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Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie"

Bild: Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie" Die Diagnose Demenz wirft viele Fragen auf. Hätte die Erkrankung verhindert werden können? Ist sie therapierbar? Und worauf sollte man bei der Behandlung achten? Im Ratgeberforum „Prävention, Diagnose und Therapie“ geben zwei Experten Antworten: Dr. Marc Lässer, Neuropsychologe und assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sektion Gerontopsychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, moderiert das Forum zusammen mit Dr. Elmar Kaiser. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitete er bis Anfang 2012 die Gedächtnisambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.

Autor Wie kann ich meine Mutter dazu bringen, mit einem Arzt über Gedächtnisprobleme zu sprechen?
04.02.2019 | 04:04
Bartleby

Ich mache mir doch sehr starke Sorgen über meine Mutter, 74 Jahre alt.

Zur Situation: Meine Mutter lebt alleine und leidet wohl auch unter Einsamkeit. Meine Schwester lebt in Schweden, ich in Australien. Ich rede mit meiner Mutter ca. einmal pro Woche am Telefon.

Meine Mutter hat mehrere Probleme. Sie kann nur sehr schlecht laufen, hat oft Gliederschmerzen, ist sehr motivationslos, möglicherweise depressiv. Sie trinkt auch ca. 1 Flasche Wein pro Tag.

Was mir aber am meisten Sorgen macht, ist ihr Gedächtnis. Sie hat quasi meine gesamte Kindheit und Jugend vergessen, was sie auf die unglückliche Beziehung zu meinem Vater schiebt. Sie hat aber auch Probleme, sich Dinge zu merken, die doch etwas Gewicht haben und erst kurze Zeit zurückliegen.

Einige Beispiele:

-Sie hat sich gestern nicht mehr an die Namen der Söhne ihrer besten Freundinnen erinnert.

-Sie hat nach einer Woche schon vergessen, dass ich ihr über den Tod und die Beerdigung der Kusine meiner Frau erzählt habe.

-Vor zwei Jahren habe ich, um zu verhindern, dass meine Mutter ständig ihr gesamtes Geld für den Monat, ihren Reisepaß und ihren Personalausweis in ihrer Handtasche mit sich herumträgt, den Paß und einen Teil des Geldes in einen Schrank gelegt. Den Ort habe ich ihr gezeigt. Am nächsten Tag hatte sie diese Aktion völlig vergessen und war sehr erschrocken, dass Geld und Pass fehlten.

Dieses Jahr hatte sie schon drei Autounfälle. Sie sagt, ohne Auto könnte sie nirgendwo hin kommen. Aufgrund ihrer Gehschwäche verstehe ich das, ich mache mir aber doch Sorgen über sie und die anderen Verkehrsteilnehmer. Vor zwei Jahren habe ich ihren Fahrstil beobachtet. Sie ist unglaublich egoistisch im Straßenverkehr und tut so, als ob es nicht auch andere Verkehrsteilnehmer gäbe, bzw. das Verkehrsregeln nicht für alte Leute gelten.

Ihren Papierkram hält sie auch nicht mehr in Ordnung. Vor zwei Jahren ging es ja noch, aber jetzt wirft sie glaube ich, alle Briefe nur noch auf einen Haufen und vergisst den Inhalt. Sie hat sich z.B. geweigert, ihre Steuererklärung zu machen, weil sie eh nichts mehr findet und ihr das alles zu kompliziert ist.

So weit, so schlecht. Dieses Jahr fliege ich wieder zu ihr hin. Ich habe ihr schon sehr oft gesagt, sie solle doch mal mit einem Arzt über ihr Gedächtnis reden. Sie macht das aber nicht. Wenn ich ihr erkläre, dass das doch besser sei, damit sie noch eine Weile selbständig wohnen kann, kommen so seltsame Ausreden wie: "Andere alte Leute sind doch noch viel schlechter drauf"

Was soll ich nur tun? Meine Schwester ist nicht sehr interessiert, sie weigert sich, zu akzeptieren, dass der Zustand meiner Mutter Anlass zur Sorge gibt. Mein Onkel, also der Bruder meiner Mutter, hat auch eher abgewinkt, dass er was tun kann. Naja, der ist ja auch ein alter Mann und hat seine eigenen Sorgen.

Wie kann ich meine Mutter dazu bringen, wenigstens mal mit einem Arzt über die Situation zu reden? Vor zwei Jahren habe ich schon versucht, ihr wenigstens ein paar Ideen zu geben, wie sie ihr Leben etwas besser gestalten kann und mit dem schlechten Gedächtnis umzugehen.
Hat aber wohl nicht sehr viel gebracht.

Gibt es überhaupt etwas, was ich in den drei Wochen, die ich sie besuchen werde, bewirken kann?

Oder muss ich gar in den sauren Apfel beißen, Arbeit und Frau zurücklassen und in Deutschland auf meine alte Mutter aufpassen? Ich kann ja nicht so einfach abwarten, bis sie eines Tages einfach nicht mehr mit dem Alltag fertig wird und dann etwas Schlimmes passiert.

