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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie würden Sie entscheiden?
12.06.2019 | 20:51
sohn

Versuchen Sie sich bitte einmal vorzustellen, Sie hätten einen Großteil Ihres Erwachsenenlebens darauf verwandt, sich eine wirtschaftliche Existenzgrundlage zu schaffen und wären inzwischen an dem Punkt angekommen, wo Sie sowohl die nötige freie Zeit wie auch das nötige Kleingeld haben, sich des öfteren außerhalb des berühmten Hamsterrades zu bewegen und Ihr eigenes LEBEN in Angriff zu nehmen, nachdem Sie vorher jahrelang überwiegend FUNKTIONIEREN mußten.

Desweiteren haben Sie als Einzelkind und somit als einziger verantwortlicher Person die Finanzen der Eltern so gestaltet, daß auch diese für ihr Alter ein ausreichendes Einkommen haben/hatten und der ältere Elternteil bis zum Tod mit deutlich über neunzig Jahren im Pflegeheim versorgt werden konnte.

Nun wollen Sie die letzte Zeit, die Ihnen selber in diesem Erdendasein - so Gott will - einigermaßen gesund und vital zur Verfügung steht, noch etwas aus diesem eigenen Leben machen.

ABER: da ist noch Elternteil Nummer zwei, und dieser kann aufgrund seiner guten körperlichen Konstitution noch mindestens ein Jahrzehnt weiterleben. Leider mit der Einschränkung einer fortschreitenden Demenz UND der Einschränkung, daß diese Person überhaupt kein tragfähiges soziales Netz aufgebaut hat, weswegen sie nun mutterseelenallein in ihrem eigenen Haus dahintrauert und permanent abbaut, derweil sie alle Versuche Ihrerseits, eine tragfähige Versorgung dieses Elternteils mittels dafür geeigneter Personen zu etablieren, torpediert. Das einzig Akzeptierte ist Ihre Anwesenheit und Ihr telefonisches Sich-Kümmern; Fremde werden fast ausnahmslos abgelehnt.

Sie wissen genau: so kann und wird es nicht weitergehen; wer sich selbst nicht mehr adäquat versogen kann, kann erst recht nicht mehr für ein ganzes Haus mit Garten etc. sorgen. Die finanziellen und bürokratischen Dinge regeln ohnehin Sie schon längst, aber irgendwer muß natürlich den Alltag mit der dementen Person meistern, nur wiegelt diese alles von Ihnen Unternommene seit eh und je massiv ab und hat auch schon mehrere 24h-Kräfte, die auf Ihr Betreiben vorstellig wurden, in die Flucht geschlagen bzw. erst gar nicht ins Haus gelassen.

Nun sind Sie hin- und hergerissen zwischen Ihrer (nur gefühlten?) Verantwortung für diesen dementen Elternteil und Ihrem Wunsch, endlich einmal Ihr eigenes Leben zumindeest ansatzweise nach Ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu gestalten.

Die Anforderungen, die Ihr dementer Elternteil an Sie stellt, sind exakt das Gegenteil dessen, was Sie selbst anstreben, alleine schon deswegen, weil Sie dazu immer am Wohnort der Eltern sein müßten, wo Sie aber freiwillig gar nicht mehr hin wollen, sondern hinaus in die Welt.

Was würden Sie tun?

12.06.2019 | 22:00
hanne63

Lieber Sohn,
gehe ich recht in der Annahme...sie möchten einen Freispruch? ;-)
Ich kann Sie gut verstehen...bin in ähnlicher Lage ...das ewige Schuldgefühl verfolgt mich...aber muß es das?

