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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Kaufsucht Versandhäuser
15.05.2019 | 21:33
Elisabetha

Seit Monaten besteht die Lieblingsbeschäftigung meiner Mutter darin, neu eingetroffene Kataloge zu studieren unddie leider viel zu häufig beiliegenden Gutscheine einzulösen. Damit ist ihr Tag ausgefüllt, und schon bald ergießt sich eine Flut von Paketen in ihrer Wohnung.

Alle Pakete werden von ihrem Mann (Diagnose: mittelschwere Demenz und Hirnatrophie) aufgerissen, um die Artikel in Augenschein zu nehmen. In der Regel bestellt meine Mutter die Kleidungsstücke eine Nummer zu klein, das heißt, sie gehen retour. Natürlich wird nun eine neue Bestellung in der richtigen Größe ausgelöst, mitunter auch doppelt. (Eine Sandale wurde 7xmal bestellt! - Natürlich war immer das Versandhaus schuld. ) Also ergibt sich auch hier wieder eine Retoure. Dazu muss ich zunächst erst einmal die Artikel wieder in die dazugehörigen Plastikhüllen eintüten und den Warenbegleitschein nebst Retourenaufkleber in das entsprechende Paket zurücklegen ... wäre da nicht die Aufräumwut ihres Mannes, der binnen kürzester Zeit alles im Restmüll entsorgt. Das heißt für mich, runter in den Müllraum, in der Hoffnung auf Anhieb die richtige Tonne ausfindig zu machen und die vermissten Unterlagen (möglichst ohne ekligen Abfälle drumherum) noch zu retten. Ich spreche hier von mehreren Retouren an einem Tag.

Nun habe ich mehrmals mit den jeweiligen Servicemitarbeitern der Versandhäuser telefoniert, ob es keine Möglichkeit gibt, diese Menge an Bestellungen einzudämmen, evtl. durch eine Begrenzung des zu bestellenden Warenwertes. Keine Chance! Ich solle mich schriftlich an den Kundenservice wenden. Meine Verzweiflung war heute so groß, dass ich mich per E-Mail an zwei Versandhäuser gewandt mit der Bitte um Hilfe und Verständnis, meine Mutter und ihren Mann vor ihrer eigenen Bestellwut zu schützen (ohne ihnen ihre Würde zu nehmen) und eine entsprechende Vorkehrung zu treffen.

Prompt wollte meine Mutter heute Abend wieder bestellen und man verwehrte ihr den Einkauf gegen Rechnung, nur gegen Vorkasse oder Nachnahme. Einerseits plagt mich nun das schlechte Gewissen, andererseits wußte ich mir nicht mehr zu helfen, da ich mittlerweile selbst den Überblick bezüglich der offenen Zahlungen verloren habe. Grund: beiliegende Rechnungen werden verlegt oder weggeworfen.

Mir wächst das alles einfach über den Kopf und ich kann mich der Aussage: "Ich kann einfach nicht mehr!" nur anschließen. Vernünftige Argumente kommen gar nicht an, Erklärungen muss ich in Endlosschleifen abgeben, worauf Diskussionen entfachen, denen ich mich mittlerweile einfach entziehe. Ich lebe in der gleichen Wohnanlage, Gott sei Dank in einer eigenen Wohnung. Somit kann ich jederzeit räumlich Abstand gewissen. Für mich die einzige Chance, den Tag zu überstehen.

15.05.2019 | 23:46
Sohn

Guten Abend Elisabetha,

wir haben jüngst einen Nachsendeantrag für meine Mutter bei der Post aufgrund "Betreuung" eingereicht und siehe da, ohne Probleme wurde dies umgesetzt.

Damit würden Sie zumindest den Zugriff Ihrer Eltern auf die Kataloge etc. unterbinden und vielleicht das ganze Thema aus der Welt schaffen.

Falls Sie daraufhin Klagen und Beanstandungen seitens Ihrer Eltern zu hören bekommen, bedauern Sie sie, schimpfen Sie mit Ihnen zusammen auf die unzuverlässigen Versandhäuser oder was auch immer! Seien Sie auf Seiten Ihrer Eltern (beim Reden und Recht geben, natürlich nicht in Ihrem Denken/Empfinden) und versuchen Sie, sie sanft und unauffällig auf andere Themen zu bringen.

Fangen Sie NIE WIEDER Diskussionen auf RATIONALER Ebene mit Ihren Eltern an!!! Tricksen Sie, seien Sie kreativ und vergessen Sie Ihre gewohnten Denkweisen; die funktionieren bei Dementen nicht mehr!