Über Hilfsvorschläge wäre ich überaus dankbar.




[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 04.02.2019 um 04:19.]

04.02.2019 | 14:12
Wissenssucherin

Hallo Bartleby,

das ist ja eine vertrackte Situation, in der du da steckst. Das Ganze ist so schon schwierig genung und dann auch noch aus dieser Entfernung...

Ob ich dir irgendwie helfen kann weiß ich nicht, vielleicht kann ich einfach ein paar Denkanstöße geben- was dir daraus zusagt, nimm dir raus und den Rest ignorier einfach! ;)

Eine Abklärung halte ich für unbedingt notwendig, ob es jetzt Demenz (welche Form davon auch immer), Depression, alkoholabhängig oder ganz etwas anderes ist, auf jeden Fall scheint massiver Handlungsbedarf gegeben.

Wenn ein anderes Familienmitglied das Problem nicht sieht (passiert leider oft, ich nenne das die "Kopf-in-den-Sand Haltung - was ich nicht sehe, das ist nicht da...) ist das natürlich für dich sehr schwer - ich hab die Erfahrung gemacht, dass nach einem Arztbesuch ein sachlicher Befund, wo schwarz auf weiß steht, was Sache ist, oftmals größeren Eindruck macht, als alles Erzählte von einem selbst...

Zum Arzt: Erste Anlaufstelle ist meist der Hausarzt. Der verweist einen in der Regel dann weiter an einen Facharzt. Bei uns war es so, dass uns zu einem Termin beim Psychiater geraten wurde. Wir leben aber auch am Rande der Peripherie; je nachdem wo du wohnst, gibt es Gedächtnisambulanzen und Sonstiges. (Meine Schwiegermutter wurde dann vom Psychiater sofort weiterverwiesen auf eine gerontopsychiatrische Station zur Abklärung). Ich weiß nicht, wie das in Deutschland funktioniert, aber wenn du nur 3 Wochen Zeit hast und tatsächlich einen Versuch wagst, würd ich das im Vorhinein abklären und gegebenenfalls gleich einen Termin vereinbaren. Sprich das Thema, deine Sorgen und deinen Zeitmangel gleich an, versuch dich nicht abwimmeln zu lassen. Möglicherweise kannst du gleich einen Termin beim Facharzt ergattern? Erkläre deine Situation, vielleicht hast du Glück und gelangst an eine einfühlsame Person am anderen Ende der Leitung! :)

Was die Verweigerung des Arztbesuchs angeht - aus deinen Schilderungen schließe ich, dass deine Mutter überfordert zu sein scheint, den Inhalt von Briefen richtig zu erfassen, gehe ich recht in dieser Annahme?
Als bei uns bezüglich Arztbesuch beim Psychiater einfach nichts funktionierte griff ich zu folgender Notlösung, in der Post war ein "Brief von der Versicherung" (hatte ich gemacht) in dem stand, dass ein Arztbesuch fällig sei, begründet als eine Art stichprobenartige Untersuchung, die routinemäßig durchgeführt werde - bei Nichteinhaltung werde die Rente/Pflegegeld gekürzt. Mag drastisch klingen - hat aber wunderbar funktioniert. Natürlich habe ich den Brief mit meiner Schwiegermutter gemeinsam gelesen und habe mich gehörig mit ihr zusammen darüber empört, was das denn solle, so ein doofer Arztbesuch, das sei ja wohl eine Frechheit - aber das gekürzte Geld wäre schon schlimm, da müsse man halt in den sauren Apfel beißen... ;) Solidarität hilft!
Wie es bei deiner Mutter ist, weiß ich nicht, aber meine Schwiegermutter dreht am sprichwörtlichen Rad, wenn sie weiß, dass so ein Termin ansteht, was für sie enorm stressig und eine große Belastung ist (Angst verstärkt die Symptome) und ist Tage vorher ein nervliches Wrack und gereizt und fertig und... - und du/ihr Umfeld dann natürlich auch. Solltest du tatsächlich zu so einem Versuch ansetzen wäre es möglicherweise hilfreich, wenn der Termin eben schon steht und du möglichst kurzfristig davon berichtest. Du könntest ja vereinbaren, den Termin für sie zu machen, da du ohnehin noch Arbeit beim Computer machst und die Nummer viel schneller rausfinden kannst und ja - vielleicht hast du ja "Glück" und einen Termin am nächsten/übernächsten Tag "ergattert"? ;)

