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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Ich kann einfach nicht mehr - und das ist erst der Anfang!
11.05.2019 | 23:57
Finchen

Hallo zusammen,

ich bin echt am Ende - und das schon am ziemlichen Anfang des Desasters! Ich wohne seit ca. 5 Jahren wieder in meinem Heimatort, aber nicht in meinem Elternhaus. Aber seither - obwohl 2 Brüder in ganz unmittelbarer Nähe wohnen - bin ich für meine Mutter zuständig. Sie hat Demenz und es ist für mich sehr schwierig, mit ihr klar zu kommen, obwohl ich ewig ihr "Lieblingskind" war. Ich werde sehr oft ungeduldig und aggressiv und erschrecke dann, wenn sie ebenfalls aggressiv wird....

Heute habe ich sie zum Einkauf abgeholt. Auf dem Tisch lagen ordentlich sortiert alle Münzen aus ihrem Geldbeutel. Auf der einen Seite die Silbernen, auf der anderen Seite die Roten. Sie strich die Silbernen wieder in den Geldbeutel und steckte ihn weg, holte ihn aber gleich wieder raus, leerte ihn aus und tat die Roten rein. "Vielleicht kann ich sie ja loswerden!" Ich sagte: "Mama!" und sie tat wieder alles Kleingeld in den Geldbeutel. Dann wollte sie ein paar Kissen kaufen, aber im Laden dann das Drama: soll ich zwei Kissen kaufen, oder vier? Nachdem sie die Kissen auf alles gelegt hatte, was in dem Laden rumstand, fand sie sie zu grell. "Warum zu grell? Ist doch lustig!" Aber bei meiner Mutter ist NICHTS mehr lustig. Sie machte sich Gedanken über Farbe und Form und Preis. Erst, als die Verkäuferin sagte, es gäbe noch 20% Rabatt und man könne die Kissen 14 Tage zurückgeben, haben wir sie endlich gekauft. Glücklich war sie nicht damit.

Eine Viertelstunde Äpfel-Drücken im Aldi, ob sie auch weich genug sind, eine weitere Viertelstunde mit der Suche nach Biojoghurt, der dann doch nicht ihrer Vorstellung entsprach - ich hab sie machen lassen, wie sie wollte. Denn wenn ich was sage, kriege ich so eine eingefahren... Dass meine Geschwister und Nichten viel netter sind und VIEL mehr Geduld mit ihr haben und nicht immer so rotzig sind...

Ja klar! Von denen geht auch keiner jedes Wochenende mit ihr einkaufen! Und auch unter der Woche: da muss sie einmal auf die Bank, einmal zum Arzt und einmal sonstwohin. Und immer muss ich ein sonniges Gemüt haben, egal, wie scheiße ich mich persönlich an dem Tag fühle... Ich kann nicht mehr. Geht's noch jemand so (rhetorische Frage...)?

12.05.2019 | 23:05
Zimt

Ja, mir geht es genauso. Eine vernünftige Kommunikation mit meiner Mutter ist nicht mehr möglich. Sie will nichts mehr verstehen und sagt stets das Gegenteil von dem, was ich sage, selbst wenn ich ihr gerade noch nach dem Mund geredet habe. Um da nicht die Nerven zu verlieren, muß man wohl ein Heiliger sein.

Heute wieder: wir wollten mit ihr zum Muttertagsbrunch, ich habe ihr x-Mal erklärt, daß ich sie morgens anrufe, damit sie sich fertig machen kann, und wir uns dann um 9:30 bei ihr an der Straßenbahnhaltestelle treffen wollen. Um 7:20 rief sie mich selbst an und verkündete ganz stolz, sie sei jetzt an der Haltestelle. Ich machte ihr klar, daß wir uns erst in 2 Stunden treffen, wir noch nicht einmal aufgestanden seien. Ich bat sie, wieder nach Hause zu gehen. Nein, die Luft sei doch so schön, sie werde an der Haltestelle warten. Ich meinte nur, daß sie dort in der Morgenkälte nicht 2 Stunden sitzen könne. So entschied sie sich, in der Konditorei nebenan zu warten. Ich hoffte, sie würde dort ausharren, bis wir vor Ort sind, aber am Ende saß sie eine Stunde draußen. Und als wir auf dem Weg zu ihr waren, rief sie an, jammerte, daß es ihr kalt sei und sie jetzt nach Hause wolle. Ich dachte, ich flippe aus. Sie ist stur und eigensinnig, und ich komme nicht an sie heran.

Sie verletzt mich permanent, und wenn ich dann entsprechend reagiere, dreht sie den Spieß um und behauptet, ich sei garstig zu ihr, wo sie doch immer so nett zu mir sei. Sie hatte heute ein Kinderfoto von mir in der Hand, behauptete, das sei sie selbst, und legte es dann mit dem Kommentar zu anderen Fotos, daß sie nur Fotos von denen aufhebe, die ihr viel bedeuten, und sie bedeute sich selbst am allermeisten. Da kann ich nur mit Mühe ruhig bleiben, weil so etwas wirklich weh tut. Ich kann das auch nicht ständig mit Demenz entschuldigen, daß ich von ihr wie ein Lakai und eine Müllhalde behandelt werde.

