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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Weglauftendez Unterbringungsbeschluss Fehler?
23.06.2019 | 12:24
TochterSylvia

Guten Tag an alle, ich hoffe, jemand kann mir hilfreiche Antworten geben, denn ich fürchte, ich habe einen Fehler gemacht.
Es geht um meine demente Mutter, 89 Jahre alt, Pflegegrad 3, lebt seit über einem Jahr in einem Pflegeheim in dem Dorf, in dem sie zuvor 40 Jahre lang gelebt hat. Es besteht keine amtliche Betreuung, sondern ich habe die Vorsorgevollmacht. Zur Vorgeschichte:
Seit Tod des Ehemannes 12 Jahre alleinlebend in der gemeinsamen Mietwohnung, Einzelgängerin ohne weitere soziale Kontakte zu Nachbarn, keine Freunde/Bekannte im Ort, kein soziales Netz, keine Bindungen in z. B. Vereinen etc. und auch nie Interesse daran. Keine Verwandten außer mir, ich bin die einzige Tochter und wohne in Frankfurt, 18 km entfernt. Es gibt keine Enkel, keine Geschwister, keinerlei Freunde oder Bekanntschaften. Vor drei Jahren habe ich erste Anzeichen vom beginnender Demenz bemerkt (nicht mehr geputzt, nicht mehr gekocht, Medikamente vergessen, falsch genommen, Wortfindungsstörungen, veränderte Tagesroutine, ganz allgemein fehlende Einsicht und Einschätzung der Realität). Gespräch mit ihrer Ärztin, Medikamentenplan besorgt, einen Pflegegrad für sie beantragt und einen Pflegedienst zur Medikamentengabe organisiert. Dies alles gegen den intensiven Widerstand meiner Mutter („Die lasse ich nicht rein!“, „Ich kann doch meine Tabletten selber nehmen!). Mit viel gutem Zureden hat sie das dann aber akzeptiert. Dann Essen auf Rädern, da nicht mehr klar war, ob sie regelmäßig isst. Trinken konnte ich anhand der Wasserkästen kontrollieren, das war viel zu wenig. Auch das erst nach großem Widerstand akzeptiert („Da muss ich ja immer zuhause sein!“). Zu der Zeit ist meine Mutter täglich ins Dorf marschiert und hat eingekauft, diese Sachen habe ich dann aber am nächsten Wochenende verschimmelt oder vergammelt aus dem Kühlschrank geholt. Statt wie früher zu kochen, hat sie sich zum Essen Kuchen gekauft. Versuche, über den Pflegedienst eine Haushaltshilfe zu installieren, wurden empört abgelehnt. Nachdem offensichtlich war, dass sie alles – ihre Wohnung und sich selbst – nicht mehr pflegt, es überall nach Urin roch („Das bildest Du Dir ein!“, hatte ich sie in dem jetzigen Heim auf die Warteliste setzen lassen, bin auch mit ihr öfter in das angeschlossene Bistrot zum Mittagessen gegangen. Sie war nicht abgeneigt, es hieß nur immer: „Jetzt noch nicht, jetzt komme ich ja noch klar“. Als dann ein Zimmer frei wurde, war ich erleichtert, weil ich lange Wartezeit befürchtet hatte und mir große Sorgen um sie machte. Dem Einzug (März 2018) hat sie sich nicht widersetzt, ich nehme an, sie dachte, sie kann da wie im Hotel leben. Ich war froh, dass es dieses Heim war, weil sie sich im Ort auskennt, die erste Zeit noch zu ihrem Friseur gehen konnte und zu ihrem Bäcker und es außerdem einen guten Ruf hat. Ich besuche sie regelmäßig am Wochenende und unternehme etwas mit ihr.
