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DAS WEBLOG

Sexualität und Demenz

Maria Tölle am 09.07.2012, 00:00 | 1 Kommentar

In unserer Gesellschaft ist Sexualität im Alter noch immer ein Tabuthema. Es wird selten darüber gesprochen und ist mit Peinlichkeit behaftet. Die Realität sieht jedoch oft ganz anders aus.

Damals war ich völlig entsetzt, als die hoch betagte Mutter eines Freundes splitternackt und völlig unerwartet in unsere Geburtstagsfeier platzte. Peinlich berührt kicherten wir über die Situation, der Gastgeber lief hochrot an, so schämte er sich für seine Mutter.

Zehn Jahre später war meine eigene Mutter durch ihre fortgeschrittene Demenz sexuell enthemmt und  berichtete mir völlig aufgelöst immer wieder von Erlebnissen, die ich als Tochter überhaupt nicht von ihr hören wollte. Waren das Fantasien oder wahre Erlebnisse oder eine Verquickung aus beidem? Sie konnte es mir nicht mehr sagen, sie wusste nicht mehr, wem sie was erzählte. ….und: es passte auch so überhaupt nicht zu ihr. Als junge Mutter war sie früher völlig anders: prüde und verklemmt und genauso hatte sie uns erzogen.

Während meines Einsatzes  in  der Gerontopsychiatrie der Landesklinik  waren alle Patienten in ihrer Demenz weit fortgeschritten und desorientiert. Die meisten von ihnen hatten die anerzogenen moralischen Werte längst „über Bord geschmissen“ wussten nicht mehr, ob sie verheiratet waren. Einige flirteten in ihrer „eigenen, inneren“ Welt ungeniert mit Pflegepersonal und anderen Patienten, liefen Händchen haltend über den Flur.

Als zwei von ihnen morgens eng umschlungen in einem Bett schlafend vorgefunden wurden, während ihre Inkontinenzmaterialien auf dem Boden lagen, waren die diensthabenden Pflegekräfte aufs Äußerte schockiert und meinten, die beiden dafür bestrafen und belehren zu müssen.
Entblößt wurden sie im Gemeinschaftsraum vorgeführt und laut lachend verhöhnt. Ich fühlte mich ins tiefste Mittelalter zurück versetzt, als vermeintliche Straftäter öffentlich angeprangert wurden. Und das in einer Zeit, wo man doch meinen sollte, dass spätestens seit Sigmund Freud allgemein bekannt sein sollte, dass sowohl die körperliche als auch die emotionale Liebe zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen zählen.

Diese hier geschilderten Beispiele zeigen, dass der Umgang mit Sexualität zwar zum Pflegealltag gehört, aber immer noch tabuisiert und oftmals auch fehlinterpretiert wird. Statt dass wir die Befriedigung eines Grundbedürfnisses ermöglichen - oder zumindest behilflich sind, die Voraussetzungen dafür zu schaffen - können oder wollen wir das gar nicht wahrhaben. Es stehen uns Pflegekräften dafür keine Pflegeminuten zur Verfügung und den Bewohnern fehlen die Rückzugsmöglichkeiten.

Sexualität bleibt weiterhin in den meisten Fällen ein Tabu-Thema, wird ignoriert oder fließt zu Unrecht als Problem in Pflegeplanungen ein, statt es als Ressource wahrzunehmen.

Sexualität ist nicht immer der Wunsch nach Geschlechtsverkehr. Es ist oftmals vielmehr das Verlangen nach körperlicher Nähe, Liebe, Trost und Zärtlichkeit und dem damit verbundenem Gefühl von Halt und Geborgenheit  in einer Lebensphase, die von zunehmenden Ängsten bei Verlusterfahrungen und Orientierungslosigkeit geprägt ist. Krankheitsbedingte Störungen von Impulskontrollen und Veränderung der Moralbegriffe werden oft als Verhaltensstörungen und Charakterschwächen missverstanden. Mehrbettzimmer, offene Türen und „subjektiv interpretierte“ Schilderungen in Pflegeplanungen und Verlaufsberichten widersetzen sich dabei jeglichem Anspruch auf Wahrung von Intimsphäre und Selbstbestimmung. Für mich sind das elementare Missachtungen der Grundrechte.

Da stellt sich mir die Frage, wer die größeren Probleme mit Sexualität bei Demenz, Krankheit und Behinderung hat: die zu Betreuenden oder wir Pflegekräfte?

Informationen zur Autorin:

Maria Tölle lebt in Ostwestfalen-Lippe, ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie arbeitet als freiberufliche Altenpflegerin für den Verein Alt und Jung Süd-West e. V. im "Bielefelder Modell" und ist dort neben ihrer Pflegetätigkeit mitverantwortlich für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz. Als Kursleiterin Pflege schult und begleitet sie Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegekräfte. Maria Tölle hat vor ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin jahrelang ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zuhause gepflegt und betreut.

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1 Kommentar

Elke Keck am 26.05.2014, 19:04 Danke für den Artikel - werde ihn teilen

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