Zum Prozedere des Arztbesuches: Ich kann deine Situation aus der Ferne nicht beurteilen, aber bei meiner Schwiemu ist es so, dass ich unbedingt bei jedem Arztbesuch mit hinein zum Arzt gehe - einfach deswegen, weil es sonst unmöglich ist, zu wissen, was da drinnen tatsächlich besprochen worden und vorgefallen ist. Meine Schwiegermutter vergisst das auch alles und konfabuliert dann die wildesten Sachen zusammen - vom Unterschreiben einer Patientenverfügung (was nie auch nur irgendwie angesprochen wurde vom Arzt) angefangen bis zu sie müsse jetzt 8 Wochen ins Krankenhaus und dann auf Reha... - Schau, dass du unbedingt mit hinein kannst, wie sollst du sonst wissen, was der Arzt tatsächlich gemacht hat und was, wie besprochen und vereinbart wurde. Sollte dir das aus welchen Gründen auch immer nicht möglich sein, könntest du, wenn du den Termin vereinbarst gleich einen im Anschluss für dich selber vereinbaren; ich habe die Erfahrung gemacht, dass Ärzte leider oftmals nicht bereit sind, spontan bzw überhaupt Auskünfte ohne Termin zu geben. Also musst du vielleicht, sollte es deiner Mutter spanisch vorkommen, "wenn du schon mal in Deutschland und zufällig beim Psychiater bist" nochmal schnell selber rein zum Arzt, um etwas abzuklären, du machst dir nämlich große Sorgen um einen Freund da drunten in Australien, der Probleme hat und du brauchst kurz eine Auskunft....

Das mit dem Autofahren ist so eine Sache, ob deine Mutter jetzt tatsächlich Demenz hat oder nicht, das rücksichtslose Fahrverhalten kenne ich von meiner Schwiegermutter auch und liegt oft an der schlichtwegen Überforderung und Überflutung von Reizen und das nicht in der Lage sein, auf spontane Gegebenheiten adäquat zu reagieren. Da das Ganze ein sehr sensibles Thema ist (stellt es doch das Wegnehmen eines riesengroßen Teiles von Selbstbestimmung und Selbständigkeit dar), ist es vielleicht gut, eine Abklärung beim Arzt abzuwarten - meiner Schwiegermutter wurde auf der gerontopsychiatrischen Station sofort nahegelegt, sie solle das Autofahren sein lassen. Mangels Krankheitseinsicht glaubte sie immer, sie dürfe bald wieder fahren, sie habe ja nichts und fieberte darauf hin. Darauf sprach ich mit ihrem Hausarzt, der in ihrer Weltanschauung eine "Instanz" ist und der teilte ihr das nochmal mit - begeistert war sie nicht, aber sie hörte auf ihn - von Ärzten (Pfarrern? Nachbarn? Guten Freunden? Vertrauenspersonen? Wer ist in deiner Mutters Welt eine Respektsperson/Instanz?) kann man vieles leichter akzeptieren als von Fammilienmitgliedern...

Nicht zuletzt - hat deine Mutter in der Umgebung ein "Netz"? Bezugspersonen? Jemandem, mit dem du reden kannst, der sich vielleicht nach Erklärung der Situation bereit erklärt, ein wenig nach ihr zu schauen und im Bedarfsfall Kontakt mit dir aufnimmt? Bei Erledigungen hilft? Solche Personen müssen mit großer Sorgfalt ausgewählt werden, braucht es doch jede Menge Vertrauen in diese, bzw. großes Einfühlungsvermögen und Verständnis ihrerseits, wenn deine Mutter "seltsame" oder "unangebrachte" Sachen macht - aber solche Engel gibt es tatsächlich, vielleicht hast du ja Glück und weißt so jemanden.

Und ich würde dir unbedingt raten, dich an eine Beratungsstelle und/oder Selbsthilfegruppe zu wenden. Einerseits um konkrete Hilfestellungen und Info zu bekommen und andererseits für dich und deine Seelenhygiene. Die Situation ist sehr belastend und darüber reden/schreiben zu können, seine Unsicherheiten, Ängste und das (meist völlig unbegründete) schlechte Gewissen anzusprechen und mit jemandem teilen zu können, hilft ungemein in solch schwierigen Situationen.

Vielleicht hast du ja irgendeine Anregung gefunden. Ich wünsch dir auf jeden Fall viel Kraft! LIebe Grüße und dir und deiner Mutter alles Gute

[Dieser Beitrag wurde 3mal bearbeitet, zuletzt am 04.02.2019 um 14:20.]

05.02.2019 | 09:09
Bartleby

Vielen Dank erstmal für die ausführliche Antwort und die Mühe, die damit verbunden war.

Der Gedanke, meine Mutter auszutricksen, gefällt mir natürlich gar nicht, aber womöglich wird mir gar nichts anderes übrig bleiben. Momentan mag sie ja noch alleine leben können, aber sehr viele Jahre wird das bestimmt nicht so bleiben. Ich denke, ich sollte die Zeit bei ihr nutzen, um ein paar Sachen in die Wege zu leiten, für den Fall, dass meine Mutter nicht mehr alleine leben kann.

Die Namen von Beratungsstellen in Siegen habe ich mir bereits herausgesucht. Da kommt ja ganz schön was auf uns zu.




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