Leider hat sie sich, wie es ihrer Art entspricht, an niemanden angeschlossen und auch kein Interesse daran gezeigt. Leider ist sie auch schwerhörig und hat die Makuladegeneration, deshalb konnte sie die Aktivierungsangebote des Heims auch nicht für sich nutzen (Singen mit Notenblättern, Erinnerungsarbeit, Spiele, alles wo man hören und sehen können muss, klappt nicht). Sitztanz, Balancetraining hat sie nach einer Weile auch sein lassen („Ach, das interessiert mich nicht, das ist albern.“). Für die Pflegekräfte und Ehrenamtlichen ist sie eine sehr eigenwillige Frau, wenn sie etwas nicht will, lässt sie sich auch nicht motivieren. Sie ist körperlich noch sehr eigenständig, zieht sich alleine an (allerdings auch verschmutzte Kleidung) und ist mobil, duscht noch allein, allerdings nimmt sie keine Seife und weiß auch nicht mehr, wie man Zähne putzt (steckt sich Seife in den Mund). Sie bräuchte Hilfe bei der Hygiene, lehnt aber empört alles ab, und das Pflegepersonal lässt sie. Während der Monate im Heim ist die Demenz weiter fortgeschritten, sich sprachlich mitzuteilen klappt nur noch bedingt, das Kurzzeitgedächtnis ist kaum noch vorhanden. Die Realität kann sie nicht mehr richtig einschätzen, lebt zunehmend in ihrer Vergangenheit („ich war bei meiner Mutter“) oder fragt mich, ob ich in der Schule bin. Nach dieser langen Vorgeschichte jetzt mein Problem:
Die ganze Zeit hat sie tagsüber das Heim – es ist ein offenes Haus – zu Spaziergängen verlassen, ist im Ort herumgelaufen, zum Bäcker Kaffee trinken gegangen und brav wieder zurückgekommen. Das Heim hatte damit keine Probleme, und ich war anfangs erleichtert, weil sie auf die Art noch selbstbestimmt und mobil sein konnte, und in ihrem vertrauten Umfeld. Ende Mai nun hat sie eine Hinlauftendenz entwickelt und ist mehrmals in einen Bus eingestiegen, um „nach Köln“ (wo noch Geschwister gelebt haben) zu fahren oder nach Frankfurt. Zweimal wurde die Polizei eingeschaltet, einmal ist sie bis Hanau gekommen und wurde dort verwirrt im Hauptbahnhof in einem Reisebüro aufgegriffen. Es kam zu wiederholten Anrufen aus dem Heim, sie hätte schon wieder das Haus verlassen, sie ließe sich nicht zurückhalten, sie erhöbe die Hand und den Stock gegen das Personal. Sie könnten die Verantwortung nicht mehr übernehmen, sie würde sich selbst gefährden, sie müsse in eine geschlossene Einrichtung. Meine Mutter hat daran natürlich keinerlei Erinnerung. Meine Ermahnungen, auf keinen Fall in den Bus zu steigen, versteht sie im Augenblick zwar, ein paar Stunden später ist das aber vergessen.
Ich bin nun in heller Panik. Das Heim macht Druck, weil sie sie nicht unter Kontrolle halten können. Sie seien ein offenes Haus, können niemanden festhalten. Zum ersten Mal stellt sich mir die Frage nach der Haftung, wenn draußen etwas passiert. Ich bin dabei, eine neue private Haftpflicht mit höherer Schadensleistung für meine Mutter abzuschließen. Aber niemand konnte mir bisher sagen, ob so eine Versicherung im Schadensfall (worst case: meine Mutter verursacht Unfall mit Verletzten) wohl zahlt, aber Regress von mir fordert, weil ich sie in einem offenen Heim habe trotz bekannter Weg-/Hinlauftendenz? Eine Versicherung wird mir dazu keine Auskunft geben, da sie bekannterweise an Zahlungsminimierung interessiert ist. Eine Telefonberatung bei der Verbraucherzentrale brachte nichts, man empfahl mir einen Rechtsanwalt. Welcher Rechtsanwalt ist dafür zuständig? Familienrecht, Betreuungsrecht, Versicherungsrecht? Ich