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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Senizid
14.06.2019 | 11:24
hanne63

Hallo Sohn,
ich habe selbst 2 x eine Psychotherapie gemacht vor vielen Jahren....und ich stimme Ihnen insoweit zu: wenn man im Freundeskreis gescheite und lebenserfahrene Menschen hat, mit denen man sich austauschen kann, dann ist eine Therapie vermutlich nicht nötig...ich war damals jeweils mutterseelen allein, von daher war die Therapie für mich hilfreich....im Nachhinein finde ich allerdings manche Ratschläge der Therapeuten recht sinnlos ;-) ......zumindest in einem Fall, war ich selbst lebenserfahrener als meine Therapeutin :-) .......

Viele Angehörige berichten, dass sie sich ab und zu den Tod des Erkrankten wünschen.....sie sprechen ehrlich von ihren Gefühlen...und fühlen sich oft auch schuldig, solche Gedanken zu haben.....es muß doch möglich sein, offen über seine Empfindungen zu sprechen...!

Eine Jugendfreundin hat zuerst ihren Vater jahrelang zu Hause gepflegt, dann endlich wieder eine Arbeitsstelle gefunden und dann wieder aufgegeben, um ihre Mutter jahrelang zu pflegen. Jetzt ist sie 60 und findet keine Arbeitsstelle mehr und ist finanziell und sozial völlig abgerutscht.....sie sagt, sie konnte nicht anders handeln...aber jetzt muß sie allein die Suppe auslöffeln und ist sehr verzweifelt......

Ich glaube wirklich nicht, dass man sich völlig selbst aufgeben sollte, um die Pflege zu übernehmen....jeder hat auch eine Verantwortung für sich selbst.....

15.06.2019 | 00:35
sohn

Hallo hanne63,

das Beispiel Ihrer "sehr verzweifelten" 60jährigen Bekannten ist exakt das, worauf ich versuche hinzuweisen:

durch die längerfristige Betreuung eines (oder mehrerer) Alten/Kranken werden gleich ZWEI Leben zerstört: erstens das der unrettbar alten/kranken Person und zweitens das der Pflege-/Betreungsperson. Wobei zweiteres VORZEITIG zerstört ist, nicht erst am bilogischen Lebensende.

Deswegen habe ich ja das Stichwort "Senizid" hier reingebracht, weil dadurch im Ursprungssinn ein Weiterfunktionieren der Gesellschaft als Ganzes gesichert werden sollte, während wir mit dem von uns Praktizierten eine Störung in dieses Gesamtgefüge einbauen.

Schauen Sie doch mal, mit welcher (von uns so empfundenen) bestialischen Brutalität das (Über-)Leben in der Natur geregelt ist. alle alten/kranken/schwachen/unterentwickelten (= behinderten) Tiere werden unverzüglich aufgefressen und sind ruckzuck verschwunden.

Das soll mir nun nicht als Plädoyer für skrupel- und rücksichtsloses Massentöten verstanden werden, aber ein gesundes Mittelmaß zwischen natürlichen Vorgängen und dem, was wir so treiben, wäre wohl gesünder für die "Gesellschaft".

Und, um bei der Natur zu bleiben: das Individuum ist gar nichts und hat keinerlei Wert; erhalten bleibt immer nur die TierART bzw. das ganze Ökosystem. Diese Denkweise gefällt uns zwar überhaupt nicht, weil wahrscheinlich für die meisten von uns wir selber die wichtigste, erhaltenswerteste Person auf diesem Planten sind, während Milliarden anderer Menschen dazu eine ganz andere Meinung haben.

Schaut man in andere Kulturkreise (bei den "Wilden"), findet man ganz andere Einstellungen als in unserer "Zivilisation". Das sollte uns Anlaß geben, unsere Einstellung zu überdenken.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 15.06.2019 um 00:52.]

15.06.2019 | 13:19
martinhamborg

Hallo Sohn, nun will ich mich auch wieder in die Diskussion einschalten.
Wir drehen uns im Kreis, schon in meinen ersten Antworten habe ich klargestellt, dass es bei den sogenannten "Wilden" diese Ideen des Senozids nicht gab, sondern bestenfalls das verzweifelte Handeln bei entsetzlichen Hungersnöten.

In dem was ich zu anderen Kulturen gelesen und erfahren habe, stand der Respekt dem Alter gegenüber immer an einer hohen Stelle. In der christlichen Lehre wird dies über das vierte Gebot deutlich, denn nur wenn nachfolgende Generationen das lange - und damit auch senile - Leben der Eltern ehren, werden sie selbst ein langes Leben haben. Die "Wilden" von denen Sie schreiben, hat es also vielleicht nie gegeben oder sie haben aus vermutbaren Gründen nicht überlebt.

