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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Emotionale Erpressung
08.03.2019 | 16:57
Zimt

So hart es klingt, aber ich fühle mich mittlerweile wie ein Sklave meiner dementen Mutter. Noch lebt sie allein in einer Seniorenresidenz. Ich schaue bei ihr mehrfach die Woche für mehrere Stunden vorbei, wenn ich es mit meiner Arbeit einrichten kann oder keine eigenen Termine habe.

Eine Ehrenamtlerin unternimmt einmal die Woche etwas mit ihr, an der läßt sie kaum ein gutes Haar. Wenn sie sich ansagt, muß ich mit Engelszungen reden, daß meine Mutter sie empfängt.

Darüber hinaus geht sie seit Kurzem zur Ergotherapie. Aber auch das lehnt sie ab wie alles, was man ihr anbietet. Über den Ergotherapie-Termin will sie jeden Tag diskutieren. Ich habe dazu auch schon mit der Therapeutin gesprochen. Dort allerdings sagt sie, es würde ihr Spaß machen, sie käme gerne. Mir dagegen liegt sie täglich mit dem kompletten Gegenteil in den Ohren. Was sind das für Spielchen?

Physiotherapie hat sie nach wenigen Terminen abgebrochen, die in ihrer Residenz angebotenen Aktivitäten nimmt sie ebenfalls nicht mehr wahr.

Stattdessen bombardiert sie mich (manchmal schon von 6 Uhr morgens an) mit unzähligen Anrufen, beklagt sich über Gott und die Welt, in erster Linie aber über mich, die sich in ihrer Vorstellungswelt nicht um sie kümmert. Auch wenn wir uns fast jeden Tag sehen, behauptet sie, ich ließe mich ewig nicht blicken. Darüber hinaus benutzt sie mich permanent als Klagemauer und Fußabtreter für ihre schlechten Launen und Boshaftigkeiten.

Darüber hinaus versucht sie dann, mich mit fadenscheinigen Vorwänden zu sich zu zitieren. So zieht sie schon manches Mal Stecker aus der Wand und behauptet, dieses oder jenes Gerät funktioniere nicht o.ä.

Ich spüre, daß sie nur Kontakt zu mir aufnehmen will. aber kann sie denn erwarten, daß ich permanent für sie zur Verfügung und zu Diensten stehe?

Ich bin fast am Ende, vor Tagen hatte ich schon einen Kreislaufkollaps. Den guten Rat, sich Unterstützung zu holen, habe ich ja befolgt, aber auch das führt nur zu Frustration und Ablehnung seitens meiner Mutter und entlastet mich daher auch nicht. Ich könnte ihre Anrufe ignorieren, aber das möchte ich nicht, weil ich immer denke, es könnte ja doch etwas Wichtiges sein. Auch wenn ich versuche, möglichst freundlich zu sein, so schafft es meine Mutter immer wieder, mich zu provozieren.

Macht hier jemand Ähnliches durch oder hat einen Rat, wie ich damit umgehen kann? Ich habe in meinem Leben immer pragmatisch und lösungsorientiert gehandelt, aber hier weiß ich nicht mehr weiter.

Vielen Dank im Voraus!

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 08.03.2019 um 17:09.]

09.03.2019 | 10:25
jochengust

Hallo Zimt,

der Druck unter dem Sie stehen wird deutlich. Tatsächlich ist die Annahme, dass sobald der pflegebedürftige Angehörige im Pflegeheim ist die Sorge aufhört, ein weit verbreiteter Irrtum.

Da Sie bereits sogar körperlich leiden, rate ich Ihnen dringend entsprechend Hilfe zu suchen und anzunehmen - nur für sich selbst. Das könnte z.B. in Richtung Psychotherapie sein o.a. Formen haben die Sie darin unterstützen, sich etwas abzugrenzen.

