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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Senizid
04.06.2019 | 23:31
hanne63

Guten Abend in die Runde,
es ist ein sehr schwieriges Thema und es gibt auch viele Tabus und es gibt vor allem auch eine unheilvolle Vergangenheit in Deutschland, wo über sogenanntes lebensunwertes Leben entschieden wurde.....und damals eine Lebensberechtigung von Behinderten aberkannt wurde...
eine sachliche Diskussion ist daher heute schwierig.....
Ich sehe Demenz von alten Menschen inzwischen wie eine geistige Behinderung...und ich habe mehrfach miterlebt, wie Behinderte Menschen durchaus das Leben genießen können ....
wenn Kranke, Alte, Gebrechliche, Behinderte, sich als Last für die Gesellschaft fühlen...und deshalb dann sich für einen Suizid entscheiden, ist das schrecklich. Es sollte irgendwie erreicht werden (aber wie?? keine Ahnung....)....das auch diese Menschen ganz normal dazu gehören können....das würde den Druck rausnehmen....aber ich weiß auch keine Lösung...
vor allen Dingen müssen die Angehörigen unterstützt werden.....so wie es jetzt läuft....geht es einfach nicht

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 04.06.2019 um 23:32.]

04.06.2019 | 23:35
hanne63

Hallo Sohn,
man kann einen Beitrag solange bearbeiten, solange noch niemand darauf geantwortet hat. Da gibt es dann unten rechts einen Button.."bearbeiten"....sobald aber jemand geantwortet und einen neuen Betrag verfaßt hat...kann man seinen eigenen vorherigen Beitrag dann leider nicht mehr bearbeiten...ist vielleicht auch sinnvoll, weil sonst ja die Antwort darauf dann nicht mehr paßt....
Aber daraus folgt, dass Sie Ihre früheren Beiträge gar nicht mehr abändern können, selbst wenn Sie es wollten ;-).....

09.06.2019 | 12:03
Wissenssucherin

Hallo Herr Hamborg,
ich habe die Zeit heute am Feiertag genutzt und mich mal wieder etwas im Forum umgesehen - sie haben gebeten um Erfahrungen mit "vermeintlicher Todessehnsucht", und es sind ja schon ein paar Beiträge gekommen.

Meine persönlichen Erfahrungen damit: Ich habe vom Universum die seltene Kombination von zwei Demenzerkrankten Damen im Viergenerationenhaus bekommen. Einerseits meine Schwiegermutter mit der Diagnose präsenilem Alzheimer. Die meinte im "ersten" Stadium (wobei ich jetzt von der Dreiteiligen Skala ausgehe, es gibt ja verschiedene Modelle), es wäre ja besser, wenn man nicht mehr sei, wenn alles bergab gehe. Das war aber in der Anfangsphase, wo sie koginitiv noch in der Lage war, sich Gedanken über das tatsächlich Ausmaß zu machen. Die Angst, die sie in ihrer Lage gehabt haben muss, muss unvorstellbar sein. Zu wissen, dass man sich selbst verliert. Zu wissen, dass man nicht mehr in der Lage sein wird, einfachste Dinge zu tun. Die Angst zu "verblöden". Die Angst, wie das alles wird. Die Gewissheit, wie es einmal enden wird. Schrecklich. Schrecklich verständlich, diese Gedanken.

Mittlerweile ist sie in der mittleren Phase, ist völlig darauf angewiesen, dass wir ihr Umfeld so organisieren, dass sie halt drin "rumwurschteln" kann - was aber, so denke ich, ganz gut gelungen ist, denn sie ist eigentlich gut gelaunt ihn ihrer eigenen Welt. Mein Bauch sagt mir, sie hat den allergrößten Teil der Zeit keine Ahnung, wie es um sie steht, aber ist noch so fit, dass sie sich in ihrer kleinen Welt (wir leben auf einem großen Bauernhof) so bewegen kann, wie sie es möchte, oder sich zutraut. Und was schiefgeht begradigen wir eben ohne viel Federlesens. Sie wirkt eigentlich unbedarft wie ein kleines Kind und hat schon sehr lange keine "Nicht-mehr-sein"- Wünsche geäußert.

