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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Tägliches lautes Weinen bzw. Schreien
11.03.2019 | 14:28
karlludwig

Frage an wegweiser-demenz.de zu Lautem Weinen/Schreien
Wie bereits geschildert hat meine Frau (77) die Lewy-Body Demenz. Diese Demenz-Form ist bei ihr inzwischen weit fortgeschritten.
Außerdem hat sie Parkinson und ist seit einem stationären Aufenthalt in der Neurologie des UK Bonn ab 04.11.17, 14 Tage, dauerhaft bettlägerig, Urin- und Stuhl-inkontinent, hat seit Juli 1918 den Pflegegrad 5. Seit einer Medikamenten-Vergiftung mit Madopar, Clozapin und Clarium durch den behandelnden Neurologen im April 2014 kann sie nicht mehr richtig sprechen und lesen; inzwischen noch viel weniger.
Sie liegt in unserem Wohnzimmer ständig im Pflegebett auf einer Anti-Dekubitus-Matratze, kann sich nicht mehr selbständig aufrichten oder sitzen, geschweige denn stehen oder gehen, hat seit November 2018 einen Blasen-Dauer-Katheter, wird von mir gefüttert und getränkt, an ihren Beinen und Armen bewegt, und an 4 Tagen anal gesäubert und mit neuer Windelhose versehen. An 3 Tagen (Mo, Mi +Fr) kommt eine Schwester des DRK-Pflegedienstes zur Körperpflege, dabei auch Anal-Pflege.
An 4 Tagen erhält sie ambulant Physiotherapie zum Erhalt der Bewegungsfähigkeit von Beinen und Armen.
Jetzt zum aktuellen Problem: Seit ca. Mai 2018 weint meine Frau täglich meistens um die Mittagszeit (zwischen ca. 12 bis 17 Uhr) laut und lange, meistens ca. 20 Minuten lang, auch länger. Das Weinen beginnt als Weinen mit eingeschobenen Lallen und steigert sich schnell zu einem grellen Schreien, das nur durch ihr Atemholen unterbrochen wird. Dabei hat sie meistens offene, starr nach vorn blickende Augen. Meine Versuche, meine Frau dann zu beruhigen, zu trösten und zu streicheln, bewirken nichts; manchmal habe ich den Eindruck, dass ihr Schreien dann noch lauter wird. Nach ca. 15-20 Minuten hört sie dann meistens von selbst mit dem Schreien wieder auf. Oft schläft sie danach ein. Zu früheren Gelegenheiten hat sie mir auf meine Frage, ob sie irgendwo Schmerzen habe, mehrmals geantwortet, nein, ich habe Schmerzen im Herz. Inzwischen antwortet sie mir nicht mehr auf meine Fragen. Sie weint/schreit in ihrem Pflegebett, und inzwischen auch, wenn sie im Rollstuhl auf unserer Terrasse ist. Sie weint/schreit auch in Gegenwart von anderen Personen wie besuchenden Familien-Mitgliedern, Therapeuten, Freunden.
Fragen:
- Ist derartiges Weinen/Schreien bei bettlägerigen Lewy-Body-Dementen bekannt und üblich?
- Was kommt als Auslöser dieses Schreiens in Betracht?
- Schadet das grelle Schreien dem Demenz-Zustand meiner Frau zusätzlich?
- Was kann ich zum Vermeiden oder Verkürzen der Wein-Phasen meiner Frau tun?

Freundlicher Gruß karlludwig

14.03.2019 | 07:56
jochengust

Sehr geehrter karlludwig,

<<- Ist derartiges Weinen/Schreien bei bettlägerigen Lewy-Body-Dementen bekannt und üblich?>>

Nicht in dem Sinne, dass alle Betroffenen dies tun würden.

<<Was kommt als Auslöser dieses Schreiens in Betracht?>>

Die Bandbreite ist sehr, sehr groß. Dies aus der Ferne festzustellen ist kaum möglich und bei Menschen mit Demenz häufig nur über den Rückschluss durch Handlungen überhaupt einzugrenzen. Insbesondere da der direkte Kontext fehlt. In jedem Fall sollten Sie den behandelnden Arzt und Fachrzt informieren - ich nehme aber an, dass dies bereits geschehen ist.

<<Was kann ich zum Vermeiden oder Verkürzen der Wein-Phasen meiner Frau tun?>>

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dauert das Weinen / Schreien jeweils etwa 20 Minuten an. Das Schreien / Rufen geschieht natürlich nicht grundlos und grundsätzlich wird häufig Ruhe als Ziel gesehen, da dies als Ausdruck von Zufriedenheit angesehen wird. Gerade auch durch den Rückgang kommunikativer Fähigkeiten muss diese Überzeugung aber immer wieder hinterfragt werden.
Auf der Suche nach dem Grund für das Schreien und Rufen und einer Möglichkeit dem abzuhelfen, bewegt man sich in der Regel in verschiedenen "Feldern" - und probiert aus, was wirkt.
Körperbezogene Maßnahmen: fehlt es möglicherw. am Körpergefühl, kann durch schreien, brummen etc. eine Rückmeldung erzeugt werden; Resonanz gefordert und gefördert werden. Dann können Maßnahmen die Köperkontakt umfassen, basale Stimulation, (behutsame) Wärme- od. Kälteimpulse, das Arbeiten mit schweren Decken, bes. Lagerungen und andere möglicherweise helfen.
Ein anderes Feld wären gefühlsbetonte Aktivitäten. (Lieblings-)Musik abspielen (akustischer Reiz) u.a. starke "Emotionsträger" / Reize -das kann z.B. auch ein Duft sein, zu nutzen.
Und natürlich kann und muss geschaut werden, ob möglicherweise medikamentös interveniert werden muss - z.B. bei Schmerzen.

Da weitere Fachkräfte vor Ort sind, sollten Sie unbedingt auch den Physiotherapeuten und die Pflegefachkraft hinzuziehen um Sie darin zu unterstützen, Interventionsmöglichkeiten und durch Beobachtung geleitete Maßnahmen zu finden. Selbst wenn die tatsächliche Ursache sich nicht daraus erschließen lässt.

Es grüßt Sie

Jochen Gust



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