Ich fragte meine Eltern einmal, wie sie selbst sich eigentlich um ihre Eltern gekümmert haben...und da kam Erstaunliches zum Vorschein...meine Mutter sagte...war ja nicht nötig, sich um ihre eigene krebskranke, pflegebedürftige Mutter zu kümmern, da sie ja noch einen Ehemann hatte (der aber unfähig war , sich zu kümmern...)...ahja.....mein Vater, sagte gar nix...aber ich weiß, dass er seine Mutter, die demenzkrank im Pflegeheim war ca 2 Jahre...nur ca 2 x im Jahr oder sogar nur 1 x im Jahr besuchte..zuvor lebte seine Mutter bei ihrem anderen Sohn im Haushalt..und auch da hat er sie nicht öfter als 1-2x im Jahr besucht..obwohl quasi vor Ort gewohnt!!!!
Was würde ich tun?...gut,ich habe getan: bewußt lebe ich ca 100 km entfernt von den Eltern..obwohl ich sogar sehr gerne zurück in die Heimat meiner Kindheit ziehen möchte.....ich halte Abstand und grenze mich ab....nur ca alle 8 Wochen ein Besuch im Heim bei Mutter und bei Vater, der noch zuhause leben möchte um jeden Preis....
Ich achte allerdings aus der Ferne, ob alles mit rechten Dingen zugeht...

ich habe trotz aller finanzieller Verluste..alles an einen rechtlichen Berufsbetreuer abgegeben....der sich ab und zu mit mir abspricht...aber ich natürlich nicht zufrieden bin..nur keine andere Lösung sehe....

diese Entscheidungen fielen mir nicht leicht und belasten mich auch jetzt ab und zu sehr...sehr....

aber nur so kann ich halbwegs ein eigenes Leben führen...

also: Freispruch !!!

13.06.2019 | 16:05
sohn

Guten Tag hanne63,

danke für Ihren Freispruch :-) !

Worauf ich aber eher hinaus will ist eine Abwägung zwischen "welche Rechte habe ich für mich und mein Leben" und "welche Pflichten habe ich meinen Eltern gegenüber".

ICH habe über Jahrzehnte meine Zielsetzung verfolgt und bin meinen Weg bis zum jetzigen Punkt gegangen, wo ich endlich die Früchte ernten kann (oder könnte, wenn meine Mutter nicht wäre).
MEINE ELTERN hingegen haben einfach nur passiv ihr Älterwerden gelebt ohne jede Vorbereitung und ohne jede Weichenstellung, so wie wohl die allermeisten. Nicht nur von sich aus nichts in die Wege geleitet, sondern auch noch aktiv gegen meine Versuche einer RECHTZEITIGEN Maßnahmenergreifung rebelliert. Aber ICH war und bin natürlich derjenige, der dann hinterher die Probleme beseitigen darf, was sie selber nicht mehr schaff(t)en.

Da frage ich mich, inwieweit ich "moralisch" dazu verpflichtet bin, jetzt auf mein Leben zu verzichten, nur weil meine Mutter sich erlaubt hat, entgegen jeder Vernunft alles Notwendige zu unterlassen (mein Vater ist ja schon tot; ihn habe ich also bereits bis auf den Friedhof begleitet). Statt jede Hilfe/Änderung etc. kategorisch abzulehnen hätte sie ja auch in Abstimmung mit mir eine Lösung finden können, wo sie untergebracht und versorgt wäre und nicht alles an mir hängen würde. Das wäre meiner Meinung nach eine FAIRE und verantwortungsvolle Einstellung.

Die Frage lautet also: bin ethisch/moralisch dazu verpflichtet, durch Verzicht auf mein eigenes Leben die Unterlassungen meiner Mutter zu kompensieren? Es liegt schließlich nur an ihrer Sturheit und Uneinsichtigkeit, nicht an fehlendem Geld, in welcher Situation sie sich befindet. Ihre (und dadurch natürlich auch meine) Lebensqualität könnte wesentlich höher sein, wenn sie nicht alles abgelehnt hätte und noch immer ablehnen würde.

Dazu hätte ich gerne mal andere Meinungen gewußt. Schließlich geht es vielen ja genauso, daß sie kein eigenes Leben führen können, weil sie für ihre Angehörigen darauf verzichten.

