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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie kann ich helfen?
03.06.2019 | 10:35
Brini

Hallo,
eine Verwandte war bis vor zwei Jahren relativ fit. Nach einem Gehörsturz und einer "kleinen" Kopf-OP (Zyste) vor etwa hat sie sich langsam, aber komplett erholt. Wegen der Arbeit ihres Mannes war die Bekannte immer allein. Nach 20 Jahren erfolgte der Umzug aus der vertrauten Umgebung in der Stadt aufs Land. Das hat ihr um es dramatisch auszudrücken schon ein Stück weit "das Herz gebrochen". Da sie seit knapp einem Jahr nun nicht mehr arbeiten kann, da sie einfach zu überlastet war, Dinge vergessen und durcheinander gebracht hat, sitzt sie nun viel alleine zu Hause. Dort haben nun die Vergesslichkeit und die Verwirrtheit rapide zugenommen. Sie ruft oft bei ihrer älteren Schwester und fragt wie man Rührei macht usw. also meist banale Dinge. Da wir familiär sehr weitläufig verstreut sind, besteht auch kaum die Möglichkeit dass wirklich mehrmals die Woche jemand nach ihr sieht.

Kinder haben die beiden nicht. Ich wage es nicht die Ehe der beiden zu hinterfragen, sicherlich wird der Mann aber nicht kürzer treten. Er hat sein lebenlang für den Beruf gelebt und geht voll und ganz darin auf. Seine Frau bleibt hierdurch definitiv auf der Strecke.

Nun haben wir sie letzte Woche und auch gestern besucht mit unseren zwei kleinen Kindern, dass hat ihr offensichtlich gefallen, war mit auf dem Spielplatz (trotz Knieprobleme, sie läuft sehr schlecht, will sich aber nicht recht behandeln lassen, cremt eigentlich nur). Sie macht einen wirklich sehr verwirrten Eindruck, fragt mehrmals ob man zum Sahne-Bienenstich noch Sahne dazu will, hat alle fünf Minuten eine neue Süßigkeit für die Kinder gebracht, mit dem Hinweis "ich hab euch ja versprochen ich habe etwas für euch". Ich kannte ihr Verhalten eigentlich hauptsächlich von Erzählungen anderer Verwandten, bei Familienfesten ist mir dies bisher gar nicht so aufgefallen, da sitzt sie meistens nur da und redet nicht viel.

Ich war gestern geschockt sie direkt und ohne andere Bezugspersonen so zu erleben. Ich machte mir sofort Sorgen. Und seit letzte Woche ruft sie nun auch mich fast täglich an. Ich freue mich ja, dass sie das tut, habe mir auch angewohnt sie vormittags aus der Arbeit anzurufen wenn ihrerseits kein Anruf erfolgt. Nun ist es heute aber erstmals so gewesen, dass sie anruft und keinen wirklichen "Vorwand" hatte, sondern einfach nur verwirrt war. Ich habe sie dann unterbrochen und gefragt "Geht es dir heute nicht gut?" und sie hat sofort geweint und gemeint, dass sie so allein ist und so zerstreut, sie kann sich an nichts erinnern usw.

Wie reagiere ich bei solchen Anrufen? Das ich ergriffen bin und mitweine hilft ihr ja nun überhaupt nicht weiter. Sie erzählt sie müsse heute so viel Wäsche machen - dabei hatten wir gestern noch gesprochen dass sie bereits alles weggewaschen hat. Sie wüsste nicht was sie kochen sollte, würde immer wieder zum Gefrierschrank gehen und es doch wieder vergessen und wie man kocht wisse sie sowieso auch nicht.

Beim Arzt war sie mit ihrem Mann schon vor einem Jahr, dort hat sie aber wohl nicht die ganze Wahrheit erzählt (sie würde noch Auto fahren können wenn es ihr Knie zulässt usw. - dabei traut sie es sich schon sehr lange nicht mehr zu sich hinters Steuer zu setzen, hat große Angst. Die Untersuchung ergab, dass es evtl. ein "burn-out" sei. Das ist wohl die letzte "Diagnose" die gestellt wurde und seitdem läuft das alles so.

