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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wann liegt eine Eigengefaehrdung vor?
03.06.2019 | 18:22
Toronto2018

Guten Abend, meine Mutter lebt in Berlin, ich im Ruhrgebiet. Bei Mama wurde im Januar eine Demenzdiagnose gestellt. Trotz Tabletten verschlechtert sich der Zustand zunehmend. Sie nimmt immer mehr ab, isst in Gesellschaft der Nachbarn. Den Pflegedienst, der kochen soll, lässt sie nicht in die Wohnung. Die Nachbarn können sie nicht jeden Tag bekoestigen, da sie auch Ende 70 sind und mit der Krankheit nicht zurecht kommen. Gefährdet meine Mutter sich mit dem Essverhalten selbst? Was kann ich tun? Danke für die Hilfe

03.06.2019 | 19:45
klauspawletko

Guten Abend Toronto2018,
Verståndlich, dass Sie sich Sorgen machen.
Stehen Sie denn mit den Nachbarn in Kontakt? Es ist ja ein Geschenk, dass die sich so um Ihre Mutter kümmern! Haben die Nachbarn Ūberforderung signalisiert?
Werden die Bemühungen von Ihrer Mutter finanziell honoriert?
Wer regelt denn die übrigen Bereiche des Alltags??
Ist es nur das wenige Essen, dass Ihnen Sorge bereitet?
Nach Ihrer Schilderung wūrde ich eine Lösung empfehlen, die die Nachbarn mit einbezieht. Ob sie dabei auch weitergehende Verantwortung übernehmen sollen/wollen, müssten Sie mit ihnen klären. Falls ja, könnte man sie als rechtliche Betreuer einsetzen lassen - vorausgesetzt entsprechendes Vertrauen Ihrerseits ist vorhanden.
In diesem Falle müssten alle Beteiligten aber einen Betreuungsgeplan entwickeln, der die Nachbarn zumindest zeitweise entlastet. Sie scheinen zumindest derzeit die einzigen zu sein, die einen Zugang zu Ihrer Mutter haben.
Alle radikaleren Lösungen ( fremder Betreuer, Heimunterbringung) scheinen mir derzeit eher geeignet, die Mutter unglücklich zu machen.
Sie sollten jedenfalls bald mit den Nachbarn gemeinsam beschliessen, wie es weiter gehen soll und welche Massnahmeneventuell noch ergriffen werden müssen, um einen Verbleib Ihrer Mutter in Ihrer Wohnung zu ermöglichen. Das könnte ein Hausnotruf sein oder eine automatische Herdabschaltung.
Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen Klaus-W. Pawletko

04.06.2019 | 06:01
Toronto2018

Hallo Herr Pawletko,
vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Die "Hauptbetreuerin" hat mir gestern erzählt, sie sei am Rande der Belastbarkeit. Geld habe ich schon angeboten. Das möchte niemand, weil sich alle zum Teil seit über 50 Jahren kennen. Ich weiß nicht so recht was ich tue, wenn die Nachbarn nicht mehr können. Andere Hilfen lehnt Mama ab. Sie trinkt auch zu wenig. Kann oder muß ich bei zu geringer Nahrungsaufnahme und zu wenig Flüssigkeit Maßnahmen ueber ihren Kopf hinweg ergreifen?

04.06.2019 | 08:13
sonnenblümchen

Guten Morgen Toronto,
ich glaube mit Ende 70 sind die Nachbarn mit der Verantwortung eine Betreuung (rechtliche) zu übernehmen überfordert.
Vielleicht können Sie doch noch einen Versuch mit ,, Essen auf Rädern" starten. Vielleicht könnte der Nachbar ein paar Tage dabei sein,wenn das Essen ankäme, damit ihre Mutter den Fahrer kennen lernt.
Meine Mutter hat auch während der Demenz abgenommen. Zeitweise sollte ich sie täglich wiegen (laut Hausarzt), was dazu geführt hat, dass ein unglaublicher Druck entstand. Machtspielchen- ,, Ich esse nicht!"... besorgte Tochter:,, Du musst aber essen und trinken!"
Meine Mutter geht alle 3 Monate mit mir zum Hausarzt. Dort wird dann immer thematisiert, dass sie zu wenig ißt und trinkt. Laut Arzt soll sie eine Mindestrinktmenge von1,5l haben. Wenn sie 1l pro Tag schafft ist es viel. Meine Mutter behauptet,dass sie trinken würde, naja! Ich bin täglich bei meiner Mama und schaue dann, dass sie in meinem Besein schon mal (viel) trinkt. Sie hat in jedem Raum H2O in Gläsern und Flaschen stehen. Zusätzlich werden regelmäßig die Blutwerte kontrolliert. So lange die o.k. sind, sagt der Arzt immer noch ,dass es geht. Jetzt bei den warmen Temperaturen soll sie mehr trinken...Erfolg fraglich. Ich habe gelesen,dass es Menschen gibt (auch unser Alter) die nicht genug trinken.Sie werden im Alter auch nicht viel trinken. Auch gehört wenig trinken und essen zu der Demenz. Ich kann Ihre Bedenken verstehen, dass Sie Angst haben Ihre Mutter trocknet aus. Bei meiner Mama hat die Nachbarin ca. einmal in der Woche auch für sie mitgekocht. Doch meine Mutter hat das Essen nicht gegessen sondern versteckt (Nachbarin würde sie vergiften wollen).
Wenn ich heute von meiner Mama fahre., hat sie gegessen und es steht von mir in Reichweite noch Essen bereit (Kuchen ,Brötchen, Schokolade, Stück Pizza). Am darauf folgenden Tag entsorge ich nicht gebrauchten ! Nahrungsmittel.
Ich denke, dass sie jetzt ,,eingreifen´´-,,gefragt" sind. Wenn ihre Mutter sich nicht ausreichend ernährt....wird sie wahrscheinlich auch in der Körperpflege und anderen Bereichen nicht mehr klar kommen.
Mein Rat: Hausarztbesuch mit Ihnen zusammen, Pflegestufe beantragen, ambulanten Pflegedienst kommen lassen zur Grundpflege, evtl. Putzhilfe, Essen auf Rädern, dickes Dankeschön an die Nachbarn (Blumenstrauß ?) und regelmäßiger,ehrlicher Austausch mit selbigen. Ich glaube Sie müssen Verantwortung von den Nachbarn abnehmen. Sie müssen meiner Meinung nach jetzt handeln !
LG

