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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Wie reagieren?
05.01.2019 | 13:44
Ela

Hallo,
meine Mutter ist 82 Jahre alt, Witwe, und dement. Die Demenz wurde vor rund sechs Jahren fest gestellt. Es wurde immer schlimmer - alles verlegt, Schlüssel weg geworfen etc. - bis meine Schwester und ich sie vor einem Jahr in einem Seniorenheim angemeldet haben. Mit ihrem Wissen und ihrem Einverständnis. Sie hat gemerkt, dass sie es alleine in der Wohnung nicht mehr schafft und wir ihr nicht helfen können. Wir sind beide berufstätig. Seit Mai 2018 ist sie im Altersheim. Seit sie in das Heim umgezogen ist, hat sich für meine Begriffe die Demenz verschlechtert.
Sie hat Phantasien oder Träume, die für sie wahr sind. Beispielsweise war mein verstorbener Vater bei ihr Zimmer und sie weiß nicht warum er da war oder was er wollte. Jeder zweite Satz bei ihr ist: "Ich verstehe das alles nicht mehr."
Vor drei Tagen hat sie mich richtig geschockt: Ich hatte die Woche frei und wollte sie zum Spazierengehen abholen. Als ich in das Zimmer kam, saß sie auf dem Sofa und hat mich voller Panik angeschrieen: "Woher weißt Du, dass ich hier bin?" Sie wusste überhaupt nicht, wo sie war , warum ihre Kleider und Möbel in dem Zimmer sind und dass ein junger Mann da war, der ihr Kaffee und Kuchen gebracht hat. Er habe auch zu ihr gesagt, dass sie nicht in dem Zimmer wohnen würde. Ich habe ihr gesagt, dass ich nach dem jungen Mann schauen würde. Sie hat mich angefleht, nicht wegzugehen, weil sie sonst niemals hier raus käme. Mein Tante kam dazu und ich bin zu dem jungen Mann, ein Pfleger. Sie hatte zu ihm gesagt, sie käme aus dem Krankenhaus und habe keine Ahnung, was sie hier mache. Er sagte, ich sollte mir keine Sorgen machen, der Zustand könnte sich schnell wieder normalisieren. So war es dann auch, nach dem Spazierengehen war alles wieder gut.

Was ich mich Frage: Wie kann man einen dementen Menschen aus seiner panischen Angst raus holen, ihn beruhigen? Das mit dem Ablenken, in dem Fall Spazierengehen, kann ja auch einmal nicht funktionieren. Was dann? Ganz ehrlich: dieser Moment, wo sie mich voller Verzweiflung angesehen und mich angefleht hat, sie mitzunehmen, hat mich fertig gemacht. Können solche "Panik-Attacken" länger anhalten? Was dann? Mir macht das auch Angst.

Liebe Grüße

Ela

07.01.2019 | 08:07
Jutta60

Hallo Ela,
bei meiner Mutter habe ich das auch so beobachtet: jede Veränderung in ihrem Leben brachte einen Demenzschub. Aber deshalb brauchen Sie die Entscheidung, Ihre Mutter in einem Heim betreuen zu lassen, nicht zu hinterfragen. Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Für meine Mutter war diese Zwischenphase auch die schlimmste Zeit: sie merkte genau, dass etwas nicht mehr stimmte und konnte vieles einfach nicht mehr einordnen. Und ja, das macht Angst, auch mir hat es große Angst gemacht, das zu sehen. Meine Mutter hatte so starke Wahnvorstellungen, dass sie Medikamente bekam. Das ist aber nicht unbedingt notwendig, wenn es gelingt, sie irgendwie abzulenken. Denn diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Aber die Möglichkeit besteht immerhin.
Meine Mutter hatte übrigens die schlimmsten Halluzinationen, die sich bis zum Wahn steigerten, als sie noch allein lebte. Im Heim ging es besser, weil sie mehr Leute traf und abgelenkt wurde. Vielleicht war die Phase dann aber auch vorbei. Meine Mutter wurde ruhiger, wenn ich mit ihr in ihrem Dialekt sprechen konnte. Sie kam aus Baden und verbrachte ihre letzten Monate bei mir im Rheinland in einem Heim.
Sprechen Sie doch auch einmal mit dem Neurologen, der Ihre Mutter behandelt oder wenigstens mit dem Arzt, der die Diagnose gestellt hat, was er für Vorschläge hat. Alles Gute für Sie und für Ihre Mutter!