Zu Ihrer Sorge, es könnte etwas sehr Wichtiges sein, wenn Ihre Frau Mutter anruft. Natürlich sind Ihrer Mutter die Dinge wichtig. Aber es klingt auch danach, als hätten Sie nicht wirklich Vertrauen zu der Senioren-Residenz. Vielleicht suchen Sie dort auch einmal das Gespräch. Denn Sie sollten sich darauf verlassen können und dürfen, dass Sie bei ganz wesentlichen Vorfällen sofort benachrichtigt werden. Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass man Ihre diesbezügliche Sorge ernst nimmt, können Sie vielleicht zumindest in dieser Richtung etwas loslassen.

Weiter rate ich ganz praktisch zur Anschaffung eines Anrufbeantworters bzw. zur Einrichtung einer entsprechenden Voicebox über den Telefonanbieter. Das erspart Ihnen zunächst das (längerwierige, vorwurfsvolle) Gespräch. Anhand der Nachricht und dem was beschrieben wird, können Sie dann vielleicht auch besser einschätzen, ob eine sofortige Aktion Ihrerseits wirklich notwendig ist. Und müssen auch nicht vor sechs Uhr morgens ans Telefon gehen, sondern können die Nachrichten vielleicht nach der ersten Tasse Kaffee abhören. Dies als ganz praktischen Ratschlag. Sie können auch - nur für Notfälle für das Pflegeheim, eine zweite Nummer vergeben z.B. über ein Prepaid-Handy.
Allerdings - jede Maßnahme die Ihnen hilft langfristig für Ihre Mutter dazusein müssen Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich durchsetzen und durchhalten.

Alles Gute wünscht

Jochen Gust

09.03.2019 | 19:14
Zimt

Vielen Dank für die freundliche Antwort!

Meine Mutter wohnt in einem betreuten Wohnen, d.h., sie lebt dort ganz selbständig in einer eigenen Wohnung. Im Haus gibt es einen Sozialstützpunkt, der allerdings nur werktags von 08:30-16:30 besetzt ist. Sie unterstützen auch bestmöglich, so hat meine Mutter mit deren Hilfe innerhalb von 2 Wochen einen Pflegegrad erhalten. Sie stehen den Bewohnern auch mit Rat und Tat zur Seite, aber den größten Teil des Tages sind die Bewohner auf sich gestellt. Nach meiner Einschätzung hat meine Mutter unendliche Langeweile, die sie auch frustriert, und sie sieht in mir dann Gesellschafterin und Blitzableiter in einer Person. Wie schon gesagt, erfindet sie sogar Vorwände, damit ich zu ihr komme. Wenn ich dann bei ihr bin, stellt sich das meistens als gegenstandslos heraus. Ich weiß, daß Demente ein hohes Maß an Kreativität besitzen können, um ihre Defizite zu kaschieren oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Meine Mutter ist eine wahre Meisterin darin.

Meine Versuche, ihr Zerstreuung zu verschaffen, scheitern immer wieder, weil sie alles ablehnt.

Über eine Mailbox habe ich auch schon nachgedacht, aber aus persönlichen Gründen nicht realisierbar. Mittlerweile stelle ich, wenn ich arbeite, mein Handy auch auf stumm und lege es außer Sichtweite. Wenn ich nicht reagiere, versucht sie es eben alternativ bei meinem Mann. Sie ist unglaublich beharrlich.

Mir ist klar, daß ich das Ganze nur mit einem dicken Fell überstehe. Es ist ja selbstverständlich, daß ich an ihrer Seite bin und sie in allem unterstütze, aber wie ich den Mittelweg zwischen Empathie und Selbstschutz finde, weiß ich noch nicht.


11.03.2019 | 07:09
jochengust

Hallo Zimt,

ich erlebe in meiner praktischen Arbeit, dass ein betreutes Wohnen - so wie ich das kenne und wie Sie es beschreiben - auf die Dauer nicht funktionieren wird, wenn die Demenz fortschreitet.

