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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Heimpflege trotz Widerstand
29.04.2019 | 12:07
JoBe

Guten Tag zusammen,

da es in meiner Familie viele Parteien gibt, die jeweils recht unterschiedliche Meinungen vertreten, möchte ich hier versuchen einmal eine "neutrale" Auskunft zu o.g. Thema zu erhalten. Im Internet bin ich leider nicht fündig geworden.

Unsere Situation stellt sich wie folgt dar:
Mein Großvater ist dement und lebt seit dem Tod meiner Großmutter (vor einem Jahr) mit wechselnden 24-h-Pflegern (aus Osteuropa) in seinem Geburtshaus. Aus der Familie kann leider niemand seine Pflege übernehmen, uns war es jedoch wichtig ihn so lange wie möglich zuhause wohnen zu lassen. Seine kognitiven Fähigkeiten stehen "leider" diametral seinen physischen Fähigkeiten (spaziert 10km oder macht 25km Radtouren) gegenüber . Dies macht die Diskussion um einen Heimaufenthalt so schwierig. Wenn wir seinen geistigen Zustand betrachten sind wir uns eigentlich alle einig, dass es soweit wäre. Wenn wir jedoch sehen wie viel und wie gerne er noch unterwegs ist, dann haben wir das Gefühl, dass er im Heim eingehen würde.

Er war schon immer ein sehr störrischer Charakter und diese Eigenschaft wird durch seine Demenz noch um ein Vielfaches verstärkt. Mit den Pflegern gab es daher zwischenzeitlich einige Probleme (sprachlicherseits oder auch verbunden mit wenig Kenntnissen im Umgang mit Demenzkranken). Es war jedoch immer so, dass wir die Situationen mit familiärer Intervention lösen konnten.

Sein Zustand verschlechtert sich in den letzten Wochen jedoch zunehmen und über Ostern ist es dann so eskaliert, dass er seinen Pfleger geschlagen hat. Ich gehe davon aus, dass dies nicht das letzte mal war und wir uns langsam mehr mit dem Thema Heimaufenthalt auseinandersetzen müssen, da ich dort einen professionellen Umgang mit dem Thema Demenz erwarte.

Die Person, die er in seiner Patientenverfügung mit seiner Vorsorge/Betreuung beauftragt hat agiert grundsätzlich eher zögerlich und ist der Ansicht, dass Betreuungseinrichtungen niemanden gegen seinen Willen aufnehmen. Dies wäre bei meinem Großvater definitiv der Fall, wird sich aber auch niemals ändern. Er wird nie zustimmen umzuziehen, da er auch jetzt noch der Auffassung ist, dass die Betreuer die er hat unnötig sind.

Meine Frage ist nun, ob dies wirklich so der Fall ist. Gibt es keine Betreuungsheime, die auf diese Art Verhalten bei Demenzkranken eingestellt sind? Falls nicht, werden wir sehr bald ein schwerwiegendes Betreuungsproblem bekommen.

Ich danke im Voraus vielmals für eine Einschätzung.

30.04.2019 | 12:20
klauspawletko

Hallo JoBe,
es ist leider nicht selten, dass Menschen gegen ihren Willen in Pflegeeinrichtungen untergebracht werden (müssen).
Die fehlende Krankheitseinsicht Ihres Großvaters wird eine einvernehmliche Lösung wahrscheinlich auch verhindern.
Gibt es denn innerhalb der Familie jemanden, den er als Autorität anerkennt? Oder gibt es einen Hausarzt des Vertrauens, der entsprechend intervenieren könnte?
Unabhängig davon würde ich auch noch einmal prüfen, ob alle Möglichkeiten des Verbleibs in den eigenen 4 Wänden ausgereizt sind.
Wenn Geld keine Rolle spielt, könnten Sie auch auf deutsche professionelle Pflegedienste zurück greifen, die 24-Stunden-Betreuungen anbieten und geschultes Personal einsetzen. Das ist natürlich wesentlich teurer als die osteuropäischen Varianten.
Gibt es denn neben dem "herausforderndem Verhalten" noch andere Dinge, die eine häusliche Betreuung schwierig machen? Wenn nicht, könnte man hier - z.B. medikamentös - einwirken. Das kann ich aber aus der Distanz nicht beurteilen.
Ich teile die Bedenken, dass Ihr Großvater mit seinem Bewegungsdrang in einem traditionellen Pflegeheim wahrscheinlich unglücklich sein wird - und auch das dortige Personal vor große Herausforderungen stellen wird. Ich könnte mit vorstellen, dass eine Betreuungsform wie das sog. Demenzdorf für ihn gut geeignet wäre. das ist allerdings erst an einem Standort in Deutschland verfügbar.
Je nach Wohnort gibt es auch Pflegeeinrichtungen, die für "Wanderer" ausgelegt sind (z.B. im Großraum Bielefeld). Die Recherche kann ich Ihnen leider nicht abnehmen, verweise aber auf die Datenbank hier im Wegweiser. Hilfreich können bei der Suche die Pflegestützpunkte sein, die in der Regel über gute Daten verfügen.
Mein Fazit: erst noch einmal alle Möglichkeiten der häuslichen Versorgung ausschöpfen und parrallel nach einer möglichen geeigneten Einrichtung (vielleicht auch eine Wohngemeinschaft mit Garten) suchen. Wichtig scheint mir dabei zu sein, dass Sie als Familie in der Nähe bleiben, da Sie ja in der Krisenintervention bereits einige Erfahrungen haben.
Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Klaus-W. Pawletko

06.05.2019 | 09:34
martinhamborg

Hallo JoBe, gern möchte ich das Thema noch einmal aufgreifen und nachfragen ob Sie bei der Suche nach Alternativen noch Anregungen benötigen, Herr Pawletko hat ja bereits viele wichtige Aspekte genannt, vielleicht können Sie die Recherche in der Familie aufteilen, sodass alle eingebunden sind und Erfahrungen austauschen.

Auf der anderen Seite rechnen Sie damit, dass es wieder zu Tätlichkeiten kommt und es ist notwendig, dass Sie gemeinsam alles tun, um dies zu vermeiden. Auch in einer Einrichtung sind Konflikte zu erwarten und je eher Sie gegensteuern, um so besser.

Haben Sie das Schlagen gegen die Pflegeperson schon richtig aufgearbeitet, häusliche Gewalt in der Pflege entsteht sehr oft durch Fehler im Umgang mit Menschen mit Demenz. Spitzenreiter der Eskalation ist Diskutieren und Rechthaben. Hier auf dem Wegweiser finden Sie unter "Krisenintervention" meinen "Durchlauferhitzer", ein Arbeitspapier, mit dem kritische Situationen aufgearbeitet werden können, wir können es auch hier gemeinsam bearbeiten, wenn Sie die entsprechenden Informationen mitteilen.
Eine plötzliche Veränderung sollte immer ernst genommen werden, da oft auch körperliche oder medizinische Ursachen Reizbarkeit und Fehlinterpretationen auslösen können. Deshalb frage ich immer nach Schmerzen und anderen körperlichen Erkrankungen.
Gibt es Hinweise auf eine depressive Stimmung? Depressionen äußern sich bei Männern ganz anders, oft auch durch Aggressionen. Ausdauersport und Licht sind diesbezüglich Eigentherapien, die häufig intuitiv als wirksam entdeckt wurden, vielleicht auch bei Ihrem Vater?
Soweit einige Anregungen und Fragen, Ihr Martin Hamborg



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