14.06.2019 | 11:35
Jutta60

Hallo Sohn,
ich würde ganz klar mit "nein" antworten. Sie haben keine Verpflichtung, die irgendwie moralisch oder ethisch zu begründen wäre. Ihre Eltern haben sich entschieden, ein Kind zu haben. Damit ist die Fürsorge und Verantwortung für dieses Kind verbunden. Sie wurden nicht dazu gefragt, konnten sich nicht entscheiden, dass Sie geboren werden wollten. Also kann es keine Verpflichtung geben, die für Sie gegenüber Ihrer Mutter erwächst. Außer der, die der Staat Ihnen aufbürdet, aber das ist ein anderes Blatt. Ganz generell ist die Fürsorge für die Menschen, die sich selbst nicht helfen können (Behinderte, Kinder, Alte...), in meinen Augen ein gesellschaftliches Anliegen und sollte dort breit verankert werden. Da erwachsen manche Aufgaben für die Politik. Wenn man sich entscheidet, sich um die Eltern zu kümmern, dann nicht aus Pflichtgefühl sondern aus Freiheit, weil die Beziehung gelungen ist. Nicht jeder kann so handeln. Viele fühlen sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, gegen ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu handeln. Sie schreiben ja, dass es am Geld nicht scheitert. Das ist eine komfortable Lage, die nicht jeder hat.
Ein ganz anderes Problem ist in meinen Augen, dass man sich - egal wie das Verhältnis war - von den Eltern nicht lossagen kann. Egal, wie sie waren, sie bleiben Eltern. Und sie spielen immer eine Rolle im Leben ihrer Kinder. Sei es nur das Gewissen, das sich ab und zu meldet. Deshalb sollte man versuchen, in guten Zeiten die Ansprüche und Erwartungen, die man in einer Familie gegeneinader zu haben glaubt , auszusprechen und sich darüber klar werden, was man vom anderen erwarten kann. Dazu ist Ihre Mutter aufgrund der Demenz schon lange nicht mehr in der Lage. Und war es vielleicht nie. Daraus kann Ihnen gegenüber keine Pflicht erwachsen.
Meine Eltern sind beide langsam gestorben, also konnte ich beide sehr lange begleiten. Auch ich hatte viele Jahre kein selbstbestimmtes Leben (hat man das überhaupt je wirklich?). Mir hat geholfen, dass ich es als eine Aufgabe gesehen habe, die mir das Schicksal stellt und dass es dafür irgeneinen Grund geben muss, auch wenn ich ihn nicht sofort erkennen kann. Ich habe unglaublich viel über mich gelernt in der Zeit und bin meinen Eltern auf einer ganz anderen Ebene sehr nahe gekommen. Ich habe Dinge getan, die ich nie für möglich gehalten hätte und konnte sie auch. Ich habe Lösungen gefunden für Unmögliches und viele Bälle gleichzeitig in der Luft gehalten. Wenn ich heute zurückblicke, war es eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Sie hat mich endgültig erwachsen werden lassen und mir gezeigt, wie stark ich bin und mir viele Ängste genommen.
Alles Gute!

15.06.2019 | 00:23
sohn

Danke, Jutta60, für Ihre Antwort!
Rational sehe ich das auch so, wie Sie, aber emotional bin ich total in der Zwickmühle. Ich würde mich ja gerne mehr kümmern wollen, aber durch die permanente Verweigerungshaltung meiner Mutter habe ich so eine Antipathie gegen jeden Kontakt, jedes Telefonat und jeden Besuch bei/mit ihr, daß ich mich zusätzlich schuldig fühle für Unterlassenes. Aus der Nummer komme ich auch nicht raus.
Ihr Vorschlag, in guten Zeiten alles zu besprechen, wäre bei uns nie umsetzbar gewesen. Und Ihre recht positiven Zeilen am Schluß kann ich für mich überhaupt nicht bestätigen. Ich sehe nichts Positives an dem ganzen Kampf und Krampf über Jahrzehnte; ich ziehe keine Kraft daraus und die Bestätigung, daß ich hoffentlich das Bestmögliche herausgeholt habe, bringt mir auch nichts. Es laugt mich nur aus und verdirbt das zwischenmenschliche Verhältnis. Nicht umsonst blühe ich (in Anführungszeichen) auf, seit mein Vater tot ist. Da ist nichts von "nahe kommen" wie bei Ihnen. Wenn ich Trauer empfinde, dann nur darüber, daß wir nie ein gutes Verhältnis hatten, aber nicht darüber, daß er jetzt weg ist. Im Gegensatz zu Ihnen könnte ich hervorragend auf die Zeit verzichten.