Dann lebt bei uns noch die Schwiegermutter meiner Schwiegermutter. Diese ist 98 und hat keine diagnostizierte Demenz - ganz einfach aus dem Grund, weil ich es ihr in dem Alter sicher nicht mehr antue, sich durch die ärztliche Diagnoseprozesse begeben zu müssen. Aber ich bin überzeugt, dass sie an, salopp ausgdrückt, "Altersdemenz" leidet.
Diese Dame hat ihr Lebtag gearbeitet. Immer. Von Früh bis Spät. Und hatte nie Hobbies. Wie es halt früher so war. Bedingt durch ihre bewegte Lebensgeschichte und die ärmlichen und schwierigen Verhältnissen, in denen sie ihr Leben bestritt, war auch nie Zeit für Hobbies oder Ähnliches. Als ich sie damals mit 87 Jahren kennenlernte, kochte sie täglich für die ganze Familie, beschäftigte sich am Acker, putzte (oder tat halt ihrem Alter und Gebrechen entsprechend das, was sie dafür hielt) und in der restlichen Zeit tat sie halt allerlei, was sie für Nützlich erachtete - auch wenn das in den Augen der jüngeren Generation eher zu Problemen führte. Aber sie meinte es nur gut und wollte helfen - auch wenn es für uns sehr schwierig war. Mittlerweile mit 98 hat sie kaum mehr 15 Prozent Sehvermögen aufgrund einer Makuladegernation , ist schwerhörig, ziemlich langsam auf den Beinen - aber immerhin, sie ist es noch und mithilfe von Pants und Krücken wollen wir das auch erhalten, so lange es geht.
Sie hat so lange gearbeitet, bis es aufgrund der körperlichen Gebrechen wirklich absolut nicht mehr ging.

Und nun sind ihre Tage furchtbar lange. Ich habe damals, als sich der rasche Abbau abzeichnete, versucht, abzufedern, sie zu beschäftigen. Hobbies hatte sie nie - das wurde mit faul gleichgesetzt, wurde abgelehnt. Sie wollte dann immer auf meine Kinder aufpassen, das macht in ihrem Weltbild eine Uroma - aber ich konnte sie ihr beim besten Willen nicht überlassen, dazu waren sie zu klein - und sie selbst fast blind, schwerhörig und mit Krücken auch nicht in der Lage dazu. Was sie leider schwer kränkte, sie bezog es auf sich und ihre Person. Ich brachte bergeweise Wolle, versuchte es mit "die Kinder brauchen..., ich keine Zeit, kannst du bitte helfen?" - der Ansatz funktionierte gut, sie freute sich, fühlte sich gebraucht. Und ich wusste, dass die Sachen nicht brauchbar sein würden, aber es ging mir darum, ihr das Gefühl zu geben, mir eine Stütze zu sein. Leider ließ sie aber ihr Körper, ihre Augen, ihre Finger völlig im Stich, dass sie absolut keine Werkstück irgendwie ihren Vorstellungen entsprechend anfertigen konnte, und es machte sie selber so fertig, dass sie nicht mehr konnte, wie sie wollte, dass sie alles ablehnte - sie wolle ja meine wertvolle Wolle nicht verschwenden. Ich organisierte vom Roten Kreuz einen Besuchsdienst, der einmal in der Woche kam und mit ihr ein Weilchen plaudern sollte - aber das verweigerte sie. Die sähen ja nur, "dass sie nichts mehr arbeiten könne, während wir Jungen hinten und vorne mit Arbeit eingedekct sind, die denken, ich bin faul und lasse euch im Stich". Sie wehrte sich dagegen und war so verzweifelt, wenn so ein Besuch kam, dass ich es aufgab. Und sie resignierte.