Meine - ich nenne es mal "Kompetenz" - ihren Mann damit zu konfrontieren was ich denke (und zwar das sie an der Demenz leidet und Betreuung, zumindest aber tägliche Ansprache braucht) reicht nicht aus - zumal die anderen nächsten Verwandten hier schon an ihm gescheitert sind und nicht weitergehen können/wollen. Sie darf immer mal wieder Wochenenden bei Verwandten verbringen, die wohnen allerdings weit von ihr weg.

Ich bot schon an, sie könne jederzeit mal kommen, vielleicht könne sie zumindest eine Strecke mit ihrem Mann fahren. Aber ob ihr dies in ihrer Situation hilft, kann ich nicht abschätzen, auskennen tut sie sich bei uns nicht. Spielt der Ort an dem sie sich aufhält am Ende keine Rolle? Mir wäre es wichtig, dass sie ab und an mal rauskommt - ob sie nun bei uns rumsitzt oder zu Hause, bei uns hat sie zumindest Unterhaltung. Oder ist es evtl. sogar unförderlich, wenn sie dann abends wieder nach Hause ins "triste" Leben zurückgebracht wird?
Da wir ausser einem Sofa nichts zum Übernachten anbieten können, fällt ein Kurzurlaub bei uns leider aus - das Übernachten in fremden Schlafzimmern sorgt bei ihr für Probleme. So war sie mit Verwandten auf einem Wellnessurlaub, konnte nicht alleine in einem Einzelzimmer schlafen, war verwirrt, fand das Bad nachts nicht, lief auf den Gängen rum.

Mein Mann meint, ich solle mich nicht so "hineinziehen" lassen. Mit dieser Frau und ihrem Mann wäre das schon immer so eine Sache, die beiden hätten sich ihr "Bett einfach so gemacht" und er rät mir ab mich da einzumischen, wenn schon andere daran gescheitert sind.

Ich kann das aber nicht so einfach, ich mag sie so gerne und sie war immer liebevoll und freundlich zu mir wie auch zu meinen Kindern.

Was kann ich tun? Wie kann ich sie "aus der Ferne" unterstützen ohne in die Privatsphäre der beiden zu sehr einzugreifen?

Ich bin für jegliche Hilfestellung und Tipps dankbar.

Vielen Dank schon im Voraus und liebe Grüße


03.06.2019 | 14:27
martinhamborg

Hallo Brini, es ist wirklich gut, dass Ihre Verwandte Sie hat!
Sie haben nur 2 Hände und die nutzen Sie, Sie halten Kontakt, lassen sich nicht durch die Tränen und Verwirrtheit erschüttern und Sie planen Besuche. Was spricht dagegen, dass Sie Ihre Verwandte abholen und vielleicht sogar regelmäßig glücklich Stunden bescheren? So wie Sie schreiben, spricht viel für eine beginnende Demenz mit phasenhaft verstärkter Verwirrtheit durch die neue einsame Umgebung und andere Faktoren.
Aber Ihre Verwandte geht in den Kontakt und Sie werden eine Überforderung bestimmt wahrnehmen.
Langfristig ist vielleicht nötig auch für professionelle Hilfe zu sorgen, aber es hört sich sehr dananch an, dass mit den Problemen die Familie eher zusammenwächst, bis auf einen.
Vielleicht können Sie diplomatisch sein und die Lebenswerke des Mannes Ihrer Verwandten nicht zum Thema machen. Je mehr er sich rechtfertigt oder Grenzen setzt, desto mehr fühlt er sich vielleicht angegriffen und ist nicht mehr in der Lage Unterstützung anzunehmen und zu kooperieren. Können Sie über diesen Schatten springen?

Es kann sein, dass Ihre Verwandte ärztliche Hilfe braucht, in der Einnahme von Medikamenten überfordert ist oder dass sie infolge der schwierigen Lage zusätzlich noch eine Depression entwickelt hat. Vielleicht kann die Familie da etwas veranlassen.

Wenn Ihre Verwandte am Telefon weint, können Sie dann nach kurzem Trost auf andere Themen umlenken?
Wenn andere Beträge lesen werden bestimmt noch andere Aspekte deutlich und ich freue mich wenn noch andere Teilnehmer*innen aus diesem Forum Erfahrungen beisteuern.
Ihr Martin Hamborg



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