Was hanne 63 geschrieben hat über das Engagement ihrer Eltern deren Eltern gegenüber ist etwas, worüber ich in Bezug auf das Verhältnis zwischen meinen Eltern und deren Eltern auch schon nachgedacht habe und wo ich zu demselben Ergebnis gekommen bin. Ich glaube kaum, daß sich mein Vater gekümmert hat (allerdings war ich damals noch nicht einmal im Kindergarten (Großvaters Tod) bzw. in der Grundschule (Großmutters Tod), so daß ich aus eigener Erinnerung dazu nichts mehr weiß. Meine Mutter hat zwar nach dem Tod ihres Vaters ihre Mutter bei sich aufgenommen, aber so manche Jahre zuvor würde ich aus heutiger, erwachsener Sicht behaupten, ist auch da nicht das Notwendige in die Wege geleitet und umgesetzt worden. Also, hanne63, mir scheint, daß Sie ebenfalls keine wirkliche Alternative haben zu der von Ihnen herbeigeführten Situation.

15.06.2019 | 11:56
martinhamborg

Hallo Sohn, Sie beschreiben sehr deutlich, wie Sie in Ihrer Zwickmühle stecken, hin und her zwischen dem moralischen Druck, dem Wunsch das richtige zu machen, ausgebremst zu werden, den Gedanken nach drastischen "schnellen" Lösungen oder der Trauer so die eigene Mutter erleben zu müssen.
Vielleicht müssen Sie irgendwann für Ihre Mutter entscheiden, aber allein sind Sie damit (eigentlich) nicht. Meine Hoffnung ist, dass Sie irgendwann wieder Vertrauen in das professionelle Netz finden und die Unterstützung durch den sozialpsychiatrischen Dienst oder ein Krankenhaus finden und innerhalb der notwendigen eigenen Grenzen das tun, was leistbar ist. Dafür ist eine Psychotherapie eher nicht gedacht, aber es gibt irgendwo in Ihrer Region bestimmt eine Demenzberatungsstelle für Angehörige, ein Demenzservicezentrum, der Alzheimer Gesellschaft oder eine andere Anlaufstelle, wo Sie keine Therapie sondern eine Beratung durch Experten finden, mit denen Sie alles durchgehen und innerlich ordnen können.

Hier in diesem Forum ist mir durch Ihre Beiträge schon vieles sehr viel deutlicher geworden. Aber ich habe noch etliche unbeantwortete Aspekte allein aus den Randbemerkungen wahrgenommen, so dass ich Ihnen eine Vertrauensperson sehr wünschen würde. Das kann natürlich auch ein Freund sein, aber wir haben durch die Pflegeversicherung neutrale Angebote, in denen es möglich ist, auch über die Gedanken zu sprechen, mit denen man keinen Freund belasten möchte.