Dann ging es los, dass sie sich nichts mehr aus dem Kühlschrank nahm bzw. zuvor immer fragte, ob sie etwas nehmen dürfe -wenn überhaupt nur Brot und Milch - weil "wer nichts arbeitet, der darf nicht essen". Ich denke, das war ein Satz ihrer Kindheit in den 20er Jahren, als die Situation alter Menschen bei uns am Land wirklich schrecklich und weit weg von jeder Pension oder Rente war. Und das hat sich eingebrannt bei ihr. Oder sie nahm irgendwelche Reste oder Abfälle, "für den Hund" und verspeiste sie selbst. Grub aus der Biotonne ihrer Meinung noch genießbare Dinge aus und trug sie in ihren Schrank. In der Zwischenzeit hat sich das erledigt, da ich eine Pflegerin engagiert habe, die ihr das Essen serviert und die Uroma ohne Hilfe nicht mal mehr das Essen auf ihrem Teller findet, weil sie so schlecht sieht. Mittlerweile kann sie auch nicht mehr lesen, nicht mehr fernsehen oder Radio/Cds hören, weil sie, abgesehen von ihrer körperlichen Beeinträchtigung, dem Ganzen nicht mehr folgen kann, das alles ist ihr zu komplex geworden.
Sie verbringt ihre gesamte wache Zeit mehr oder weniger "beschäftigungslos", außer, wenn sich jemand Zeit nehmen kann, kurz mit ihr zu plaudern oder aus dem alten Schullesebuch kurze Märchen vorzulesen, das genießt sie, das überfordert sie nicht. Sie sieht kaum, sie hört kaum und ist mir ihren Gedanken, von denen sie merkt, dass etwas nicht mehr stimmt, nicht mehr so ist, wie es war; sich ärgert, weil ihr so vieles nicht mehr einfällt, alleine. Es gibt niemanden mehr in der Umkreis in ihrem Alter, alle bereits verstorben. Sie muss sich fühlen wie ein Ufo, alles was ihr vertraut war ist anders geworden, mal abgesehen von ihrem Zimmer. Und sie fühlt sich nutztlos. Weil "wer nicht arbeitet, der soll ja Anstand haben und sterben". "Es wäre ja besser, wenn ich nicht mehr bin." "Wie kommst du dazu, dass du mich pflegen musst, ich bin ja ein nutzloses altes Weib". Sie braucht mittlerweile sehr viel Pflege und es ist ihr zutiefst zuwider, jemandem zur Last zu fallen. Aber gleichzeitig ist sie so dankbar dafür.

Und hier gehe ich mit Ihnen Herr Hamborg, völlig konform. Ich denke nicht, dass sie tatsächlich sterben will. Im Gegenteil, sie lechzt nach Leben. Wer will den schon all seiner Fähigkeiten beraubt und bar jeden (zumindest solchen seiner eigenen Definition) Sinnes hier sein? Insbesondere mit ihrer uralten Doktrin, dass nur Arbeitende etwas wert sind?
Wenn ich mit ihr alte Lieder singe, blüht sie auf. Singt vor lauter Freude die gleiche Strophe 5x hintereinander, um dann noch einmal zu fragen, ob sie die schon gesungen hätte? Als ich letztes Jahr schwanger war, spielten wir ein wenig (ich weiß nicht, ob sie den Film kennen) "50 erste Dates" - Was, du kriegst wieder ein Baby???? - und jeden Tag freute sie sich wie verrückt und erzählte von ihren Kindern. Es ist schwierig, sie zu erreichen, sie kann leider kaum mehr Unterhaltungen führen, weil sie ihnen nicht mehr folgen kann, aber sie ist zu so tiefer Freude fähig, wenn man einen Zugang erwischt- so wie das Singen uralter Lieder. Und es ist unglaublich rührend und überwältigend zu spüren, wie sehr sie sich über eine eine Umarmung freut. Sie will leben. Sie will Spaß haben. Sie will sich geliebt und gebraucht fühlen. Aber leider tut sie dass den Großteil der Zeit nicht. Und es ist uns leider nur möglich, ihre kurze Glücksmomente zu bescheren. Ich habe in den letzten 10 Jahren akzeptieren lernen müssen, dass ich nicht in der Lage bin, ihr so viel Freude zu geben, wie sie gerne hätte, weil ich es einfach nicht schaffe. Ich würde dabei zugrunde gehen. Und es tut mir halt sehr weh zu sehen, wie sehr sie eigentlich mit ihren "ich soll ja nicht sein" nach dem Leben, an dem sie nicht mehr teilhaben kann, lechzt. Und ich kann sie nur für kurze Weilchen da raus holen.

