches Klagen nicht mit Rat"schlägen" und Diskussionen. Auch ohne Pflegestufe kann Ihre Mutter an einer Betreuungsgruppe teilnehmen, die gerade bei Menschen mit Depression oft zu einem wöchentlichen high light werden. Von der Demenz habe ich bewußt nicht gesprochen, da die Depression im Vordergrund steht und viele Demenzsymptome auch durch eine Depression ausgelöst werden können.

Sehr typisch sind die Übertreibungen mit dem "Irrenhaus", besonders dann, wenn Sie selbst eine panische Angst vor einem Heim haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Angst relativieren, damit Sie selbst nicht in einen depressiven "Teufelskreis" gezogen werden, der sich aus dem schlechten Gewissen nährt.
Vielleicht schauen Sie sich deshalb gezielt schon einmal Heim an, auch um ggf. für Notsituationen einen guten Kurzzeitpflegeplatz zu kennen.

Auch durch eine Tagespflege können Sie Ihrer Mutter die notwendige Tagesstruktur geben, mit der Gemeinschaft kehrt oft die Freude am Leben zurück.
Dies gilt übrigens auch für ein (gutes) Heim: In einem großen Projekt (Nordlicht) haben wir fast 100 pflegebedürftige Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt in die Häuslichkeit begleitet, gerade Menschen mit Depression und Demenz entschieden sich nach einer Kurzzeitpflege für die stationäre Pflege, obwohl die Häuslichkeit teilweise 24 Stunden gesichert war: Die vorhersehbare Struktur, die Gemeinschaft und die sozialen Angebote hatten mehr Reiz, als die alte Wohnung, in der viele Begrenzungen und Frustrationen zu erwarten waren. Für die Kinder war dies eine große Erleichterung, weil ihnen so viele Konflikte erspart blieben. Manchmal ist es hilfreich zu wissen, dass es zum Wesen der Depression gehört, mit der eigenen Lebenssituation unzufrieden zu sein. Doch die Lösung liegt nicht im "Außen", sondern im "Innen".

15.06.2011 | 11:21
Suse

Hallo Herr Hamborg,
herzlichen Dank für Ihre Antwort. Inzwischen haben die Anti-Depressiva bei meiner Mutter angeschlagen, so dass sie ruhiger und gelassener ist. Mit meinen Geschwistern bin ich überein gekommen, unsere Mutter so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung zu lassen (es sei denn, sie wünscht selbst etwas anderes). Die Idee mit der Betreuungsgruppe hatte ich auch, meine Schwester hat dies leider erstmal "vom Tisch gewischt" und ist auch nicht umzustimmen, was den Gemeindeausflug betrifft. Ihr Argument: Sie könne und wolle keinem die Verantwortung für meine Mutter aufhalsen (selbst ihren erwachsenen Kindern nicht). Ich bin anderer Meinung, würde mich aber mit meiner Schwester zerstreiten, wenn ich auf die Teilnahme am Ausflug bestehen würde. Das möchte ich nicht, weil sie diejenige ist, die die Pflege meiner Mutter übernommen hat.

16.06.2011 | 17:35
klauspawletko

Hallo Suse,
haben Sie denn eine Idee, wie Sie Ihre Schwester zu einer Angehörigen-Beratung überreden könnten? Was Sie an Reaktionen Ihrer Schwester beschreiben, könnte auf Sicht eine adäquate Betreuung Ihrer Mutter erschweren. Ich verstehe, dass Sie den Konflikt mit Ihrer Schwester nicht provozieren möchten. Gibt es denn noch andere Familienmitglieder, so dass man einen "Familienrat" abhalten könnte?
Und: Wie wollen Sie sich auf Dauer heraus halten, wenn Sie viele Handlungen Ihrer Schwester nicht gut heißen?
Wie sieht es mit der Entscheidungsfreiheit Ihrer Mutter aus? Gibt es bereits irgend eine Form der gesetzlichen Betreuung (früher Vormundschaft) oder eine Generalvollmacht oder ähnliches?
Das sind wahrscheinlich alles Fragen, mit denen Angehörige sich nicht gerne beschäftigen, aber gerade angesichts des Krankheitsbildes Ihrer Mutter sollten Sie sich in der Familie einig sein, wie viel Entscheidungsfreiheit sie Ihrer Mutter zugestehen wollen, wenn sie die nicht selbst in Anspruch nimmt.