habe Beratung bei verschiedenen Stellen gesucht, Internet, Alzheimer-Stiftung, Caritas, Seniorenrathaus, Heimaufsicht (keine Auskunft ohne Angabe des Heims, wollte ich nicht, Repressalien befürchtet), Betreuungsgericht (machen keine Rechtsberatung), Verbraucherzentrale – ohne irgendwie weiterzukommen. In diesem Ausnahmezustand habe ich mich einverstanden erklärt, einen Beschluss auf Unterbringung in geschlossener Einrichtung zu beantragen. Das Heim argumentierte, damit hätte ich ja dokumentiert, dass ich Maßnahmen eingeleitet hätte, um mögliche Eigen- und Fremdgefährdung zu verhindern, wäre also auch nicht zur Verantwortung zu ziehen, weil ich meine Mutter in einem ungeeigneten Heim beließe.
Mir geht es damit aber nun ziemlich schlecht. Meine Mutter ist ahnungslos. Ich bekam den amtlichen Beschluss, dass nun eine Untersuchung eingeleitet wird. Inzwischen war bereits eine Sozialarbeiterin und auch eine Psychiaterin vom Gesundheitsamt bei meiner Mutter, ohne mich vorher zu informieren. Beide haben sich danach bei mir gemeldet, um auch „nochmal die Sicht der Angehörigen zu erfahren“. Beide hatten Verständnis für die „schwierige Situation“, betonten aber die fehlende Einsicht und das Verkennen der Realität meiner Mutter und die drohende Eigen- und Fremdgefährdung. Es gehen jetzt entsprechende Gutachten an den Richter. Ich will aber meine Mutter nicht einsperren lassen. Wie soll sie das verstehen? Das führt ja erst recht zu noch mehr Verwirrung und Aufregung. Und was für eine Klientel lebt in solchen geschlossenen Abteilungen? Jetzt hat sie ein schönes Zimmer für sich, wie soll sie dort leben mit Leuten, die vielleicht aggressiv sind oder ständig schreien? Weiß jemand, wie so ein Unterbringungsverfahren, also eine freiheitsberaubende Maßnahme, abläuft? Wenn so ein Beschluss kommt, muss ich sie dann sofort in so eine Einrichtung geben? In ganz Frankfurt, da habe ich mich schon erkundigt, gibt es solche Heime nicht mehr, da in Frankfurt die Richter nur noch ganz selten so etwas anordnen. Die Heime hätten daraufhin ihre geschlossenen Abteilungen aufgelöst. Es gäbe nur noch „geschützte“ Abteilungen, da können die Leute aber trotzdem raus. Ich will beim Betreuungsgericht nochmal anrufen, aber weiß hier jemand, wie sowas abläuft? Soll ich nochmal mit der Sozialarbeiterin sprechen? Gibt es andere Möglichkeiten, wie ich mit dem Problem umgehen kann. Kann ich das rückgängig machen? Wie kann ich meiner Mutter ersparen, dass sie jetzt gezwungenermaßen aus ihrer Umgebung raus muss, auf Zeit, da so ein Beschluss ja zeitlich begrenzt sein soll, danach wieder zurück – solche Ortswechsel sind doch Gift für Demenzkranke. Kann ich erwarten, dass das Heim ihr das Zimmer freihält während eines solchen Aufenthaltes in einer geriatrischen Psychiatrie? Die Ärztin vom Gesundheitsamt schlug vor, sie untersuchen zu lassen wegen einer möglichen medikamentösen Behandlung. Meine Mutter hat noch keine offizielle ärztliche Diagnose ihrer Demenz, nur den Pflegegrad aufgrund der Begutachtung des medizinischen Dienstes. Ich bin ziemlich durch den Wind und belastet, hoffe sehr, dass bei dem Wust von Fragen jemand etwas beantworten kann. Das Schönste ist: Im Moment hat sie keine Hinlauftendenz mehr, ist jeden Abend brav im Heim.

