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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Stundenweise nach Hause holen ?
06.01.2019 | 11:10
Finetta

Meine Mutter lebt seit einem Jahr in einem Pflegeheim. Nach einem schweren Sturz, wurde die Diagnose Darmkrebs und eine schwere frontal Demenz festgestellt. Sie zeigt auch Verhaltensauffälligkeiten.
Mittlerweile hat sie sich nach der Bettlägerigkeit, und dem Untergewicht wieder gut erholt. Sie fängt auch wieder an zu laufen mit Hilfe eines Rollators.
Nun stellt sich für mich die Frage, macht es Sinn sie für ein paar Stunden zu holen. Oder wird sie dann gar nicht mehr zurück wollen, weil sie sehr an mir hängt.
Das führt auch teilweise dazu das meine Mutter den ganzen Morgen nach mit ruft, obwohl ich erst nach der Arbeit vorbeischauen kann.
Neuerdings will sie auch nur alleine am Tisch essen, schreit und heult los, wenn sich anderer Mitpatienten an den Tisch setzt.
Auch löst irgendein ein Verhalten der männlichen Pfleger eine alte Erinnerung aus, das sie in ein Kinderheim käme. Wir haben noch nicht herausgefunden, was die Ursache ist.
Deshalb ist die Frage ob es überhaupt Sinn macht meine Mutter ein paar Stunden zu holen.
Die Pflegeberatung bleibt bei ihrer Einschätzung von Juni das sie dort bleiben sollte.
Im Moment habe ich auch den Eindruck, das so eine Art psychologische Betreuung gut wäre für meine Mutter.
Vielleicht hat jemand so ähnliche Erfahrungen gemacht.

06.01.2019 | 14:09
klauspawletko

Hallo Finetta,
Sie scheinen Ihre Mutter ja (fast) täglich zu besuchen. Das ist mehr als Mütter normalerweise erwarten dürfen. Ich vermutle auch, dass eine stundenweise Herausnahme aus der Einrichtung eher negative Auswirkungen hätte.
Hilfreicher wäre zu versuchen die Ursachen bzw. Anlässe für das ängstliche und abweisende Verhalten der Mutter heraus zu finden.
Erfahrene Gerontopsychiater , die zudem noch Besuche in Einrichtungen machen, dürften allerdings schwer zu finden sein.
Vielleicht können Sie sich mit dem Pflegepersonal verständigen, über einen gewissen Zeitraum eine systematische Beobachtung der schwierigen Sitationen
vorzunehmen und diese dann in einer Fallkonferenz mit dem behandelnden Neurologen/Psychiater zu besprechen.
Angesichts der Belastung des Personals kein leichtes Unterfangen, aber einen Versuch wert.
Haben Sie schon einmal probiert, über mehrere Tage die Mutter nicht zu besuchen? Unter Umständen könnte auch dies einen Versuch wert sein, in der Hoffnung, dass sich Ihre Mutter dann vielleicht wieder den anderen Bewohnern und dem Personal zuwendet..
Soweit erst einmal meine Gedanken dazu. Ich bin gespannt, ob andere Forumteilnehmer aus der eigenen Erfahrung etwas beisteuern können.
Beste Grüße von Klaus Pawletko

07.01.2019 | 07:25
martinhamborg

Hallo Finetta, auch ich schließe mich der Einschätzung von Klaus an, dass Sie wirklich sehr viel für Ihre Mutter tun. Wenn Sie Ihre Mutter zu sich holen, beinhaltet dies viele Risiken.

Wie gut wurden Sie über die Krankheiten Ihrer Mutter informiert?

Hat Ihre Mutter infolge des Darmkrebses Schmerzen oder andere unangenehme Gefühle? Gibt es Probleme mit der Kontinenz?

Die sogenannte frontotemporale Demenz stellt ganz andere Anforderungen an die Betreuung und Pflege, als die Alzheimer Demenz, weil die Gehirnbereiche, die Gefühle steuern und kontrollieren erkrankt sind. Es ändert sich oft die Persönlichkeit und Beeinträchtigungen der Sprache verstärken das "Vokalisieren". Auf der anderen Seite bleiben die Orientierung und andere Fähigkeiten noch länger erhalten.