So viel dazu. Wie üblich habe ich einen langen Roman verfasst. Aber diese komplexe Thematik, diese unglaublich emotionalen Gedankengänge verdienen wohl auch diesen Raum.

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 09.06.2019 um 12:20.]

09.06.2019 | 20:24
Gobis

Guten Tag,
ich möchte mich an dieser Diskussion beteiligen. Meine Eltern hatten als Ziel, nach einem schönen gemeinsamen Leben, mit 80 gemeinsam in die Kiste zu springen. Das hat mein Vater genauso gesagt. Hintergrund war, Angst vor Krankheiten oder Schmerzen und den Partner nicht zurückzulassen. Wie erst diese Woche wieder gerichtlich entschieden, hat man keinen Anspruch darauf, sich auf Grund von Alter sich einen friedlichen Tod zu beschaffen.
Meiner Vater ist vor 2 Jahren verstorben, plötzlicher Herztod, genauso wie er es wollte.
Meine Mutter ist, wie wir heute wissen, schon länger an Frontallappen Demenz erkrankt. Es ist für Alle furchtbar, nur für sie nicht. Lebensqualität, die früher sehr wichtig war, existiert nicht mehr. Sie wohnt einsam in ihrem großen Haus und auf dem großen Grundstück. Bewältigen tut sie nichts mehr, genau wie sich selbst versorgen.
Wenn mein geliebtes Haustier so krank ist, ist es völlig akzeptabel es von seinem Leid zu erlösen.
Nur der Mensch in Deutschland hat jede Qual bis zum Ende zu ertragen. Und das begründet man ständig mit unserer historischen Vergangenheit. Diese Sichtweise ist nicht mehr Zeitgemäß.
Danke Nutzer Sohn, dass Sie diese Diskussion angestoßen habe. Ich kann alle Ihre Argumente sehr gut nachvollziehen.

10.06.2019 | 20:30
sohn

Danke für alle Ihre Beiträge!

Ich bin hundertprozentig überzeugt davon, daß bei entsprechendem sich-Kümmern noch der eine oder andere schöne Lebensmoment für alte/kranke/demente Menschen besteht. Nur - was ist mit dem Rest der Zeit?? Ich kann es seit geraumer Zeit bei meiner Mutter hautnah miterleben: da ist nichts, was Mensch sich wünscht. Nicht ohne Grund hat sie schon öfter gesagt, der liebe Gott möge sie holen kommen. Aber: bei einwandfreier körperlicher Konstitution muß Mensch da schon selber nachhelfen, sonst wird das nichts. Religiöser Glauben hin oder her.

Und die ganz generelle Frage, die bisher wohl noch niemand beantwortet hat: wer soll für die unzähligen Betroffenen da sein und sich um sie kümmern? Mal ganz praktisch betrachtet, von vierundzwanzig Stunden ausgehend, die einem täglich zur Verfügung stehen und die im Normalfall recht gut ausgefüllt sind, wenn man schon nur für sein eigenes Leben die Verantwortung tragen will.

Ich bleibe dabei: es ist humaner, jemandem ein angenehmes, friedliches Ende zu bereiten (oder zumindest dieser Person dabei zu helfen, sich selbst zu erlösen), als bis zum Sankt-Nimmerleinstag das Siechen und Leiden derjenigen hinauszuzögern.

