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Eine Schwester bereitet die Untersuchung für eine Kernspintomographie vor. Ihre Kollegin sitzt in einem Vorraum und bearbeitet Unterlagen

Fixierung und andere freiheitsentziehende Maßnahmen

Für die meisten Menschen ist es eine furchtbare Vorstellung, wenn Manschetten die Bewegungsfreiheit von Händen und Füßen einschränken, wenn ein Bauchgurt, ein Schlafsack oder ein „Bettgitter“ das Verlassen des Bettes unmöglich machen, wenn Medikamente den Antrieb, den Willen oder die Kraft rauben.

Rechtliche Grundlagen für eine Fixierung

Vereinzelte Skandale in Kliniken und Heimen haben das Bewusstsein und die Rechtsprechung geschärft und Pflegekräfte und Ärzte für das Thema Fixierung sensibel gemacht. In Heimen werden Fixierungen durch die Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft. In vielen Regionen beauftragen Betreuungsrichter zudem nach dem „Werdenfelser Weg“ einen Verfahrenspfleger, der Pflegekräfte berät, wie eine Fixierung vermieden werden kann. Viele Ideen dazu wurden in dem Forschungsprogramm „REDUFIX“ zusammengetragen, das auch im Krankenhaus bekannt sein sollte.

Betreuungsverfahren muss Fixierung genehmigen

Ein Betreuungsverfahren setzt folgende Schritte voraus: Ein Gutachten von einem Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie, einen Besuch durch einen Sozialarbeiter der Betreuungsbehörde oder Betreuungsstelle, einen Besuch durch den Richter und gegebenenfalls durch einen Verfahrenspfleger.

Zur Gefahrenabwehr oder wenn eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht, gilt der „rechtfertigende Notstand“. Eine solche Fixierung muss spätestens am nächsten Werktag durch den Betreuer oder das Betreuungsgericht überprüft werden. Dabei wird auch geklärt, ob sich diese Maßnahme wiederholen könnte und damit ein Betreuungsverfahren eingeleitet werden muss. In dem Informationsbogen können Sie festlegen, ob Sie in schwierigen Situationen informiert werden wollen.

Auch als betreuender Angehöriger oder gesetzlicher Betreuer mit einer entsprechenden Vollmacht dürfen Sie nicht einfach eine Fixierung veranlassen oder vornehmen. Hier gilt – gemäß einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 2012 – ebenfalls der „Genehmigungsvorbehalt“ des Betreuungsgerichts. Dieses prüft, ob die Vollmacht rechtmäßig erteilt wurde und ob eine Fixierung fachlich erforderlich ist. Allein die Gefahr eines Sturzes reicht heute den meisten Gerichten nicht mehr, denn für die Vorbeugung eines Sturzes sind andere Maßnahmen sinnvoller als eine Fixierung.

Freiwillige Sicherungsmaßnahme oder Fixierung

Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung: Ein Bettgitter kann vor einem Sturz aus dem Bett schützen und manche Menschen wünschen dies ausdrücklich. Zu einer Fixierung wird es, wenn zum Beispiel infolge eines Delirs der Drang besteht, das Bett zu verlassen. Das Bettgitter schränkt dann die Bewegungsfreiheit ungewollt ein.

Ein Sonderfall sind Sicherungsmaßnahmen bei unwillkürlichen Bewegungen: Ein epileptischer Anfall (in Folge der Demenz) unterliegt nicht der Willensbildung. Wenn dies ärztlich begutachtet und behandelt wird, verzichten die Betreuungsgerichte auf ein Betreuungsverfahren.

Psychopharmaka-Einsatz sorgfältig abwägen

Ärzte setzen Psychopharmaka ein, um „psychomotorische Unruhe“ zu behandeln. Diese kann sich in Umherlaufen, Räumen, Rufen und vielen anderen herausfordernden Verhaltensweisen zeigen. Vor der Behandlung gilt es, die Ursachen für die Unruhe abzuklären – darunter körperliche Krankheiten, (unerkannte) Schmerzen, Depressionen, Ängste oder Panikattacken, Wahnvorstellungen oder psychotisches Erleben.

Bei der Therapie sollte dann das Psychopharmaka die letzte Möglichkeit darstellen. Im Mittelpunkt steht die Heilbehandlung und nicht die Freiheitseinschränkung. Hier können Angehörige mit ihrem Wissen und ihrer Beobachtung dem Arzt helfen. Denn die Wahl des richtigen Medikamentes setzt eine genaue Beobachtung des Kranken und das Erkennen seiner Gefühle voraus.