Wenn Ihre Mutter morgens nach Ihnen ruft, kann es also sein, dass sie ihre Impulse einfach nicht mehr steuern kann und dafür Unterstützung durch die Pflegenden braucht. Im Unterschied zu anderen Demenzerkrankungen kann da eine freundliche und geduldig ermahnende Realitätsorientierung noch lange hilfreich sein. Kann Ihre Mutter noch umsetzen, wenn z.b. ein Foto bereit liegt, von Ihnen mit einem Zeitfenster, wann Sie kommen?

Wichtig ist es, an einer sinnvollen Erklärung aller Beteiligter zu arbeiten, sodass Ihr Mutter das Gefühl hat, es meinen alle gut mit ihr, auch wenn die Beteiligten die verloren gegangene Selbstkontrolle durch kleine klare, stoppende Gesten oder Formulierungen ersetzen und nicht so validieren, wie es sonst bei Menschen mit Demenz richtig ist.

Wenn die Pflegenden den Eindruck haben, Ihre Mutter meint es nicht so, sie will nicht stören, kann sich aber nicht mehr kontrollieren, hilft es vielleicht die Situation zu entspannen.
Schreiben Sie uns doch bitte, welche Erklärungsversuche und welchen Umgang Sie mit den Pflegekräften besprochen haben, damit wir an dieser Stelle gemeinsam weiterdenken können.
Ihr Martin Hamborg

07.01.2019 | 07:51
Jutta60

Hallo Finetta,
meine Mutter litt an einer Lewy-Körper-Demenz und war auch in einem Pflegeheim. Ich habe sie dort jeden Tag besucht, alles ging so rasend schnell, ich bin froh, dass ich so gehandelt habe. Ihr Leben ging innerhalb von 9 Monaten nach der Diagnose zu Ende. Insofern bin ich nicht der Meinung von Herrn Pawletko: wenn Sie das Gefühl haben, ihre Mutter sehen zu wollen, dann würde ich das auch tun.
Nun zu Ihren Beobachtungen und meinen. Meine Mutter hatte auch eine Phase, in der sie niemand am Tisch haben wollte. Da ich berufsbedingt jeden Tag erst zum Abendessen kommen konnte, habe ich sie gefragt. Sie hat mir gesagt, der Platz wäre für meinen Vater, der gleich käme (er war zu diesem Zeitpunkt bereits 5 Jahre tot, das hatte sie vergessen). Meine Mutter hatte allerdings nur wenige Persönlichkeitsstörungen. Sie glaubte sich einfach daheim und wollte den Tisch nicht mit fremden Personen besetzt haben. Essen Sie denn mit? Lässt Ihre Mutter Sie mit am Tisch sitzen? Kontakt zu anderen Betreuern oder Mitbewohnern nahm meine Mutter nie auf, obwohl sei ein Leben lang ein sehr zugewandter Mensch war und die Begegnung mit anderen Menschen liebte. Sie zog sich einfach in sich zurück und lebte in ihrer eigenen Welt, zu der wir keinen Zugang mehr fanden. Ich habe sie auch nicht zu mir nach Haus geholt, weil jede Veränderungen ihr Angst machte und ihren Zustand weiter bzw. schneller verschlimmerte. Wenn sie rief, konnte ich sehr genau erkennen, ob sie das aus Gewohnheit machte oder wirkliche Angst hatte. Das schafft man aber nur, wenn man eine gute Bindung zu dem Menschen hat und Zeit. Das Pflegepersonal konnte das nicht, aus Zeitmangel usw.. Wir haben uns dann darüber ausgetauscht und so ging es ganz gut. An einem anderen Tisch in der Gruppe meiner Mutter gab es Unstimmigkeiten, weil ein Bewohner immer vom Teller der Nachbarn Essen nahm. Auch da gab es dann oft Geschrei. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute!