Ich habe es hier im Forum schon oft geschrieben: Die Not der pflegenden Angehörigen war dem Gesetzgeber sehr bekannt und die Deutsche Alzheimergesellschaft hat auch ihren Beitrag dazu geleistet, dass das Hilfenetz unterstützend und nicht reglementierend gestrickt wird. Zur Entlastung der pflegenden Angehörigen gehört auch die psychologische Unterstützung damit diese Menschen nicht innerlich zerreißen, psychisch krank werden oder ein burnout erleiden. Dafür kann die Verantwortung auf viele Schultern verteilt werden, gerade wenn der Mensch mit Demenz andere Hilfe ablehnt.
Ihr Martin Hamborg

15.06.2019 | 22:02
sohn

Hallo Herr Hamborg,

nicht erst irgendwann, sondern schon eine ganze Weile treffe ich Entscheidungen für meine Mutter und das zu ihrem umd meinem Vorteil (wie zu Lebzeiten meines Vaters ja auch). Schwierig ist es nur da, wo sie sich verweigert (und die "Hilfe" der schädlichen Nachbarn angenommen hat, die an ihr Geld wollten, mir die notarielle Vollmacht entziehen lassen wollten und vermutlich dahinter steckten, daß meine Mutter mich bei der Polizei angezeit hat).

Einen "sozialpsychiatrischen Dienst", wie Sie schreiben, habe ich noch nicht hinzugezogen, weiß auch gar nicht, wo und was das ist. Aber die Hausärztin meiner Mutter ist auch Psychiaterin und mit der stehe ich in Kontakt (sie ist auch schon restlos gescheitert an meiner Mutter); desweiteren habe ich zig fachbezogene Anlaufstellen und Personen zu Rate gezogen und involviert, praktisch ohne Ergebnis. Die einzige zur Verfügung stehende Person, mit der meine Mutter sich wohl fühlt, ist eine Dame vom Pflegedienst, die aber nur zwei mal die Woche kurz für sie Zeit hat, und das reicht vorne und hinten nicht.
Letztendlich sagen mir alle, die sich der Thematik angenommen haben und daran gescheitert sind, ich könne nur abwarten, bis etwas passiert, und dann würde sich alles automatisch ergeben. So nach dem Motto: erst Unfall, dann Krankenhaus, danach Seniorenheim.

Irgendwann bin ich zur Erkenntnis gelangt, daß die Probleme, die ich (und die Umwelt) mit meiner Mutter habe(/hat), nicht demenzbedingt sind, sondern durch ihre Persönlichkeit verursacht. Daher habe ich hier einmal die Rundfrage gestartet " Was tun bei sozialer Inkompetenz?", denn das Problem meiner Mutter ist nach meinem Erkenntnisstand ihr Unvermögen, sich auf andere Menschen einzulassen und tragfähige Beziehungen aufzubauen.
Im Grund müßte ICH für sie ein soziales Netzwerk schaffen, werde aber immer wieder dabei behindert, weil ihr dies und jenes und sonstiges nicht paßt.

Heute hatten wir wieder ein schönes Beispiel dafür: wir waren mittags bei ihr, meine Lebensgefährtin hat mit ihr zusammen gekocht, während ich mich um Mängelbeseitigung am Haus gekümmert habe. Dann kamen für uns überraschend nachmittags alte Bekannte meiner Mutter zu Besuch, die sich auch vorher angekündigt und einen Termin mit ihr abgesprochen hatten. Das hatte Mutter sogar in ihrem Terminkalender- und Zettelwust notiert, nur natürlich an falscher Stelle, weil sie eben keine Ahnung mehr hat, welcher Wochentag ist und auch die Eintragungen nicht mehr an den richtigen Stellen vornimmt. Nur hat sie den Leuten kein Wort davon gesagt; die waren ziemlich erstaunt, als ich ihnen eröffnet habe, wie es wirklich um Mutter bestellt ist. Und Mangels Vorbereitung hatten die Gäste jeweils ein Glas Wasser und ein paar Knabbereien vorgesetzt bekommen; das ist ehr nicht das, was man erwarten darf, wenn man nachmittags eingeladen/verabredet ist. So etwas trägt natürlich nicht zum Erhalt der Sozialkontakte bei und da Muttter mir bisher keine Möglichkeit gegeben hat, bei ihr jemanden zu installieren, die/der ihr bei der Terminierung etc. hilft, geht das meiste daneben. Dann finden sich im Terminkalender Einträge an der falschen Stelle und der handschriftliche Vermerk von ihr: "waren verabredet, sind aber nicht erschienen" oder "habe vergeblich gewartet".