07.01.2019 | 11:54
svenjasachweh

Hallo Ela,
es gibt schon eine ganze Menge an Strategien, wie man Menschen mit Demenz Angst nehmen und sie beruhigen kann: Nur leider gibt es bei keiner davon eine Erfolgsgarantie!
Grundsätzlich gilt es, auf verbalem und nonverbalem Weg Verständnis für ihre Gefühle auszudrücken: "Das kann ich verstehen, dass dir das Angst macht!" Widersprechen und argumentieren Sie besser nicht, wenn Ihre Mutter vom Besuch Verstorbener erzählt, denn das vergrößert die Aufregung.
Nehmen Sie Ihre Mutter in den Arm, oder halten Sie ihre Hand, wenn das zu Ihrer Beziehung passt. Schaukel- oder Schunkelbewegungen haben oft eine sehr beruhigende Wirkung.
Jede Art von Ablenkung kann im Einzelfall erfolgreich sein: Das Spazieren, wie Sie es beschrieben haben (vor allem, wenn das Ziel etwa ein Spielplatz ist, auf dem man Kinder beobachten kann, oder wenn man sich auf den Weg macht, ein Tier zu streicheln), das gemeinsame Singen, das Schwelgen in schönen Erinnerungen (oder auch mal das gemeinsame Schimpfen über die Zumutungen und Enttäuschungen, die einem das Leben präsentiert hat). Manch einer lässt sich dadurch trösten und ablenken, dass man ihm ein Lieblingsessen (beispielsweise eine Süßigkeit, ein Gebäck) aus Kindertagen mitbringt. Auch die Bitte um Rat und Hilfe bei Dingen, die die Erkrankten früher gut konnten, funktioniert zuweilen.
Grundsätzlich können körperliche Probleme wie eine Unterzuckerung, Flüssigkeitsmangel oder auch ein Harnwegsinfekte Aufregung, Ängste, Halluzinationen auslösen oder verschlimmern - es lohnt also, auf diese Aspekte regelmäßig ein Auge zu haben.
Manche Menschen mit Demenz haben leider das Pech, dass Alpträume und Ängste von ihrem kranken Gehirn selbst dann generiert werden, wenn sie 24 Stunden, rund um die Uhr, eine Betreuungsperson in ihrer Nähe haben. Ihnen kann man dann oftmals leider nur mit der Gabe von angstlösenden Medikamenten zu etwas Ruhe verhelfen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald einen für Sie gangbaren Weg finden!

S. Sachweh

13.01.2019 | 11:18
Ela

Jutta60 und svenjasachweh: vielen Dank für die Rückmeldung. Ich glaube ich bin auf einem guten Weg, was die Kommunikation mit meiner Mutter angeht. Hilfe habe ich auch durch meinen Hund: den nehme ich jetzt nahezu immer mit - den liebt sie heiß und innig. Einen Tipp gab mir auch ein Kollege, dessen Mutter dement war und der diese Panikattacken kennt: Er hat zu seiner Mama gesagt: Du bist hier auf Erholung, weil es dir schlecht ging. Und er meinte noch, nicht Widersprechen, das bringt nichts. Vergangene Woche hat sie wieder erzählt, dass sie nicht weiß, wo sie ist. Sie meinte, sie sei im Krankenhaus - da hat sie jahrzehntelang als Stationsschwester geredet. Dann hat sie das Schneechaos in Bayern - ich nehme mal an, sieh hat das im Fernsehen gesehen - als Grund gesehen, dass sie momentan woanders leben muss. Ich hab nicht widersprochen und sie war schnell wieder im Jetzt. Nächste Woche kommt der Neurologe ins Heim und wird sie sich nochmal anschauen. Dann werden wir weitersehen. Eines muss ich an dieser Stelle noch loswerden: Die Ratgeberseiten sind hervorragend, dafür vielen, vielen Dank. Im Innersten wusste ich vieles, hab aber auch sehr, sehr viel falsch gemacht, hab meiner Mutter immer widersprochen, war ungeduldig, wofür ich mich jedesmal nach einem Besuch geschämt habe. Das habe ich zum größten Teil abgelegt. Ich fühle mich viel besser und meine Mutter auch, das merke ich. Danke dafür und ich werde dabei bleiben und weiter um Rat suchen, wenn mal wieder die Demenz fort schreitet. Liebe Grüße Ela



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