Sie müssen erreichen, daß Ihre Eltern sich emotional gut bei Ihnen aufgehoben fühlen. Das geht nur, wenn Sie deren kranke Welt so hinnehmen, wie die Eltern sie empfinden, und sich darin einrichten. Natürlich müssen Sie in "unserer" Realität dafür sorgen, daß alles dem gesunden Menschenverstand entsprechend läuft, während Sie Ihren Eltern gegenüber deren "Blödsinn" unterstützen (jedenfalls als Lippenbekenntnisse).

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 15.05.2019 um 23:51.]

16.05.2019 | 07:52
Sonnenblümchen

Guten Morgen Elisabetha,
den Rat von Sohn punkto Nachsendeantrag finde ich sehr nützlich.Sie würden dann auch die Sendungen ja an Ihre Anschrift bekommen und könnten diese direkt zurücksenden. Desweiteren würde ich die Kaufhäuser informieren, wie sie es ja schon begonnen haben. Ich denke Ihre Eltern überschulden sich ja auch sonst. LG

16.05.2019 | 09:46
Elisabetha

Herzlichen Dank für Ihre Antworten. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nicht mehr allein mit meinen alltäglichen Sorgen zu sein.

Die Empfehlungen zum Thema Nachsendung nehme ich sehr gerne an. Besonders der Hinweis, mich in die Gefühlswelt meiner beiden Senioren zu begeben, erachte ich als sehr wertvoll. So werde ich meine bisher sinnlos verlaufenden Gespräche auf rationaler Ebene unterlassen, was sicher zur Entspannung auf beiden Seiten führen wird.

Nochmals herzlichen Dank!

16.05.2019 | 15:16
jochengust

Hallo Elisabetha,

ich finde den Rat von Sohn hier im Forum ebenfalls gut.
Zusätzlich habe ich mich heute mit Ihrer Fragestellungen an einen großen deutschen Versandhändler gewandt (der mit "O").
Dieser hat mir mitgeteilt, dass Angehörige mit Vollmacht od. Betreuer sich telefonisch oder per Mail an das Servicecenter wenden können, die dann den Kontakt zu einer bestimmten Abteilung mit geschulten Mitarbeitern herstellen können um eine entsprechende Regelung zu finden oder oder zu vermerken.

Es grüßt Sie

Jochen Gust

16.05.2019 | 20:43
Elisabetha

Sehr geehrter Herr Gust,

ich bin wirklich sehr gerührt, dass Sie sich so rasch meinem Anliegen angenommen haben - herzlichen Dank!

Nach meiner gestrigen E-Mail an ein Versandhaus erhielt ich bereits heute einen Anruf aus einer speziellen Abteilung, die quasi als Dachverband sämtlicher ihnen unterstehenden Versandhäuser Übersicht über die jeweiligen Kundenkonten besitzt. Ich war sehr angenehm überrascht, wie entgegenkommend und hilfsbereit sich diese Mitarbeiterin gezeigt hat. Nicht nur, dass es sehr viele Anfragen dieser Art gibt, sie selbst ist durch die Demenz ihrer Mutter im Bilde und konnte sehr gut nachvollziehen, dass ich einen eleganten Mittelweg suche, um meiner Mutter und ihrem Mann ihre Würde zu erhalten.

Da ich eine Vorsorgevollmacht für meine Mutter besitze, könnte ich diese geltend machen, wobei eine Betreuung mehr Gewicht hätte. Die Vorstellung, dadurch einer Justizbehörde zu unterstehen, ist mir jedoch sehr unangenehm.

Wir haben uns schlussendlich darauf verständigt, dass für beide die aktuellen Kontoauszüge versandt werden. Nach deren Einsicht werden wir um eine Ratenzahlungsvereinbarung bitten, die jeweils von dem Kontoinhaber unterzeichnet wird. Nach Erhalt dieser Anfragen entscheidet eine weitere Abteilung darüber, ob trotz 10-monatiger Rückkführung weiterhin Bestellungen ausgeführt werden.

Sollte dies nicht fruchten, bleibe ich mit der bereits erwähnten Mitarbeiterin in Verbindung, um die weiteren Schritte zu erörtern. Es ist mir bewußt, dass dies nur ein Spiel auf Zeit ist. Dennoch ist mit die Vorstellung, die Konten meiner Mutter schließen zu lassen unerträglich. Ich hoffe sehr, dass die Kontoauszüge Wirkung zeigen, denn die Höhe der kumulierten Forderungen ist nicht unbeträchtlich.