Ein anderes Beispiel: Mutter hat früher immer alles für ihre Geburtstage selber gemacht: eingeladen, gekocht/gebacken, Tisch gedeckt, hinterher abgeräumt, gespült und weggeräumt. Viel Arbeit, aber sie zog ihre Befriedigung daraus und was zufrieden, also ok für mich. Da sie das alles selber nicht mehr hinbekommt, hatte sie vorletztes Jahr auch nicht mehr eingeladen, so nach dem Motto "wer an mich denkt, kommt auch so vorbei". Pustekuchen! Natürlich kam niemand, und schon gar nicht zeitgleich, also war sie frustriert. Für's nächste Jahr habe ich dann die Organisation einer ihr zu dem Zeitpunkt wohlgesonnen Dame übertrage und die hat eingeladen, vor- und nachbereitet. Es waren viele da, ein nettes Beisammensein, und alle zufrieden. Nur, daß ich dafür hundert Euro ausgegeben hatte, fand meine Mutter unerhört; das verdarb ihr im Nachhinein die Freude daran und ich bekam zu hören, daß sie das dann doch lieber wieder selber in die Hand nimmt in Zukunft. Mit besagter ihr zu dem Zeitpunkt noch wohlgesonnen Dame hat sie sich längst überworfen; dieser ursprünglich sehr erbauliche Kontakt besteht nun auch nicht mehr.

Mich zerreißt das eher nicht, wie Sie schreiben, auch glaube ich nicht nicht, daß ich deswegen psychisch kank werde oder ausbrenne. Dafür halte ich mich weit genug raus und achte zunehmend auf mein eigenes Wohl - aber frustrieren tut es mich enorm, weil es so einfach sein könnte, wenn sie es sich nicht selber alles kaputt machen würde.

Die Verteilung der Verantwortung auf mehrere Schultern, wie Sie sie empfehlen, funktioniert einfach nicht. Es ist wie in vielen Bereichen des Lebens immer dasselbe: wo ich mich nicht darum kümmere und dafür sorge, daß Dinge zu einem guten Ergebnis geführt werden, bleibt dies aus. So auch bei meiner Mutter : was wir heute gemeinsam gemacht haben, war schön und gut; aber wenn ich nicht schalte und walte, tut sich auch nichts. Das gilt leider auch für meine eigenen Baustellen: selbst wo ich Leute beauftrage und bezahle bzw. einen Angestellten beschäftige, muß ich doch immer die Unzulänglichkeiten und Fehler anderer ausgleichen. Vor allem das Denken bekomme ich nicht delegiert, deswegen bleiben auch keine richtigen Auszeiten zum Abschalten. Irgendwas ist halt immer. So hatte ich mir das weder vorgestellt noch gewünscht, aber ich arbeite daran, dies für mich zu verbessern.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 15.06.2019 um 22:21.]