Für mehr Beschäftigung und Ablenkung zu sorgen ist vielleicht eine Sache, aber gerade im betreuten Wohnen auch mit zusätzlichem finanziellem Aufwand verbunden (Gesellschafterin, wie Sie es ja beschreiben).

Ggfs. könnte Sie auch der Besuch einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe vor Ort etwas unterstützen? Das richtige Maß zwischen Sorge und Abgrenzung zu finden ist eine Suchbewegung, die alles andere als einfach ist.
Geben Sie gut acht auf sich.

Es grüßt Sie

Jochen Gust

11.03.2019 | 12:38
Sonnenblümchen

Hallo Zimt,
erstmal wollte ich Ihnen schreiben, dass ich Ihre Schilderung voll und ganz nachvollziehen kann. Auch meine Mama schimpft über die Nachbarin, über mich, über meine Kinder ,über meinen Mann, über nicht "vorhandene Menschen" ect.. Beim Lesen Ihres Beitrages musste ich an sehr vielen Stellen denken....ja so ist es auch bei uns. Meine Mutter rief zeitweise nachts bei uns an. Sie hat am Telefon Tasten mit Kurzwahlfunktion, so dass sie nur einen Kopf drücken braucht. Sie hat sich dann nicht gemeldet und ich hörte nur ein Rascheln und ein Stöhnen. Sie können sich vorstellen, wie beunruhigt ich war, dass sie sich in einer körperliche Notsituation befände. Dies war aber nie der Fall. Ich habe dann mit ihr geredet, dass sie wirklich nur anrufen soll, wenn sie etwas braucht. Sie wußte gar nicht, dass sie angerufen hat. Eine Zeitlang hat sie auch tagsüber angerufen. Erst mich, sich nicht gemeldet...dann meinen Gatten und bei ihm hat sie sich auch nicht gemeldet oder wußte nicht, dass sie angerufen hat. Wenn "Fremde" (Nachbarin oder Enkelin) bei ihr anrufen, sagt meine Mutter, dass es ihr schlecht geht. So bekomme ich aufgeregte Anrufe...,dass ich unbedingt nach meiner Mutter schauen möchte. Ich habe mein Umfeld aufgeklärt, dass meine Mutter gerne sagt, dass es ihr schlecht geht. Trotzdem bin ich immer in Aufregung und reagiere bei solchen Anrufen. Das permanete Beklagen gehört wohl dazu und meine Mutter kann es nicht einstellen.Manchmal kann ich es auch nicht mehr ertragen, aber es gehört wohl dazu. Ich sage es dann meiner Mutter (Stop), aber zwei Sätze weiter ist sie wieder im Klagemodus. Sie vergißt es halt...kann nicht anders. Meine Mutter hat auch Strategien damit ich komme bzw. nicht rechtzeitig (für mich rechtzeitig) gehen kann. Sie macht nach der Grundpflege extra noch mal ein. Sie versteckt ihre Handtasche, den Haustürschlüssel,ihr Geld...alles muss dann noch gesucht werden. Zimmertüren hat sie verschlossen, so dass wir die Schlüssel suchen mussten. Ich finde dann für mich eine Lösung, aber meine Mutter hat dann schon die nächste Idee. Momentan versucht sie mir Angst zu machen...Fremde würden ihre Toilette nachts benutzen und ich müßte kommen. Momentan komme ich damit klar, dass ich halt mir immer wieder sage, viele Sachen entspringen ihrer Fantasie und sind nicht so. Wenn ich nicht anderes kann (von meinem Inneren), reagiere ich halt. Ich denke vielen Angehörigen geht es so...auch wenn sie sich hier nicht äußern. Sie schreiben, dass sie sich als Sklave Ihrer Mama fühlen...ich empfinde mich oft als Fußabtreter.
LG