07.01.2019 | 21:20
Finetta

Vielen Dank für die Antworten,
Doch über die Krankheiten wissen wir schon viel, wenn wir nicht so gekämpft hätten, wäre sie schon längst nicht mehr am leben.
Darum möchte ich täglich vorbeischauen, weil die Ärzte auch klar gesagt, haben das sie vielleicht noch ein zwei Jahre hat.
Nein, Schmerzen scheint sie keine zu haben. Das kann meine Mutter auch nicht äußern. Die letzten Untersuchungen waren soweit okay, kann sich aber jederzeit ändern.
Die Inkontinenz ist weniger geworden, die Beine sind dünner geworden, weil sie viel mit ihren Füßen macht,
Ich denke eher das sie etwas zu munter für die Station ist. Im Gegensatz zu den anderen macht meine Mutter ständig Fortschritte, selbst die Hausärztin war vor Weihnachten überrascht, das sie fast normal wirkte.
Wir haben ein Gespräch mit der Pflegeleitung, vielleicht können wir dann ein par Dinge ansprechen.
Aber es sind die schlechten Erfahrungen aus ihrem Leben, die hochkommen, das merkt man schon.
Das Personal versucht schon mit milden aber strengen Ton, das sie aufhört.
Nein, normalerweise sollen die Angehörige nicht mit am Tisch sitzen, aber die handhaben das sehr locker. Es kommen auch andere Angehörige, die aber ihren Angehörigen mit rausnehmen.
Im Moment ist die Stadion aber auch mit vielen schwierigen Fällen belegt.
Und es ist auch irgendein Verhalten eines Pflegers der unbewusst Ängste in ihr hervorgeholt hat. Aber es hat noch keiner herausgefunden, was es war. Das kann sie einfach nicht richtig äußern.
Und es sind auch nur bestimmte Pfleger die sie nicht mag.
Gut, dann hole ich meine Mutter besser nicht nach Hause. Ich habe schon den Eindruck, das sie glaubt sie wäre gar nicht so krank.
Ob meine Mutter ein Zeitfenster hat, bin ich mir nicht so sicher, weil mal schätzt sie die Zeit richtig ein, mal nicht.
Wir werden wie sich das weiterentwickeln.

09.01.2019 | 17:25
martinhamborg

Hallo Finetta, es hört sich so an, als wenn sich die Situation etwas entspannt hat.
Eine Bemerkung zu dem "Zeitfenster": Die Frage ist , ob Sie Ihre Mutter zur möglichst gleichen Uhrzeit oder in einem Zeitfenster (zwischen 16:00 und 16:30) besuchen können. Wenn Ihre Mutter nach Ihnen ruft, bekommt sie eindeutige Informationen, oft übernehmen das dann auch Mitbewohner. Besser ist, wenn sie die Information bekommt, bevor sie nach ihnen ruft.

Hilfreich kann auch sein, wenn der Mitarbeiter der Ängste auslöst, täglich mehrfach kurze positive Kontakte zu Ihrer Mutter gestaltet und darauf achtet, ob sich so die Ängste oder Antipathien ändern.
Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

12.01.2019 | 13:19
Finetta

Leider war das Gespräch nicht so gut. Die Stationsleitung möchte die Bedarfsmedikation selber festlegen. Das wurde von unserer Familie abgelehnt, weil wir wollen nicht das sie ruhig gestellt wird. Das würde unsere Bemühungen des vergangenen Jahres über den Haufen werfen, weil sie gerade das Laufen wieder entdeckt.
Denn alle sagen das ist erst seit zwei Wochen so schlimm, und gestern bei der Beschäftigung, war sie völlig unruhig. Das hat sie schon lange nicht mehr gehabt.
Darum wurde ein Termin bei der Neurologin vereinbart, um den Wert der Medikation zu überprüfen.
Mit den Ergotherapeuten und Physiotherapeuten arbeitet meine Mutter allerdings sehr gut zusammen, da gibt es kein Theater.
Ich bin eigentlich immer fast zur gleichen Zeit da, aber ich werde es jetzt einschränken, weil das möchte die Stationsleitung.
Ansonsten will ich nach einer anderen Lösung suchen. Wenn meine Mutter etwas zu tun hat, wie vergangene Woche die Weihnachtssachen wegräumen, dann ist sie völlig ausgeglichen.
Meine Mutter war so krank in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres, da kann jetzt auch nicht die Lösung sie ruhig zu stellen.