16.06.2019 | 00:15
hanne63

Hallo Sohn,
der sozialpsychiatrische Dienst war im Falle meiner Eltern mir letzlich eine große Hilfe. Dieser Dienst ist in Bayern beim Landratsamt/Gesundheitsamt eingerichtet. Dort ist auch ein Amtsarzt, der nötigenfalls eine Zwangseinweisung veranlassen kann, wenn dann der Fall eintritt, dass etwas passiert......Der Sachbearbeiter von diesem sozialpsychiatrischen Dienst stand sowohl mit der örtlichen Polizei als auch dem Amtsarzt in Kontakt und hat auch mehrfach bei meinen Eltern einen Hausbesuch gemacht.....letztlich war es hilfreich, dass diese Stellen alle dann schon mal in "den Fall" eingeweiht waren und alles aktenkundig war.....
ich wußte vorher von diesem Dienst auch nichts.....die Angehörigen-Betratungsstelle hat mich darauf hingewiesen und ich habe dann dort angerufen......und mehrfach auch mich dann telefonisch dort gemeldet......
Im Falle meiner Eltern wurde eigentlich erst durch das "Zusammenarbeiten" aller möglich Stellen eine halbwegs zufriedenstellende Lösung gefunden....und ich habe auch die Erfahrung gemacht....dass mir zuerst natürlich der schlimme Zustand meiner Eltern nicht geglaubt wurde....dann aber nach mehrern Hausbesuchen und Polizeieinsätzen dann doch....
und auch wurde mit mir vieles (nicht alles, aber das Wesentliche) abgesprochen zuvor.
Ich kann Sie also nur ermutigen, sich dort einmal mit den zuständigen Leuten in Verbindung zu setzen und sich Rat zu holen...es ist außerdem kostenfrei.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 16.06.2019 um 00:16.]

17.06.2019 | 09:20
sohn

Also, auch der sozialpsychiatrische Dienst hat kein Geheimrezept auf Lager, was uns weiterhelfen würde. Ganz im Gegenteil fand die Dame sehr deutliche Worte und sagte nach meiner Schilderung, daß man eben manche Menschen nur auflaufen lassen kann, so schlimm es auch für alle Beteiligten ist.

Allerdings hat auch diese Dame mir wieder zu einer Betreuung geraten und auf meine gezielten Fragen zugegeben, daß die damit verbundenen äußerst negativen Folgen tatsächlich eintreten: man ist nämlich ab diesem Moment dem Gericht gegenüber rechenschaftspflichtig, und damit ist finanzielle Gestaltungsfreiheit dahin.

Deshalb WARNE ich an dieser Stelle erneut alle, die noch keine oder wenig Erfahrungen mit Behörden haben: die bürokratischen Hürden werden immer höher und schlimmer; allmählich bereiten sie nicht nur den Bürgern große Schwierigkeiten, sondern die Behörden bereiten sich selber Probleme, die sie nicht mehr bewältigt bekommen. Ich habe dies jüngst mit zwei Finanzämtern, zwei Gerichten, einer Stadtverwaltung und zwei Straßenverkehrsämtern in verschiedenen Bundesländern erlebt.

Wer sich für eine Betreuung entscheidet, läßt sich quasi enteignen (jedenfalls, wenn man nicht praktisch mittellos ist) und schikanieren!

17.06.2019 | 17:43
hanne63

Hallo Sohn,
aber immerhin haben Sie sich jetzt mit der Stelle in Verbindung gesetzt und müssen sich später deshalb keine Vorwürfe anhören ;-).....
mir hat man übrigens auch von diesem Dienst fast 1 Jahr lang immer wieder gesagt, dass ich die Lage noch weiter sich zuspitzen lassen soll bei den Eltern...weil die keine Hilfe annehmen......aber im Hintergrund haben offenbar dann doch einige Stellen zusammen gearbeitet......ich habe allerdings immer wieder angerufen...und die Verschlimmerungen geschildert...

Wegen rechtlicher Betreuung: es gäbe noch die Möglichkeit, dass Sie selbst die rechtliche Betreuung in finanzieller Hinsicht und Vermögen übernehmen könnten...und alles andere eine außenstehender Berufsbetreuer...dann hätten Sie nicht alles aus der Hand gegeben.....Angehörige müssen auch nicht so haarkleingenau dem Betreuungsgericht gegenüber Bericht erstatten.....evtl wäre das gangbarer Weg in Ihrem Fall....Sie können auch sich beim Betreuungsgericht selbst beraten lassen vorab....und Ihren Fall schildern und fragen was tun?...auch das ist kostenfrei......und irgendetwas konnte ich aus jeder Beratung egal wo für mich mitnehmen ......
Weiterhin gute Nerven.....



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