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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wer kümmert sich, wenn Angehörige nicht wollen?
19.12.2019 | 22:51
Uschi_23

Hallo zusammen,

(sorry, das wird sehr viel Text aber ich muss mir einiges von der Seele reden; ihr müsst es nicht lesen, also bitte nicht beschweren).

ich war zu beschäftigt mich mal wieder zu melden. Es ist einiges passiert. Zunächst mal kurze Antworten:
@sonnenblümchen: Natürlich sind Brandmelder vorhanden. Man darf sich aber nicht zu sehr drauf verlassen, wenn im äußeren Umfeld nichts davon zu hören ist und der Demenzkranke auch noch (wie hier) schwerhörig ist.

@martinhamborg: Beratung beim Demenzkranken hilft nicht wirklich. Während des Gesprächs findet man Verständnis und Einsicht aber 5 min später kann er sich nicht mehr dran erinnern. In seinen Jacken und am Schlüsselbund habe ich Verweise auf meine eigene Telefonnummer angebracht, damit, wenn er aufgefunden wird, potentiellen Einbrechern kein Hinweis gegeben wird, wo man ungestört die Wohnung ausrauben kann. Es mussten schon mehrfach alle Schlösser ausgetauscht werden; besonders der Verlust der Autoschlüssel (ist schon länger her; er fährt kein Auto mehr) hat mehrere Hundert Euro gekostet.
Aktuell ist seit 2 Wochen die Brieftasche mit einer unbekannten Menge Geld verschwunden, einschließlich Personalausweis, Bankkarte (habe ich gleich sperren lassen), Gesundheitskarte, Schwerbehindertenausweis. Ich kann nur jedem empfehlen, dem Demenzkranken keine Originale mitzugeben, er ist ja normalerweise sowieso in Begleitung unterwegs. Ich kümmere mich derzeit besonders um die Neubeschaffung all dieser Ausweispapiere und ich kann sagen - obwohl ich ja überhaupt keine Vollmachten habe - dass nach anfänglichen Widerständen die Hilfsbereitschaft in den Ämtern vorhanden ist. Bei der Frage, ob ich ein gerichtlich bestellter Betreuer sei, antworte ich immer: „Nein, ein befreundeter Kümmerer“, das hilft.
Zettel habe ich reichlich - mit Klebeband befestigt - an exponierter Stelle angebracht. Da stehen alle Ansprechpartner mit Telefonnummern drauf (ja, er ruft bei Bedarf auch an); dass seine Frau gerade im Krankenhaus ist und er sich keine Sorgen machen muss; dass er seine Tabletten nicht suchen muss sondern er sie von seinen “Betreuern“ erhält. Wenn ich abends als Letzter die Wohnung verlasse (er ist nachts alleine und steht morgens alleine auf) hinterlasse ich einen festgeklebten Zettel in der Art: Guten Morgen, „Vorname“: Heute ist Mittwoch, der 18.12.2019, Herr Soundso kommt um 10:30 Uhr, er wird dir Mittagessen machen, um 15:30 Uhr fahren wir zu „Vorname“ ins Krankenhaus usw.
Das hilft ungemein, weil er sich merken kann, wo er die Information findet, auch wenn er alles wieder in 5 min vergessen hat. Klebeband ist wichtig, weil die Zettel sonst in der ganzen Wohnung verstreut sind. Der alte Zettel muss natürlich am Abend entfernt und ggf. ein neuer angebracht werden. Ich habe außerdem einen Einsatzplan (Excelliste) gemacht, wo jeder im Voraus eintragen muss, wer wann da ist, wer ggf. sich um das Essen kümmert und wer ihm die Tabletten verabreicht.

So, jetzt zu den Neuerungen.
Seine Frau (also unsere befreundete Nachbarin) ist sehr schwer krank. Ein aggressiver Krebs hat die Nerven teilweise zerstört; sie hatte unsägliche Schmerzen (es hat lange gedauert, bis die Ärzte ein wirksames Medikament gefunden haben), sie wird vielleicht nie mehr richtig laufen können (ich weiß das, weil ich auf ausdrücklichen Wunsch der Freundin beim Arztgespräch dabei war). Das heißt, Sie wird vielleicht auch nicht mehr in ihr altes Zuhause zurückkehren können, weil es dort z.B. steile, schmale Treppen gibt. Während der passiven Phasen der Chemotherapie wird sie deshalb jeweils in ein Kurzzeitpflegeheim kommen. Da kümmert sich das Krankenhaus drum. Das bedeutet: es muss sich neben des Kümmerns um den Demenzkranken die nächsten Monate wahrscheinlich jemand um eine neue Wohnung (mit)kümmern, sie wird Hilfe brauchen, wenn es um den Umzug; um den Verkauf des Hauses und des Autos geht, und... und... und.