Ich mache wirklich alles, damit es ihr gut geht, und bekomme ständig nur Schläge in die Magengrube.

Ich arbeite an mir, daß ich ihr nur noch mit Allgemeinplätze antworte, weil mich diese ständigen Konfliktsituationen auffressen. Aber das wird mich noch sehr viel Kraft kosten.

14.05.2019 | 08:44
hanne63

Hallo Zimt,
ich kann Ihnen nachfühlen.....mir hat nur geholfen, dass ich selbst mehr auf Abstand ging und mich bei Besuchen auf keinerlei Diskussionen oder Streit mehr eingelassen habe. Das kostet mich natürlich enorm viel Energie, das durchzuhalten.
Manchmal werden Demenzkranke erst mit der Krankheit "bösartig", manchmal sind sie es aber auch schon vorher gewesen und es verschlimmert sich dann.
Es ist für mich eine Gratwanderung...einerseits sind es meine Eltern....ich fühle mich in der "Pflicht"..und auch der Staat würde mich ja bei der Pflege finanziell in die "Pflicht" nehmen....andererseits muß ich an meinen Selbstschutz denken....und der bedeutet für mich...Abstand wahren....nur ab und zu Besuch und von außen beobachten und kümmern......letztlich habe ich auch eine rechtliche Betreuung durch einen Berufsbetreuer erreicht und die Einschaltung professionieller Pflegedienste.....Außenstehende können mit aggressiven Situationen besser umgehen...bzw. sind die Kranken, dann nicht so aggressiv.
Alles Gute und denken Sie hauptsächlich auch an sich selbst :-)

viele Grüße
hanne63

15.05.2019 | 09:23
Sohn

Guten Morgen allerseits,

zu Finchen: die Fragen, die SIE sich wahrscheinlich stellen sollten, lauten: warum bin ICH für alles zuständig und nicht z. B. auch meine Brüder? Wer hat das so entschieden? Warum tue ich mir das alles an, bin ich masochistisch veranlagt oder fühle ich mich einfach zu wenig wert, um mich im notwendigen Maße abzugrenzen? Habe ich selber kein Recht auf eine gesundes Seelenleben?
Das mag vielleicht arrogant oder hochtrabend von mir wirken, ist es aber nicht. Nur habe ICH für mich entschieden, mich nicht kaputt machen zu lassen und deshalb fange ich Dinge wie Alltagsbetreuung (Kochen, putzen, einkaufen, Chauffeurdienste etc., die man leicht und für wenig Geld delegieren kann) erst gar nicht selber an. So habe ich schon mehr Distanz und dadurch mehr Reserven für die wichtigen Dinge. Wenn man sein eigenes Aufgabenspektrum auf die Tätigkeit des "Gehirns" reduziert und dafür sorgt, daß die "Gliedmaßen" den Rest ordentlich und zuverlässig erledigen, hat man noch genug zu tun und hält erheblich länger durch.
Allerdings habe ich z. B. auch die Anrufmöglichkeit meiner Mutter bei mir blockiert, um dem Telefonterror ein Ende zu setzen. Möglicherweise erfolgreich, denn das Elend im Alltag hat meine Mutter so oder so, ob sie mich nun telefonisch terrorisiert oder nicht; nur geht es mir nun viel besser: mehr mentaler Abstand, kein ununterbrochenes Denken mehr an sie, keine ständigen Herzstiche und Herzschmerzen mehr mit der Sorge, jeden Moment einen Infarkt zu bekommen usw.. Können Sie ja für sich auch ausprobieren.


Zu Zimt: für Sie gilt meiner Meinung nach dasselbe: warum tun SIE sich das an ("Schläge in die Magengrube")?
Warum ziehen Sie sich nicht so weit zurück, daß diese Schläge Sie gar nicht erst treffen können? Vielleicht liegt das Problem eher bei Ihnen als bei Ihrer Mutter und Sie müssen für SICH ein alternatives Verhalten IHRERSEITS umsetzen?? Denn Ihre Mutter bekommen Sie nicht geändert!


Zu hanne63: Was Sie schreiben, könnten meine Worte sein, das sehe ich alles ganz genau so. Auch ich fühle mich in der Pflicht; meine Eltern sind zwar nicht "bösartig" (gewesen), aber zeitlebens schwierig bis anstrengend und dadurch habe ich ohnehin mehr emotionale Distanz zu ihnen als andere Betroffene zu deren Eltern. Die von Ihnen eingeschalteten Profis sind zum einen versierter in der Materie, zum anderen emotional distanzierter, da es nicht ihre eigenen Angehörigen sind, und drittens nach ihrer Schicht im Feierabend. Unsereins nicht. Wir bekommen die Anrufe auch am Wochenende, an Feiertagen, im Urlaub und mitten in der Nacht. Das ist entschieden zu viel! So etwas ist Psychoterror, und der macht einen bekanntlich kaputt.



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