Die Diskussion über die Finanzierbarkeit, über die Prioritäten der Verteilung von Geld und Reichtum und die dazugehörigen Sinnfragen müssen wir hier auch nicht weiter vertiefen. Viele Argumente sind genannt und man kann zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen und unterschiedliche politische Positionen finden, ich bleibe bei meiner konstruktiv optimischen Sicht und weise das "blauäugig" deutlich zurück. Aber für diese Debatte gibt es andere Foren.

Ich empfinde manche Wortwahl als unerträglich, bitte beachten Sie die Regeln! Menschenwürde ist aus vielen guten Gründen und Erfahrungen unteilbar und ich habe mich gefreut, das ich so wertvolle Beiträge hier lesen durfte. Es war nicht so sehr die Suche nach Wissen sondern die nach Weisheit an der sich so viele beteiligt haben.

Im Urlaub jetzt hatte ich übrigens lange Gespräche mit Schweizern geführt, für deren große Bekanntenkreise es selbstverständlich sei, "bei Exit" zu sein. Als Sicherheit, so wie ich es beschrieben habe. Niemand habe aber diese Möglichkeit genutzt. Vielleicht weil es nicht zu unseren Hausaufgaben des Lebens gehört, bei Schicksalsschlägen die Depression und den Suizid zu wählen sondern innerlich zu wachsen.

Bitte Sohn, werben Sie hier nicht mehr für ein gesellschaftliches Klima mit dem moralischen Druck zum überhaupt nicht freien "Freitod" oder andere Lösungen für das Ende des Lebens, auch nicht für solche, die strafbar sind und auch strafbar bleiben sollten.

Noch einmal, es ist aus meiner 32-jährigen Berufserfahrung die Ausnahme im Alter qualvoll zu sterben. Die Palliativmedizin hat sich wirklich weiterentwickelt. Die meisten Menschen schlafen friedlich ein und finden genau den Frieden oder die innere Zufriedenheit, die Sie an einer Stelle einmal für sich als Ziel beschrieben haben. Oft erlebe ich vorher ein echtes Loslassen, auch von dem Gefühl der Depression, anderen nur noch eine Last zu sein. Dies betrifft auch Menschen, die vorher lange von Demenz oder Depression gequält waren, nur ganz selten gab es Hinweise auf einen schweren Todeskampf.

Ich möchte die Diskussion zu diesem Thema noch nicht beenden, doch ich möchte verhindern, dass wir uns im Kreis drehen. Dank Ihnen allen für die wertvollen Gedanken!
Ihr Martin Hamborg

30.06.2019 | 23:43
Teuteburger

Guten Abend in die Runde.

Ich habe etwas nachgedacht und überlegt, ob ich hier schreiben soll. Ich denke, ich versuche es einmal bei diesem doch recht heiklen Thema.

Ich denke mir, es ist hier nicht alles schwarz oder weiß, sondern es gibt, den jetzigen Umständen entsprechend, Grauzonen in denen wir uns zwangsläufig bewegen.

Meiner Meinung nach entscheidet sich jeder Mensch, wenn er denn die Wahl hat, immer für das bessere Leben. Das setzt aber voraus, dass man eine reale und nachvollziehbare Alternative zum jetzigen leidvollen Leben hat. Wir Menschen können für ein winziges bisschen Glück enorm leidensfähig sein. Und das trifft auf ältere Menschen genauso zu, wie für junge.

Ich habe mich aus persönlichen Gründen und teilweise auch zwangsläufig mit dem Thema Nahtoderfahrungen auseinandergesetzt. Da existieren hunderte von Berichten, die auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Und es ist inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen, dass diese nicht nur eine Gehirnkonstruktion am Ende des Lebens sind. Dazu hat es eine Sendung im Fernsehen gegeben, die bewiesen hat, dass bei absolut nicht vorhandenen Hirnströmen, trotzdem das sogenannte Jenseits von der betreffenden Person betreten worden ist. Bei nicht vorhandenen Hirnströmen, kann das Gehirn nicht arbeiten. Damit ist die Theorie hinfällig geworden, dass das Gehirn selbst Vorstellungen entwickelt am Ende des Lebens. Die Erfahrung, die die Patientin während der Operation gemacht hat, ist eine gute gewesen, die sie von Schmerzen befreit hat, die ein Wohlgefühl und eine Einheit mit allem, was ist in ihr hervorgerufen hat, genauso wie ein klares selbstbestimmendes Denken usw. Sie hat sich auch
überall hinbewegen können usw. Auch einige Verwandte sind ihr begegnet. Sie waren frei von Krankheiten, obwohl sie vorher krank gewesen sind. Es gibt einen Film, der Hinter dem Horizont heißt. Der soll, was die Darstellung des Jenseits angeht, dem recht nahe kommen, was die jeweiligen Personen hier gesehen haben. Der Regisseur wird wohl entsprechend recherchiert haben.