Das heißt für mich, ich müsste mich jetzt um beide intensiv bemühen. Ich und mein Mann (er kann leider nicht viel beitragen, weil er selbst leicht behindert ist und z.B. kein Autofahren kann) haben uns die letzten Wochen praktisch ausschließlich um unsere Freunde gekümmert. Unsere eigenen Sachen sind größtenteils liegengeblieben, weil wir keine Zeit dafür hatten. Der Ausblick, was da die nächsten Wochen und Monate auf uns zukommen könnte ist schrecklich und raubt uns den Mut, so weiterzumachen. Natürlich möchten wir den beiden helfen; die Freundin tut uns unendlich leid, was sie alles mitmachen musste, aber wir schaffen das nicht mehr.

Dem Rat von hanne63 folgend habe ich heute eine Telefonaktion gestartet, deren Ergebnis ich hier kurz vorstellen will.

Der Sozialpsychiatrische Dienst beim Landratsamt hat sich für nicht zuständig erklärt, mich aber freundlicherweise direkt mit einer Mitarbeiterin beim Sozialmedizinischen Dienst verbunden. Diese hat sich wirklich sehr viel Zeit genommen und hat meine leisen Hilferufe wahrgenommen. Sie hatte sehr viel Verständnis für meine Situation, hat mich eindringlich davor gewarnt zu viel an mich reissen zu wollen und dass ich das nicht lange durchhalten könne.

Mir die Arbeit abnehmen konnte sie aber auch nicht. Sie hat aber dafür gesorgt, dass ich von der Seniorenberatung in meinem Wohnort angerufen wurde. Auch hier ein verständnisvoller Mitarbeiter, der die Sache analytisch angegangen ist. Wir sind so verblieben, dass die Freundin (in einer Phase wo es ihr besser geht) zunächst auf jeden Fall zum Abschluss einer 24-Std-Betreuung geraten/gedrängt? werden soll (ein Vertrag liegt ihr schon unterschriftsreif vor; sie scheut aber die hohen Kosten). Er hat auch gefragt, ob die Freundin das Sorgerecht für ihren Mann hat, was ich bejahte. Der Mitarbeiter meinte, Sie müsse einsehen, dass sie derzeit nicht in der Lage sei, das Sorgerecht auszuüben und dass man ihr klar machen müsse, dass nun ein gesetzlicher Betreuer zumindest auf Zeit eingesetzt werden müsse, der sich um die wichtigsten Sachen - natürlich auch unter Einschaltung entsprechender kostenpflichtiger Hilfen – kümmert. Er wird im neuen Jahr mit allen Beteiligten ein Gespräch führen, sodass dann Nägel mit Köpfen gemacht werden. Ich weiss, das wird unserer Freundin so nicht gefallen, weil hohe Kosten entstehen werden, aber das ist mir jetzt ehrlich gesagt auch egal, weil die Familie nicht arm ist. Er hat mich auch ausdrücklich davor gewarnt, mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen und irgendwelche Kostenvereinbarungen zu unterschreiben, nach dem Motto „Wer bestellt bezahlt.“ Wir haben nach Absprache mit der Feundin bis jetzt schon über 500 Eur an Rechnungen bezahlt und vorgeschossen, die sonst liegengeblieben wären (aber alles sauber dokumentiert). Der Demenzkranke hatte die Rechnungen schon für den Müll vorsortiert, aber Werbeblätter sollten wir der Freundin unbedingt mitnehmen.

Mir ist wichtig, dass ich hier endlich jemanden gefunden habe, der sich der Sache annimmt und ggf. auch entsprechende Behörden einschaltet. Die können sich dann auch gerne darum kümmern, die hilfeverweigernden Angehörigen in die Pflicht zu nehmen. Beide, sowohl die Dame vom sozialmedizinischen Dienst als auch der Herr von der Seniorenberatung haben mir versichert, dass ich jederzeit für weitere Hilfe anrufen könne.

Danke fürs Lesen und habt bitte Verständnis dafür, falls ich mich erst in ein paar Tagen wieder melde.

20.12.2019 | 08:43
hanne63

Guten Morgen Uschi_23,
es freut mich, dass Sie so viele Schritte weitergekommen sind.

Ich möchte noch den Hinweis geben, dass es manchmal für Aussenstehende nur so aussieht, als würden Angehörige die Hilfe verweigern.....in Wahrheit sind sie vorher nicht weitergekommen und gehen dann den Weg, der zur Einschaltung eines rechtlichen Betreuers durch das Betreuungsgericht führt.
Viele Grüße



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