Das hat absolut NICHTS mit den Verbrechen der Nazis und unzähliger anderer Krimineller in der Weltgeschichte zu tun, sondern zeugt MEINER Meinung nach von einem reifen, erwachsenen Umgang mit dem ganz normalen Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod. Wer damit nicht klar kommt, hat (wiederum) MEINER Meinung nach seine Hausaufgaben nicht gemacht, nämlich sich während seines langen Lebens auf sein eigenes Ende vorzubereiten und wenn die Zeit gekommen ist, bereitwillig Abschied zu nehmen.

Ich behaupte nicht, daß ich schon so weit bin - das bin ich nämlich auch noch nicht, aber zumindest weißt ich meine Zielsetzung und arbeite darauf hin. Das heißt im Moment für mich, mich so weit wie möglich aus dem Alltagswahnsinn herauszuhalten und viel Zeit in der Natur, fernab der Zivilisation zu verbringen. Und dann hoffentlich eines Tages mir zufrieden denken zu können: okay, jetzt kann ich mich verabschieden, ich bin zufrieden.


10.06.2019 | 23:18
hanne63

Hallo Sohn,
das Thema beschäftigt mich für mich selbst auch. Und auch ich bin noch nicht so weit .....ich halte allerdings unbedingt für erforderlich, dass der betreffende Mensch es selbst entscheiden muß für sich....andere können diese Entscheidung nicht treffen!...allenfalls dabei helfen.....

Das evtl. ein Druck auf die alten/kranken Menschen ensteht.....ist ein Problem...denn das sollte nicht so sein!

Ihr letzter Absatz spricht mir derzeit aus der Seele: ich entziehe mich weitmöglichst dem Alltagswahnsinn...und mache so oft wie möglich lange Wanderungen im Thüringer Wald oder in der Rhön...wo ich stundenlang oft niemanden sehe und sehr zufrieden darüber bin und zu mir selbst komme....ich bin anschließend immer sehr zufrieden mit mir und mit der Welt.....und diese Welt möchte ich in einer zufriedenen Verfassung später verlassen können...

Ich sehe derzeit bei meinen beiden dementen Eltern deutlich den Unterschied: meine Mutter haderte schon immer mit ihrem Schicksal und ihrem Leben und war unzufrieden.....mein Vater hingegen nahm alles eher gelassen...sah es eher als unabänderlich und verschwendete dann keine weiteren Gedanken mehr...und lebte einfach...er tat und tut sich sicher viel leichter....(beide stammen aus einfachsten Verhältnissen und sind eher wenig gebildet...das zum Verständnis)....aber mir wird deutlich wie wichtig es ist...Zufriedenheit für sich zu erreichen.....nur dann kann man vermutlich auch loslassen.

12.06.2019 | 22:12
hanne63

Guten Abend in die Runde,
eigentlich wollte ich zu dem Thema nichts mehr sagen...aber es beschäftigt mich einfach...
es mag vielleicht merkwürdig klingen..aber ich möchte davon berichten:
ich habe bis vor kurzem einige Jahre ehrenamtlich in einem Tierheim gearbeitet...und da auch viel Leid (bei Mensch und Tier) mitbekommen..ich war hauptsächlich bei den Katzen, auch bei Tieren, die dann eingeschläfert werden mußten..oder die so dann gestorben sind...wenn ich Tiere bis zuletzt begleitet habe, konnte ich sehr viel lernen,.....was ist noch lebenswert,...was genießt das Tier noch..geht es vielleicht noch einen Tag?....schauen wir mal, wie es morgen ist...und so weiter....dann kommt aber der Zeitpunkt der Entscheidung...und es ist auch passiert...dass diese Entscheidung gefallen ist..und am nächsten Morgen..das Tier einen quietschvergnügt ansah....und weitere Vertagung beschlossen wurde....
ich hatte damals immer versucht..es dem Tier so angnehm wie möglich zu machen für die letzte Zeit...
komischerweise....beruhigen mich diese Erfahrungen jetzt im Bezug auf meine Eltern..und ich habe auch mehr Geduld..einfach abzuwarten...