23.06.2019 | 17:20
sohn

Hallo Tochter Sylvia,

Ihr letzter Satz läßt auf Besserung hoffen; zumindest ist es bei meiner Mutter so, daß sie Phasen durchläuft und nach einer über Monate sehr nervenaufreibenden Zeit im Moment sehr friedlich und unproblematisch ist. Vielleicht /Hoffentlich haben Sie dasselbe Glück; es scheint fast so.

Ansonsten fragen Sie doch die Fachleute mal, ob die nicht mit ein paar geeigneten Mittelchen die Mutter vorübergehend auf Wolke sieben schicken können, sprich, sie ruhiger und zufriedener bekommen, damit sie brav da bleibt, wo sie hin soll. Das dürfte wesentlich einfacher und effektiver sein als den Bürokratieapparat zu durchlaufen.

Was Ihre Bemühungen um eine Erhöhung der Haftpflichtversicherungsdeckung angeht, bezweifle ich, daß die das jetzt noch annehmen, da ihr Risiko schon stark gestiegen ist. Normalerweise muß man VOR einer Risikoentstehung die Versicherung abgeschlossen haben. Auskunftsersuchen in dieser Richtung können Sie sich vermutlich getrost sparen; zwar hatte ich so einen Fall wie bei Ihnen noch nicht, bin aber in vielen anderen Angelegenheiten ziemlich erfolglos gegen die Wand gelaufen. Die Leute sitzen alle fest auf ihren Pöstchen und Posten (insbesondere in "Aufsichts"gremien), kosten uns als Beitrags- bzw. Steuerzahler eine Menge Geld, bringen aber nie das, was man braucht oder sich wünscht. Alles vergebene Liebesmüh'.

Was Sie konkret meinen, bisher falsch gemacht zu haben, erschließt sich mir nicht. Ich finde, Sie haben sich umfassend bemüht und tun das in Ihrer Macht Stehende. Dringend empfehlen möchte ich Ihnen noch, daß Sie SCHRIFTLICH dokumentiert festhalten, was Sie alles unternommen haben, um sich abzusichern, und da insbesondere auch die ANTWORTEN der verschiedenen von Ihnen eingeschalteten Stellen. Sollte es hart auf hart kommen, können Sie anhand dessen nachweisen, daß Sie sich umfangreich bemüht haben und von ganz vielen Stellen eben nichts Brauchbares gekommen ist.

Nach meinem bisherigen Erkenntnisstand aus meiner eigenen Situation möchte ich Ihnen ebenfalls empfehlen, sich damit abzufinden, daß Sie nicht das Nonplusultra für Ihre Mutter werden realisieren können. Sie tun also gut daran, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, daß Sie niemals eine so positive Situation für Ihre Mutter werden einrichten können, wie Sie es ihr wünschen. Jedenfalls handhabe ich das für mich so und seitdem geht es mir besser.

Schließlich haben wir uns alle ja auch damit abgefunden, daß wir gegen das immense Elend in der Welt (Hunger, Kriege, Umweltzerstörung usw.) nichts Nennenswertes ausgerichtet bekommen. Nur so läßt sich das Dasein ja überhaupt ertragen.

Also, Kopf hoch; ich glaube, (viel) besser als wie bisher können Sie es nicht machen, auch wenn Ihnen die Ergebnisse nicht genügen!

23.06.2019 | 20:50
hanne63

Hallo,
den Hinweis von Sohn, sicherhaltshalber sich Notizen zu machen, halte ich auch für sehr sinnvoll.

Ich schreibe inzwischen nach jedem Gespräch mit Behörden, Ärzten, etc....eine kurze Notiz für mich auf mit Datum, Uhrzeit, Namen des Gesprächpartners.....damit ich im Fall des Falles wenigstens etwas vorlegen kann.

08.07.2019 | 14:23
klauspawletko

Hallo Sylvia,
hinsichtlich der Haftpflichtversicherung kann ich Sie beruhigen. Wenn es denn eine gibt, ist die (was die Deckungssummen anbelangt) absolut ausreichend. Und Sie sind für einen möglichen Schaden nicht verantwortlich.
Ich möchte Ihnen empfehlen, nach Rücksprache mit dem Heim eine umfassende Diagnostik in einer Gerontopsychiatrie vornehmen zu lassen.
Daneben wäre es sicher hilfreich, sich nach zusätzlichen Betreuungs-/Beschäftigungsmöglichkeiten umzuschauen. Ich denke hierbei insbesondere an Spaziergänge, denn die "klassischen" Beschäftigungsangebote sind für Ihre Mutter ja aufgrund von Seh- und Hörbehinderung nicht geeignet.
Wenn Sie hierfür keine ehrenamtlichen Angebote finden, lässt sich vielleicht der eine oder die andere über eine Kleinanzeige finden, der solche Spaziergänge gegen eine kleine Aufwandsentschädigung machen würde.
Alles Gute wünscht

Klaus-W. Pawletko



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