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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Nach Kurzzeitpflege rausgeschmissen
15.03.2018 | 11:52
ANNE1980

Hallo,

mein Vater (80) ist an Demenz erkrankt. Bis Anfang des Jahres hat ihn meine Mutter zuhause gepflegt. Mein Vater hat keine weiteren körperlichen Leiden. Er kann noch gut laufen, spielt noch Klavier. Er war bereits 8 Wochen in einer Gerontopsychiatrie, wo er medikamentös eingestellt werden soll- er hat immer eine innerliche Unruhe. Er war ungefähr 10 Wochen in der Psychiatrie und sie haben alle möglichen Medikamente ausprobiert. Er wurde dann mit Melperon und Mementin entlassen. Seit drei Wochen ist er nun in einem Heim zur Kurzzeitpflege mit Option zur Langzeitpflege. Seit er dort ist, wurde uns immer wieder berichtet, dass er aggressiv gegenüber dem Personal und den anderen Mitbewohnern ist und sogar handgreiflich wird. Meiner Mutter oder mir hat er noch nie etwas angetan, was aber natürlich auch nichts heißen muss. Mein Vater irrt nachts durch das Heim und geht dann versehentlich in andere Zimmer und wird dann böse und auch manchmal handgreiflich. Die anderen Bewohner haben mittlerweile auch Angst vor meinem Vater.
Von Anfang an hatten meine Mutter und ich das Gefühl, dass das Heim für Demenzkranke nicht optimal ist; wenig Beschäftigungsangebote und zum großen Teil Personal, das nicht speziell auf Demenz geschult ist. Die Kurzzeitpflege geht noch bis 21.03 und zugesichert war uns eigtl. ein Platz bis mindestens Mitte Mai.
Die Medikation ist diese Woche nochmal verändert worden, aber ich glaube, das bald gar nichts mehr hilft, um meinem Vater etwas ruhiger zu bekommen. Ich bin definitiv kein Fan von diesen Medikamenten, da sie die noch vorhandenen Skills von meinem Vater herabsetzen, aber wenn er sein Aggressivität dadurch verlieren würde, wäre das ok. Mein Vater wird auch meist nur aggressiv, wenn er keine Aufgabe hat ( er spielt in dem Heim noch Klavier, hilft beim Tischdecken und sortiert Geschirr oder sowas).Mein Vater bräuchte eigentlich eine 1 zu 1 Betreuung, aber die kann man sicher nirgendwo gewährleisten. Entschuldigung, ich schweife immer ab.
Das Heim hat uns heute mitgeteilt, dass wenn die neue Medikation nicht anschlägt über das Wochenende, dann muss mein Vater da raus und in eine geschlossene psychiatrische Klinik.
Wie sein Vater, der damals vor 30 Jahren mit dem Demenz in eine psychiatrische Klinik kam, da man sich damals auch nicht zu helfen wusste. Und 30 Jahre später gibt es dann immer nur diese Möglichkeit? Oder gibt es Alternativen? Wie sieht es eigtl mit Cannabinoiden bei Demenz in Deutschland aus?

Vielen Dank für Ihre Hilfe und entschuldigen Sie, dass ich immer wieder abschweife, aber ich bin gerade etwas aufgewühlt.

15.03.2018 | 13:41
Jutta60

Hallo Anne,
alle, die hier schreiben, kennen die Grenzsituation, in der Sie sich gerade befinden, sehr gut. Deshalb brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen ...
Ihr Vater hat ja einiges mitgemacht, die Erinnerung an die Krankheit des eigenen Vaters, Psychiatrie und jetzt Pflegeheim. Bei meiner Mutter haben die Medikamente und der Umzug ins Heim auch zu einem ganz starken Abbau geführt. Allerdings wurde sie ruhiger dadurch. Wir haben in der Zeit, in der sie in der Psychiatrie war, ein Heim gesucht, das mit Demenzkranken umgehen kann. Wahrscheinlich müssen Sie da ansetzen. Wenn Sie ein gemischtes Heim wählen, wird es wahrscheinlich keiner der beiden Gruppen - den "normalen" alten und gebrechlichen Menschen und den Dementen - gerecht. Haben Sie denn eine Möglichkeit, die Dauer einer neuen Suche zu überbrücken, vielleicht nicht mit der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie? Vielleicht haben Sie das Heim nach Erreichbarkeit ausgesucht, aber das sollte nicht das Hauptmerkmal sein. Bei meiner Mutter gibt es auch Demente, die ihr Zimmer nicht mehr finden, Aggressionen, ich habe auch schon erlebt, wie sich 2 alte Damen nichts schenkten und sich gegenseitig versuchten, mit den Rollatoren abzudrängen. Bisher hat das Personal diese Sachen gut in den Griff bekommen.
Zu den Medikamenten kann ich nichts sagen. Auch meine Mutter bekommt sehr starke Neuroleptika. Der Arzt ist nicht sehr gesprächig und klagt immer, ich würde zuv iel lesen. Ich habe auch schon an Cannabis gedacht, finde aber wenig darüber.
Sie werden sicher noch mehr Ideen hier bekommen, alles Gute für Sie und Ihre Eltern!