13.06.2019 | 23:43
sohn

Guten Abend Hanne63,

es ist interessant, daß Sie ausgerechnet heute den Hinweis mit dem Tierheim und den Tieren liefern, während mein Schwiegervater im Sterben liegt und der Hund meines Mitarbeiters schwerst krebskrank auf Erlösung wartet, derweil der Hundebesitzer vor Angst vergeht, er könnte den Hund "zu früh" einschläfern lassen (wie Sie es schildern). Das Tier frißt nicht mehr, leidet augenscheinlich, hat ihm letzte Nacht das ganze Haus vollgekotzt und er hofft immer noch darauf, daß wieder bessere Momente kommen. Es ist ein Horror für ihn, die Entscheidung zur Erlösung des Hundes zu treffen.

Mein Schwiegervater (seit rund zwei Jahrzehnten von einer besonders schweren Demenz betroffen, aufgrund derer er mittlerweile viel weniger als ein Säugling kann) verweigert auch Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, hält aber schon erstaunliche ca. drei Tage durch. Wird zum Glück seit heute palliativmedinzinisch versorgt (für mein Empfinden deutlich zu spät, aber ich habe da nichts zu entscheiden).

Ich hoffe für beide, daß sie es bald hinter sich haben.


Guten Abend Sonnenblümchen,

genau das, was Sie bzgl. Ethik schreiben, ist doch der springende Punkt! Wie kann man tatenlos zusehen, wie jemand elendig, aber gesetzeskonform verreckt, während man mit der heutigen Medizin alle Möglichkeiten zur Hand hat, ihm/ihr sanfte Erlösung zu verschaffen??? Das ist nicht nur unethisch, das ist abscheulich!!!!!!!
Was Sie schreiben, nämlich, daß sich viele damit schwertun, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Mir würde kaum etwas leichter fallen, ich hätte da inzwischen auch keinerlei Skrupel. Null! Eher sollten sich diejenigen, die sich in dieser Situation an geltendes Recht halten, fragen, ob sie überhaupt ein Gewissen haben und falls ja, warum sie trotzdem nichts unternehmen. Ich habe vor über einem Vierteljahrhundert miterlebt, wie die "Profis" - sprich Mediziner(innen) und Krankenschwestern - meinen Großvater haben elendiglich verrecken lassen. Alles natürlich streng im Einklang mit den Gesetzen. Den Gesetzen der Juristen. Nicht den Gesetzen von Anstand und Moral, Empathie, Verantwortungsgefühl. Ich habe bis vor kurzem immer wieder alptraumhafte Erinnerungen an die damaligen Szenerien gehabt, die sich vor mir abspielten. Damals war ich zu jung, zu dumm, zu unerfahren und zu obrigkeitsgläubig, um zu handeln. Das würde mir heutzutage nicht mehr passieren. Solche Vorwürfe wie sie mich seitdem plagen will ich mir nie mehr machen müssen.
Wie bei Ihnen, Sonnenblümchen, ein Menschenleben nicht zur Diskussion steht, steht für mich ein tatenloses Zuschauen nicht mehr zur Diskussion.



Guten Abend Gobis,

Ihre Äußerung, daß "diese Sichtweise nicht mehr zeitgemäß" ist, ist noch viel zu milde ausgedrückt! Unter Verweis auf "unsere" Vergangenheit alles dringend Notwendige abzulehnen, ist hochgradig KRANK!