Für Ärzte ist es eine Gratwanderung zwischen der Behandlung von Krankheit und Symptomen und dem, was im Volksmund als „sedieren“, „chemische Keule“, „ruhigstellen“ oder „medikamentös abschießen“ bezeichnet wird. Informieren Sie die Pflegenden und den Arzt, wenn Ihnen Ihr Angehöriger nach der Einnahme solcher Medikamente apathisch oder verwirrter vorkommt.

Fixierungen als zusätzlicher Stressauslöser

Menschen mit Demenz vergessen krankheitsbedingt den Grund, warum sie im Bett bleiben müssen. Auch die Warnfunktion von Schmerzen kann durch die Demenz gestört sein. Zugänge in die Venen, Sonden, Drainagen oder Verbände werden daher oft als unangenehme Fremdkörper wahrgenommen, wie auch die Verbände, die vor dem unabsichtlichen Herausziehen schützen sollen.

In solchen Situationen kann es dann zu Panikattacken oder Ohnmachtsgefühlen kommen, die wiederum schlimme Erinnerungen oder existenzielle Ängste hervorrufen. Kriegserlebnisse oder andere traumatische Erfahrungen werden in der demenzbezogenen oder akuten Verwirrtheit ganz real wahrgenommen. Ein solcher Stress sollte mit allen Mitteln vermieden werden.

Pflicht zur Sicherheit versus Recht auf ein allgemeines Lebensrisiko

Ärzte, Angehörige und Betreuer stehen immer wieder vor dem ethischen Dilemma zwischen den Freiheitsrechten und Schutzinteressen demenzkranker Menschen. In den Krankenhäusern besteht die Sorge vor Stürzen oder anderen Komplikationen und den sich daraus ergebenden Regressforderungen. Die aktuelle Rechtsprechung geht in die Richtung, dass ein Sturzrisiko als Grund für eine Fixierung nicht ausreichend ist und stärkt so das Recht auf ein allgemeines Lebensrisiko. Bei der ethischen Bewertung einer Fixierung spielen auch die Einstellungen, Gedanken und Gefühle der Angehörigen eine wichtige Rolle. Sprechen Sie alles an, auch um spätere Schuldgefühle zu vermeiden, wenn es zum Beispiel zu einem Sturz gekommen ist.

Noch strenger werden juristisch die Fragen nach Zwangsmedikation und verdeckte Medikamentengabe durch „Untermischen“ betrachtet. Ergänzend stellt sich hier besonders die Frage: Werden Medikamente abgelehnt, weil sie zu groß sind, schlecht schmecken oder das Schlucken beeinträchtigt ist?

Weitere Informationen:

„Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen im häuslichen Bereich“:
In diesem Heft wendet sich die Stadt München dem schwierigen Thema zu und gibt Informationen für die Häuslichkeit. Die Rechtsvorschriften werden kurz zusammengefasst (Seite 37) und Checklisten geben viele Anregungen für die Vermeidung einer Fixierung (Seite 43 ff). Eine Liste von Fragen hilft bei der Einschätzung der Entscheidungsfähigkeit (Seite 58) und ein Musterformular für das Betreuungsgericht (Seite 60)
Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen im häuslichen Bereich
(PDF, 292 kB - nicht barrierefrei)

„Fixierung“: In der PDF der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung werden die Fragen gestellt, wie ein problematisches Verhalten bewertet werden kann, um eine Fixierung zu vermeiden, und welche Fragen als „Maßnahmen im Vorfeld“ getroffen werden können. Eine kleine Tabelle gibt Anregungen zum Umgang bei einer „Weglauftendenz“, die sich allein daraus ergeben, wenn der Mensch mit Demenz als „Hinläufer“, „Spaziergänger“ oder „Flüchtiger“ betrachtet wird.
Deutsche Expertengruppe Dementenbetreuung e. V. - Veröffentlichungen

Leitlinie FEM (Freiheitssentziehende Maßnahmen): Eine kurze übersichtliche Einführung und viele Hintergrundinformationen zum „Werdenfelser Weg“ gibt die Internetseite der Pflegewissenschaftlichen Universitäten in Hamburg, Lübeck, Witten und Halle. Einen umfassenden wissenschaftlichen Überblick vermittelt eine Leitlinie zur Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen in der Altenpflege. Unter strengen wissenschaftlichen Kriterien werden die bewährten Maßnahmen zusammengestellt und zumeist als nicht „evident“ bewertet, weil es zum einen noch zu wenig Studien gibt und zum Anderen die Vermeidung von Fixierungen individuelle Kreativität in der Kombination vieler Maßnahmen und Ideen erfordert.
Die Initiative zur Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen in der beruflichen Altenpflege - Startseite der Leitlinie FEM

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