04.06.2019 | 08:30
sohn

Guten Tag Toronto,

als allererstes würde ich mir an Ihrer Stelle ernsthaft und gründlich Gedanken machen, wann, wie und wodurch Ihrer Meinung nach ein Leben zu Ende gehen soll.

Wenn Sie das getan haben, könnten Sie zu der Erkenntnis gelangen, daß bei Ihrer Mutter der natürliche Lauf des Lebens durch allmähliche Unterversorgung mit Nahrung und Flüssigkeit zu Ende geht, daß sie also, wenn sie so weitermacht, demnächst sterben wird (was, wie gesagt, NATÜRLICH ist und uns ALLEN früher oder später bevorsteht!).

Kümmert sich aber jemand um Ihre Mutter und sorgt für ausreichende Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr, wird der Tod noch ein ganze Weile hinausgezögert, Jahre, vielleicht auch noch ein Jahrzehnt oder mehr bei dem "geringen" Alter Ihrer Mutter. Wollen Sie das? Will Ihre Mutter das? Können Sie das bezahlen?

Der Vorschlag von Herrn Pawletko kann nur für relativ kurze Zeit helfen, da die Nachbarn höchstwahrscheinlich nicht immer stärker und immer zeitaufwendiger eingebunden werden wollen/können und außerdem durch ihr hohes eigenes Alter demnächst selber ausfallen werden. Danach stehen Sie dann wieder da, eine Lösung finden zu müssen; dieses mal für eine deutlich pflegebedürftigere Mutter.

MEINE Mutter hat ein ähnliches Problem mit ihrer Selbstversorgung wie Ihre; von Zeit zu Zeit kommen Übelkeit, Durchfall und Erbrechen hinzu. Wir vermuten, daß sie irgendetwas verzehrt hat, dessen Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist oder daß sie ihr Vorgekochtes so lange offen hat stehen lassen vor dem Verzehr, daß es nicht mehr genießbar war. Das hat noch niemanden, weder die Ärztin noch das Pflegedienstpersonal, veranlaßt, von Eigengefährdung zu sprechen, die entsprechende Maßnahmen nach sich ziehen würde.

Da meine Mutter bisher ALLES konsequent verweigert (auswärts essen, Essen auf Rädern, Haushaltshilfe etc.), ist sie sich selbst überlassen und wir schauen aus größerer Entfenung mehr oder weniger untätig zu. Das tut mir zwar in der Seele weh, aber letztlich gilt, daß Mutter ihre eigenen Entscheidungen treffen darf und solange sie das noch deutlich und verständlich tut, unternimmt niemand etwas gegen diesen geäußerten Willen. Auf die Nachbarschaft dort ist kein Verlaß; spätestens, wenn die merken, wie ernst und zeitaufwendig und frustrierend das ganze ist, ziehen die sich zurück.

Fazit: eine gescheite Antwort auf Ihre Frage, die Ihnen sofort und auf der Stelle weiterhilft, kann ich Ihnen auch nicht bieten.

04.06.2019 | 09:17
martinhamborg

Hallo Totonto, das Ablehnen von Essen und Trinken kann viele Gründe haben, deshalb wäre es sehr hilfreich, wenn Sie sich mit dem Hausarzt zum Hausbesuch verabreden.

Haben Sie mit den Nachbarn schon gesprochen, was so belastend ist?
Ich kann mir vorstellen, dass auch die Unsicherheit Angst bereitet: was ist zu tun, wenn es eskaliert. Durch die Austrocknung kann es zu Verwirrtheitszuständen, zu Unruhe oder Halluzinationen kommen. Vielleicht können Sie Ihre Mutter dann überreden, in eine Klinik zu gehen, um sich gründlich untersuchen zu lassen? Haben Sie mit den Nachbarn schon darüber gesprochen, zu welchen Zeitpunkt ein Bereitschaftsartz oder Rettungswagen wichtig wären?
Die Austrocknung oder Dehydratation ist nur der Auslöser der Krankheitssymptome, die Ursachen können in psychischen und körperlichen Krankheiten, Vergiftungsängsten, Nebenwirkungen von Medikamenten, der fehlenden Fähigkeit zu Essen und zur Trinken, Schluckproblemen usw. liegen. Wenn das alles ausgeschlossen ist, kann es sein, dass der Mensch sich verabschieden möchte.

Vielleicht helfen schon kleine Schritte, wenn die Nachbarn das Essen auf Rädern annehmen und reinbringen und es immer ein kleines Ritual gibt, gemeinsam ein Glas zu trinken?
Viel Kraft, Ihr Martin Hamborg



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