Guten Abend Wissenssucherin,

auch Sie bringen die Sache auf den Punkt: Sie sind nicht in der Lage, Ihrer (2.?) Schwiegermutter "so viel Freude zu geben, wie sie gerne hätte", weil Sie es nicht schaffen würden und dabei zugrunde gingen. Exakt das ist, was ich meine: die kurzen schönen Momente rechtfertigen MEINER MEINUNG nach nicht das so viel höhere Maß an Unglück und Überforderung, was alle Involvierten in ihrer Lebensqualität einschränkt. Das läßt sich sehr gut aus Ihrem verwendten Wort "verzweifelt" entnehmen. Es steht außer Frage, daß es noch positive Momente für die Beteilgten gibt, aber in welchem (Un-)Verhältnis stehen die denn zu den üblen, den schlechten, den nicht zu ertragenden???


Ein Bekannter von mir ist vor einigen Jahren mit einer üblen Darmkrebserkrankung verstorben. Nicht AN Darmkrebs, sondern MIT Darmkrebs. In seinem letzten Lebensjahr habe ich ihn weder gesehen noch gesprochen, weil es ihm so miserabel ging. Letztlich wurde er, so hat es mir seine bei seinem Sterbeprozeß anwesende Mutter zwei mal an zwei von einander verschiedenen Terminen berichtet, durch die diensttuende Ärztin mittels Gabe von ....... erlöst. Das letzte Jahr in seinem "Leben" hat er wohl nichts anderes mehr getan als Schmerzen zu ertragen und zu leiden. Davon hat ihn die Ärztin dann schlußendlich befreit. Aber wozu waren die insgesamt fünf Jahre seines Sterbens gut? Sicher hat er auch mal schöne Momente erlebt, aber die meiste Zeit davon würde ich selbst den Menschen, die mir zutiefst zuwider sind, nicht wünschen.

Und da müssen wie meine Meinung nach hinkommen, daß solch sinnlose Quälereien unterlassen werden.

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 14.06.2019 um 00:33.]

14.06.2019 | 02:08
hanne63

Hallo Sohn und ein hallo an alle, die hier mitschreiben und mitüberlegen...

zum Thema ein krankes Tier einschläfern möchte ich sagen, dass es auch die Tierärzte es dem Tierhalter nicht einfach machen...da muß schon viel vorliegen, bis ein Tierarzt dann ein Tier einschläfert...das habe ich auch bei den Tierheimtieren erlebt mehrfach und oft den Kopf geschüttelt...und auch bei meiner eigenen uralten Katze...wo ich 3 x beim Tierarzt war, bis er sie endlich erlöst hat....(Zeitraum von einem Jahr!!)

die Erlösung von kranken Menschen.....da spielt halt immer die Gefahr des Mißbrauchs mit...wer soll/darf entscheiden....? ich finde auf jeden Fall zunächst einmal der kranke Mensch selbst.....

auch ich bin geprägt von der Erfahrung, die ich als Jugendliche machen durfte...wo Ärzte meine krebskranke Großmutter jämmerlich krepieren haben lassen...ohne Linderung oder Hilfe in der letzten Phase....

ich lese gerade das Buch "Abschied zu Lebzeiten" von Ingoa Tönnies....da schildern Angehörige von Demenzkranken ihre Erfahrungen...erschienen 2004 (!!) und ich war überrascht zu lesen...dass 2 Angehörige berichten, in ihren Selbsthilfegruppen wurde über die Frage diskutiert, ob es sinnvoll ist, Demenzkranken zur Verzögerung der Krankheit sog. Antidimentiva zu geben...da letztlich diese Medikamente dazu führen würden, das unendliche Leid für 1-2 Jahre zu verlängern!!!! In meinem Pflegekurs wurde uns dazu erklärt, dass diese Medikamente bewirken, dass es länger dauert bis endgültige Pflegebedürftigkeit eintritt.....aber in dem Buch wird deutlich beschrieben....dass die Kranken unter ihrem Zustand leiden...und das mitbekommen...dass etwas nicht stimmt...in der Zeit zuvor...und diese Zeit wird durch die Medikamente verlängert...auch meine beiden Eltern nahmen solche Medikamente.....

wem soll man glauben..was ist richtig...was ist falsch...das ist das Dilemma....