beste Grüße von

Klaus-W. Pawletko

17.06.2011 | 10:13
Suse

Hallo Herr Pawletko,
ich habe noch einen Bruder, der - wie meine Schwester - in direkter Nachbarschaft zum Haus meiner Mutter wohnt und wir haben letzten Sonntag "Familienrat" abgehalten. Bei dieser Gelegenheit hatte ich das Thema Gemeindeausflug und Entscheidungsfreiheit meiner Mutter auch angesprochen. Meine Schwester ist ziemlich herrisch (ich bin die "kleine" Schwester, ich muss es wissen) und bestimmt gerne über andere, meine Mutter ist dieses Verhalten schon lange gewohnt. Sie hat aber auch gesagt, dass sie die Plfege gern macht und mir zu verstehen gegeben, dass mein Einmischen in ihre Entscheidungen dazu führt, dass wir uns zerstreiten und ich dabei "den Kürzeren ziehe" (was leider so ist, man bleibt sein Leben lang die kleine Schwester). Mein Bruder hat sich aus diesem Thema rausgehalten, hat mich aber unterstützt, was die Betreuungsgruppe angeht. Meine Schwester hat es zuerst auch abgelehnt, Informationsmaterial zum Thema Demenz zu lesen, aber davon ist sie jetzt zum Glück abgekommen. Ich habe das Thema Angehörigen-Beratung auch schon angesprochen (kann ich mich da an die örtliche Alzheimer-Gesellschaft wenden?) Ich denke, das wird meine Schwester nicht ablehnen können.
Da bei meiner Mutter erst vor 10 Tagen die Demenz anhand des CTs festgestellt wurde und sie noch in der Lage ist, allein zu leben, gibt es noch keine gesetzliche Betreuung, sie hat noch ihre Entscheidungsfreiheit. Wir haben uns aber bereits über eine Generalvollmacht unterhalten (und über eine Kontovollmacht für meine Schwester, da meine Mutter zunehmend Schwierigkeiten hat, ihre Geldgeschäfte abzuwickeln). Sie hat eine Patientenverfügung mit Vorsorgevollmacht, erster Betreuer ist mein Bruder, danach dessen Frau und ich. Meine Schwester wollte auf eigenen Wunsch nicht in die Betreuung einbezogen werden. Gibt es da Probleme?
Meine Schwester führt als Argument von bestimmten "Verboten" immer wieder an, dass sie auf keinen Fall anderen die Verantwortung für meine Mutter aufbürden kann, aber sie wohnt in einer dörflichen Umgebung und ich finde schon, dass man Nachbarn und Freunde in gewisser Weise mit einbinden kann. Liege ich da falsch? Ist das Wirklich zu viel Verantwortung für die anderen?
Herzliche Grüße aus Hannover

17.06.2011 | 10:49
martinhamborg

Hallo Suse,
Ihre Familie zeigt viele typische Konfliktmuster, aber es ist schön, dass Sie sich im Familienrat austauschen und Entscheidungen treffen können.

Auf jeden Fall können Sie persönlich mit der Alzheimergesellschaft Kontakt aufnehmen und sich Rat holen, mit Sicherheit finden Sie dort auch gutes Informationsmaterial.
Ein ganz zentrales Thema ist das "Teilen von Verantwortung", vielleicht können Sie Ihrer Schwerster einen anderen Blickwinkel ermöglichen: Nachbarn und Freunde möchten in der Regel gern etwas beitragen, wenn sie wissen was und wie sie es tun können. Zunehmend mehr erlebe ich das Füreinander und nicht das Verstecken und die Ausgrenzung. Je mehr die Verantwortung in kleinen "Häppchen" auf viele Schultern verteilt wird, um so besser.
Mit der Entscheidung für die Betreuung zeigt Ihre Schwester ja schon eine hohe Bereitschaft, Verantwortung abzugeben. Aber es ist ein explosive Mischung, wenn Sie beide offiziell die Betreuung übernehmen, aber Ihre Schwester möchte weiterhin in vielen Fragen bestimmen. Schon das ist ein gutes Thema für eine gemeinsame Beratung bei der Alzheimer Gesellschaft.
Die Geschwisterfolgen spielen immer dann eine besondere Rolle, wenn es durch die Demenz eines Elternteils wieder um gemeinsame Entscheidungen geht. Als "kleine Schwester" haben Sie sicher auch gute Strategien gelernt, Ihren Platz in der Familie zu behaupten. Diese sind vielleicht nötig, wenn es jetzt um die "filiale Reife" geht, die Entwicklungsaufgabe, wenn Kinder für Ihre Eltern Verantwortung übernehmen. Vielleicht gelingt es, dass jeder von Ihnen seine/ihre Rolle findet und Ihre Schwester viele kleine wichtige Entscheidungen im Alltag trifft und Sie die großen. Sie haben mehr Abstand und informieren sich und das ist eine starke Rolle. Viel Erfolg



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