Als demenzkranker, alter und körperlich sehr kranker Mensch kann man aber nur auf eigene bisherige Erfahrungen zurückgreifen und auf das, was man für das eigene Leben hält. Und dann wählt man in der Not und in der Angst vor dem Tod, weil er halt ungewiss ist und hier gefühlt auch kein Leben mehr ist, dann halt das Leid mit kleinen, winzigen Highlights. Das ist für mich genauso wenig eine selbstbestimmte und bewusste Entscheidung. Ich spreche hier auch nicht von Würde, für keine Seite. Ich kenne Personen, die auf Demenzstationen gearbeitet haben. Aber natürlich gibt es auch solche Demenzkranke, die bis zu ihrem Tode, ein gefühlt gutes Leben haben. Das darf man in keiner Diskussion vergessen. Wie gesagt, bei meiner Schwiegermutter ist das Leben dann vorbei, wenn sie nicht mehr laufen kann. Das ist für sie unendliches Leid. Ich habe das mehrmals für ein paar Wochen bei ihr erlebt. Sie will dann nur noch eines: Sterben. Und sie bittet mich inständig für sie zu beten, auch wenn sie selbst den Glauben an einen liebenden Gott verloren hat. Für mich ist das eine enorme Belastung und jede Lösung, die man ihr anbietet, wird niedergeschmettert und ehrlich gesagt, ich kann sie verstehen.

Ich bin hier auch kein Pessimist, aber ich werfe mich aufgrund von eigenen Erfahrungen hier auf keine Seite.

Ich verschließe auch nicht die Augen davor, dass man nicht das Gefühl haben kann, dass man Menschen zur Last fällt. Das will niemand bewusst und doch findet man leider im Alltag und vor allem in Pflegeheimen anderes vor. Man fällt niemandem zur Last, wenn überall genug Ressourcen für alle vorhanden sind und nicht Einzelne alle Last alleine tragen müssen. Ich habe einmal einen Film über das erste Demenzdorf in Deutschland gesehen. Das hat für mich tatsächlich noch etwas mit Würde zu tun, wenn man dem Film glauben schenken kann. Aber es braucht auch Ressourcen.




[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 30.06.2019 um 23:53.]

01.07.2019 | 08:45
martinhamborg

Hallo Teuteburger, dank Ihnen für diesen neuen Gedanken in diesem Thema! Tatsächlich spricht einiges dafür, dass auch Menschen mit Demenz so etwas wie Nahtoderfahrungen haben. Äußerungen von Menschen mit Demenz und Berichte von Mitarbeiter*innen haben mich da aufmerksam gemacht, aber zu beweisen ist es natürlich nicht. Vielleicht in 100 Jahren, denn wo wären wir heute, wenn die Wissenschaft nur das geglaubt hätte, was schon bewiesen war...
In diesem Zusammenhang hatte ich ja schon von der Erfahrung berichtet, dass wir auch bei Menschen mit schwerer Demenz vor dem Tod eine besondere Klarheit wahrnehmen können.

Schön wie Sie von dem „gefühlt guten Leben“ sprechen.

Woher wissen wir, dass der Dämmerzustand eines Menschen negativ ist? Menschen die Achtsamkeitsübungen machen, meditieren oder eine tiefe Versenkung suchen, klagen eher darüber, dass ablenkende Gedanken stören.

Woher wissen wir, dass die Pflege am Ende des Lebens mit negativen Abhängigkeitsgefühlen verbunden ist? Ich habe viele Menschen erlebt, die sich in ihrem Leben vorher nie helfen lassen wollten, immer alles allein machen mussten und dann die Hilfe und die Abhängigkeit von guten Menschen sichtlich genossen.

Woher wissen wir, dass Menschen die traurig sind und über große Verluste klagen - so wie das "nicht-mehr-gehen-können Ihrer Schwiegermutter - auch jeden Lebensmut verloren haben und (wirklich) sterben wollen? Bei Depressionen gehört der Suizid zu den Symptomen und nicht zu den therapeutischen Lösungen. Bei manchen Menschen habe ich das Gefühl, ihr Klagen könnte manchmal sogar beziehungs- und sinnstiftend sein. Wie viele Menschen achten mit hohem Leidensdruck sehr auf ihre Krankheiten und gehen ständig zum Arzt, weil sie leben wollen! Bei welchem Grad der Demenz hört dieser Antrieb auf?

Soweit einige Gedanken in diesem schwierigen Thema, Ihr Martin Hamborg




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