Darüber sollten wir nachdenken....


[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 14.06.2019 um 02:11.]

14.06.2019 | 08:58
sohn

Danke für den Hinweis, Sonnenblümchen! In der heutigen Zeit sind Therapien ja "modern" und man ist fast schon ein Außenseiter, wenn man so etwas noch nicht mitgemacht hat (wie ich). Allerdings habe ich aufgrund der wenigen eigenen Erfahrungen mit Leuten im psychologischen Bereich schwere Bedenken, was deren "Kompetenz" betrifft. Und mir ist immer noch als abschreckendes Beispiel in Erinnerung, wie einst Gert Postel die Zunft der Psychiater (ja, ist etwas anderes als Psychotherapeuten und Psychologen, ich weiß) bloßgestellt hat. Daher bin ich äußerst zurückhaltend mit der Thematik. Ich finde, und das habe ich an anderer Stelle schon geschrieben, daß der Austausch mit gescheiten, erfahrenen Mitmenschen durchaus genügt, seine Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen.

Daß mir meine Mutter "lästig" ist, wie Sie schreiben, ist ein böses Wort, trifft aber im weiteren Sinne zu. Nicht sie selber und persönlich, aber ihre totale Weigerung, notwendige Schritte einzuleiten bzw. von mir einleiten zu lassen, damit nicht immer alles an mir hängen bleibt und ich quasi immer und zu jeder Zeit einspringen und zur Verfügung stehen muß. Das ist in der Tat eine Überforderung. Unvereinbar mit dem, was ich sonst noch zu tun habe, und unvereinbar mit den Wünschen, endlich mal mein eigenes Leben zu beginnen. Wie ich schon geschrieben habe, ist mein Vater vor etwas über einem halben Jahr gestorben und seitdem bin ich von einer riesigen Last befreit. Die dadurch gewonnene Lebensqualität ist immens, und er war nicht dement, sondern nur sehr schwierig und langlebig. Ich habe mich jahrzentelang gefragt, wie lange ich das noch ertragen muß und wann ich wohl endlich befreit werde.

Heute morgen ist dann mein Schwiegervater gestorben (schwerst dement); auch das ist eine große Erleichterung für seine Frau, die ihn bis dato jahrelang fast rund um die Uhr betreut und versorgt hat. Ohne jegliches eigenes Leben.

Nun aber mal zu Ihnen: Sie haben ja, wie hier zu lesen ist (ich hoffe, ich verwechsle da nichts), Ihre Berufstätigkeit aufgegeben, um Ihre eigene Mutter zu versorgen. Wie stellen Sie sich denn Ihr eigenes künftiges Leben nach dem Tod der Mutter vor? Wer bezahlt Ihnen und der Mutter aktuell den Lebensunterhalt? Wovon wollen Sie Ihre späteren Tage bezahlen? Meinen Sie, Sie können noch einmal ins Berufsleben zurückkehren, wenn die Mama nicht mehr ist? Oder sind Sie dann auf Sozialhilfe angewiesen, weil zu alt für den Arbeitsmarkt? Ich weiß, das sind wieder stark finanziell ausgerichtete Fragen, aber wer essen und trinken und ein Dach über dem Kopf und eine medizinische Versorgung möchte, braucht das nun einmal hierzulande. Solange das nicht gewährleistet ist, vernachlässigen Sie meiner Meinung Ihre Verpflichtungen sich selbst gegenüber und werden später vom Leben schwer bestraft dafür, daß Sie sich jetzt um Ihre Mutter kümmern. So wie alle, die als Krankenschwestern und Altenpfleger etc. Dienst am Menschen tun: zeitlebens ein geringes Einkommen und im Alter keine erwähnenswerte Rente, sondern Altersarmut. Zum Dank für ihren Einsatz für ihre Mitmenschen. Eine Riesenverarschung!



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