15.03.2018 | 15:28
klauspawletko

Hallo Anne,
haben Sie schon einmal über eine sog. Demenz-WG nachgedacht?
So, wie Sie die Symptomatik Ihres Vaters beschreiben, kann ich mir gut vorstellen, dass so eine WG - wenn es denn eine gute ist! - für ihn geeignet wäre. Dort gibt es immer etwas zu tun, Personal ist rund um die Uhr ansprechbar und in der Regel geht es auch mal nach draußen (Begleitung zum Einkaufen, Spazieren gehen etc.).
Auf der Seite:
wg-qualitaet.de
finden Sie Adressen von speziellen Beratungsstellen, die Ihnen bei der Suche behilflich sein können.
Ich drücke die Daumen, dass etwas für Ihren Vater dabei ist.
Alles Gute wünscht

Klaus-W. Pawletko

27.03.2018 | 10:08
martinhamborg

Hallo ANNE1980, zunächst interessiert es mich, wie es mit Ihrem Vater weitergegangen ist!
Zwei Fragen möchte aufgreifen:
Zu Cannabis bei Demenz gibt es erste Forschungen, aber über erfolgreiche Heilversuche habe ich aktuell noch nichts gehört. Wir werden uns spätestens dann mit dem Thema auseinandersetzen müssen, wenn jahrzehnte lange "Cannabis-user" in die Heime kommen. Wenn Schmerz eine Ursache des Verhaltens ist, gibt es auch Alternativen. Haben Sie die Frage in dem Forum Prävention, Diagnose und Therapie gestellt?

In den letzten 30 Jahren hat sich einiges verändert. Es gibt heute keine Langzeitkliniken mehr. Auf der anderen Seite wurden in vielen Regionen eine "besondere Dementenbetreuung" eingeführt, in der das "Gehen in fremde Zimmer" und andere Eigenheiten nicht so sehr als Störung wahrgenommen werden, weil Demenzkranke unter sich sind. Ein Pianist ist da sicher eher gern gesehen, als in traditionellen Heimen, die eine Heimordnung und keine "Heimunordnung" haben.
Haben Sie sich schon über diese Angebote informiert? Dabei ist es nicht die wichtigste Frage, ob ein Heim geschlossen ist, viel wichtiger ist die Frage nach dem Demenzkonzept und der Kultur der Einrichtung oder WG.
Ihr Martin Hamborg

03.02.2020 | 10:00
anne19801

Hallo,

nun das Update, zwei Jahre später: Nachdem mein Vater aus der Kurzzeitpflege geschmissen wurden, wurde er per Krankentransport zunächst wieder in die Klinik gebracht. Mein Vater fiel dort nicht weiter aggressiv auf. Nach einigen Wochen der Medikamenteneinstellung hat meine Mutter beschlossen, ihn wieder zuhause aufzunehmen, da sie es nicht weiter ertragen konnte, ihn so leiden zu sehen. Mein Vater freute sich sehr und tanzte gleich durch das ganze Haus.
Seitdem ist er zuhause und grundsätzlich zufrieden. Er spielt nach wie vor noch Klavier ohne Noten, aber leider ist er immer öfter verzweifelt, da er manche Sachen nicht mehr so kann wie früher, aber grundsätzlich geht es ihm gut. Meine Mutter ist großartig, wie sie das alles handhabt und mit welcher Liebe und Fürsorge sie meinem Vater begegnet, ist einfach grandios. Natürlich stößt sie auch oft an ihre Grenzen und ich frage mich warum es nicht mehr Hilfen, besonders auch finanzielle Hilfe gibt, so dass meine Mutter sich auch mal mehr Freizeit gönnen kann, indem sie noch mehr Betreuungsassistenten beschäftigen kann? Nur meiner Mutter ist es zu verdanken, dass mein Vater noch so fit ist und sie nimmt ihn überall mit, z.B. Einkaufen, Treffen mit Freunden.

08.02.2020 | 14:48
martinhamborg

Hallo Anne, danke für das update und allen Respekt für das was Sie in der Familie leisten. Die Liebe der Ehefrau kann man in keinem Heim ersetzen und die innere Getriebenheit kennt Ihr Vater vielleicht schon von früher? In den nächsten Jahren werden vielleicht mehr darüber erfahren, ob so etwas wie die ADHS auch im Alter einen Einfluss hat.
Aber Klavierspielen wird auch echte Therapie, digitale Modelle und Kopfhörer ermöglichen da im Zweifel auch eine sinnvolle Beschäftigung ohne Nebenwirkungen nach außen. Wir machen sehr positive Erfahrungen mit Kopfhörern und wenn sich Ihr Vater jetzt daran gewöhnen kann, hilft dies später.

Für die gute Stimmung in der Familie könnten Sie vielleicht noch eine Lichttherapie-lampe ausprobieren. Das helle Licht schützt auf natürlichem Weg vor Depressionen, die in Folge der Demenz und der 24-Stunden-Anspannung nicht selten sind.

Ihr Vater wird vielleicht noch davon profitieren, dass politisch weitergedacht wird, wie der Entlastungsbetrag für pflegende Angehörigen unbürokratischer als Budget genutzt werden kann. Ihr Vater kann leider von Kurzzeit- und Tagespflege nicht so profitieren. Über andere Betreuungsleistungen im Rahmen der Leistungen der Pflegekassen haben Sie sich sicher schon gut informiert, ansonsten empfehle ich unser Forum zu gesetzlichen Leistungen.
Alles gut weiterhin, Ihr Martin Hamborg



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