14.01.2019 | 08:46
martinhamborg

Hallo Finetta, den Gedanken zum "Ruhig stellen" möchte ich gern aufgreifen:
Die Bedarfsmedikation hat sich in Heimen sehr verändert, jede Gabe muss nachgewiesen und dokumentiert werden, dazu sollte auch der Bedarf und die Wirkung beschrieben werden, sodass der Arzt über Wirkung und Nebenwirkung informiert wird.

Eine mögliche unerwünschte Nebenwirkung kann eine Sedierung sein, Ihre Mutter wäre zum Beispiel zeitweise oder dauerhaft schlechter ansprechbar oder aktivierbar.

Können Sie nachfragen, wie der Bedarf definiert wird, wann und wie oft Ihre Mutter diesen bekommt und wie er wirkt. Dies setzt natürlich veraus, dass Sie zu den Mitarbeiter*innen und der Leitung (wieder?) Vertrauen haben. Ist dies nicht der Fall, können Sie immer die Heimaufsicht einschalten, die dann in einer anlassbezogenen Prüfung kontrollieren kann, ob mehr Medikamente ausgegeben wurden, als nachweisbar ist. In einem Schritt vorher können Sie auch die Heimaufsicht beratend hinzuziehen, ob Ihre Mutter gut versorgt ist und welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt.
Ich erlebe oft, dass die Bedarfsmedikation nicht ausgeschöpft und ausgewertet wird und deshalb zur früh hochdosiert wird.

Die Diskussion über ein "Ruhig stellen" haben wir eher dann, wenn dauerhaft Psychopharmaka höher dosiert werden. Bei einer frontotemporalen Demenz ist die medikamentöse Behandlung allerdings sehr schwierig, vielleicht können Sie Ihre Fragen in das Forum Prävention, Diagnose und Therapie einbringen?
In jedem Fall wünche ich Ihnen einen guten Dialog mit oder ohne direkte Unterstützung von außen.
Ihr Martin Hamborg

14.01.2019 | 20:56
Finetta

Hallo Herr Homberg,
der Bedarfsmedikation haben wir nicht zugestimmt.
Wir wollen die Kontrolle behalten, und machen uns die Mühe regelmäßig bei den Ärzten Termine zu vereinbaren.
Das war in den Krankenhäusern auch schon zu.
Die beste Lösung ist im Moment der Termin bei der Neurologin, weil mir auch noch andere Kleinigkeiten aufgefallen, wie das Verwechseln der Namen der Bewohner.
Ich hoffe das wir endlich ein EEg von den Gehirnströmen machen können, das hat bisher überhaupt nicht funktioniert. Weil das überfällig ist, aber wir denken meine Mutter hat ein Trauma von den Krankenhäusern.
Am Anfang waren Ärzte kaum machbar, jetzt geht es etwas , aber manche Dinge will meine Mutter nicht.
Wir werden sehen wie sich das entwickelt.

20.01.2019 | 19:46
martinhamborg

Hallo Finetta, ich wünsche Ihnen natürlich sehr, dass möglichst wenig Medikamente nötig sind und möglichst viele Pflegekräfte einen Zugang finden, wie die Therapeuten, bei denen sich Ihre Mutter offensichtlich gut aufgehoben fühlt.

Ist es möglich, dass sich Ihre Mutter mit bestimmten Aufgaben selbst beschäftigen kann? Können die Therapeuten in diese Richtung arbeiten?
Wenn Pflegekräfte oder Angehörige diese Aufgaben als Eigenübungsprogramm unterstützen müssen, könnte sich das auch auf den Pflegegrad auswirken. Im Modul 5 wären dann bei täglichen Übungen 10 Punkte mehr möglich.
Ihnen weiterhin viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg



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