11.03.2019 | 18:58
Zimt

Hallo Sonnenblümchen,

ich kann Dich so gut verstehen. Ja, wie ein Fußabtreter, so fühle ich mich auch. Ich höre nur Klagen und Jammern, sogar, wenn man denkt, jetzt habe man eine nette Zeit verbracht, schlägt plötzlich die Stimmung um und man bekommt wieder eine Breitseite. Meine Mutter ist auch Meisterin darin, etwas positiv Gemeintes sofort in das Gegenteil zu verkehren. Wenn sie sagt, daß sie gerne in ihre Heimatstadt fahren möchte und ich sie darin sogar noch bestärke, kommt es postwendend zurück, sie wisse ja, daß ich sie loswerden wolle. Es reicht also nicht einmal, ihr nach dem Mund zu reden.

Für mich und meine Belange hat sie keinerlei Verständnis. Ich muß mir sogar anhören, sie sei ja ganz allein und habe niemanden, als ob ich Luft wäre und nicht existiere.

Mir ist auch klar, daß sie auf lange Sicht nicht in der Seniorenresidenz bleiben kann, so daß ich sie prophylaktisch in einem Pflegeheim angemeldet habe. Ich wüßte aber nicht, wie ich sie ja dazu bewegen könnte, dorthin umzuziehen. Ich befürchte, das wird nur geschehen, wenn etwas Schlimmes passiert.

Ich sage mir ja auch immer, daß es die Krankheit ist, die aus ihr spricht, nicht sie selbst, aber ein Stück weit muß das auch eine Charakterfrage sein. Meine Schwiegermutter war ebenfalls dement, und nachdem sie sich im Heim eingewöhnt hatte, war sie sehr umgänglich.

Wir haben mit unseren Müttern wohl ganz besondere Fälle erwischt...

Wir brauchen irgendwelche Strategien, um dem Menschen zwar zur Seite zu stehen, sich aber nicht komplett auffressen zu lassen.

LG

12.03.2019 | 21:15
Sonnenblümchen

Hallo Zimt,
ich glaube nicht, dass unsere Mütter besondere Fälle sind. Ich tausche mich immer öfters mit anderen Pflegenden aus und stelle fest, dass wenn ehrlich über dieses Problem gesprochen wird, viele "Eltern" nicht nett sind (noch harmlos ausgedrückt). Ich denke nur, wo führt das hin? Noch kann meine Mama sprechen..motzen...irgendwann wird sie nur noch ein Pflegefall sein, der vielleicht gar nicht mehr sprechen kann...vielleicht wäre ich dann noch über das Gemotze froh.
LG

20.03.2019 | 09:24
Sonnenblümchen

Hallo Zimt,
ich wollte mal nachhören,wie es Ihnen geht?!

25.03.2019 | 10:55
Zimt

Hallo Sonnenblümchen,
danke der Nachfrage.

Da das ewige Hin und Her nicht mehr zu ertragen war, hat meine Mutter die Ergotherapie abgebrochen. Daß sie sich mir gegenüber so negativ, teilweise sogar beleidigend über die Therapeutin ausgelassen hat, hat diese sehr verwundert, weil sie dort immer entspannt und aufgeschlossen gewirkt hat. So ein Verhalten kann sie sich auch nicht erklären und hat sie auch noch bei keinem Dementen erlebt.

Ansonsten gibt es das übliche Hin und Her, ein paar Tage geht es gut, da ist meine Mutter moderat. Und dann kommt wieder von einer Sekunde auf die andere, völlig unvorbereitet, ein kompletter Stimmungsumschwung.

Aktuell erwägen wir, sie in ein betreutes Wohnen direkt in meine Nähe ziehen zu lassen. Das würde manche Abläufe im Alltag erleichtern. Aktuell steht sie dem aufgeschlossen gegenüber, aber sie ändert ihre Meinung alle 5 Minuten, was auch immer es sei. Das macht den Umgang mit ihr sehr kompliziert und bringt mich ein um das andere Mal an meine Grenzen.

LG und alles Gute und viel Kraft!



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