Die Situation ist für mich nun nicht mehr so erdrückend, da ich mich sehr unterstützt und beraten fühle.

Nochmals herzlichen Dank für Ihre Hilfe und auch die Antworten der anderen Angehörigen hier im Forum.

16.05.2019 | 21:31
Sohn

Guten Abend Elisabetha,

mit Ihrer Äußerung, einer Justizbehörde zu unterstehen sei Ihnen sehr unangenehm, zeigen Sie, daß Sie auf dem richtigen Weg sind! Jedenfalls was Ihre Einstellung betrifft.

Ihre geäußerte Vorstellung, die Konten der Mutter schließen zu lassen, deutet noch auf viel Naivität hin. Was wäre denn, wenn das Konto/die Konten der Mutter dicht wären? Wohin flössen deren Einnahmen (Rente, ...) , von wo würden die Ausgaben bestritten? Wie kriegen Sie die Geldbewegungen steuerlich so zugeordnet, daß das Finanzamt nicht meckert? Wie trennen Sie Mutters Geld/Vermögen von demjenigen der Person, über deren Konto dann Mutters Finanztransaktionen laufen sollen? Wer weiß dann konkret im Erbfall, wieviel Geld auf dem benutzten Konto der Mutter gehört und wieviel der Kontoinhaberin? Das ist alles nicht praktikabel! Sage ICH, aber Sie können und SOLLTEN dazu natürlich auch selber Informationen einholen. Kaum jemand wird sich darüber im klaren sein, aber wir alle dürften bei der Kontoeröffnung unterschrieben haben, AUSSCHLIESSLICH EIGENE Gelder über die Konten laufen zu lassen. Wenn Sie etwas anderes probieren, wird das hochriskant, und im Zeitalter der zunehmenden Enteignung der Bevölkerung durch Väterchen Staat wird das penibel (strafrechtlich) verfolgt. Sie werden schneller kriminalisiert als Sie es träumen können.

Zweckmäßiger ist es vermutlich, daß Sie mit Ihrer Generalvollmacht bei der kontoführenden Bank der Mutter eine Bankvollmacht erlangen und am besten gleich noch die EC-Karte Ihrer Mutter einbehalten. Je nachdem ist auch die Einrichtung einer Summenbegrenzung für die Verfügung durch Ihre Mutter sinnvoll. Da ich Ihre besonderen Umstände nicht kenne, kann ich nicht detaillierter darauf eingehen. Ich weiß nur aus eigener Erfahrung, daß das zu einem Riesendrama ausarten kann und so, wie Sie hier die Situation schildern, glaube ich, daß dringend jemand die finanzielle Verantwortung für Ihre Mutter übernehmen muß. Habe ich auch gemacht und mir dadurch eine Menge Ärger eingehandelt, war aber "alternativlos", wie Zwangsmaßnahmen auf staatlicher Ebene heutzutage begrifflich rechtfertigt werden. Dadurch, daß ich mich schon frühzeitig durchgesetzt habe (vor bald zwei Jahrzehnten) und die Finanzen - Gott sei Dank - sich kontinuierlich positiv entwickelt haben, konnte ich alle diese Kosten aus dem laufenden Einkommen bestreiten. Das ist ungemein komfortabel und bei all dem Ärger, den man mit alten/dementen/kranken Angehörigen zwangsläufig bekommt, möchte ich nicht auch noch finanzielle Sorgen haben.

Wie Sie sicherlich wissen, ist Heimunterbringung lausig teuer und es ist ja durchaus möglich, daß Ihre Mutter noch in so einer Einrichtung landet. Dann werden Sie froh sein um alles Geld, was jetzt nicht zum Fenster rausgeworfen wurde.

Mein Vater hat die letzten drei Lebensjahre im Heim verbracht, danach waren rund 150.000 € weg (ca.3.700 bis 3.800 € Heimkosten pro Monat zzgl. Taschengeld wie Frisör, Fuß- und Fingernägel schneiden, Hygieneartikel, Apotheken-Zuzahlungen etc. macht wenigstens 4.000 €. Bei 12 Monaten im Jahr kommen Sie auf 48.000 €, leicht aufgerundet für diverse "Extras" sind wir bei 50.000 € pro Jahr!).

Meine Mutter mit ihren "erst" 83 Jahren und körperlich top-fitter Konstitution kann noch mindestens ein Jahrzehnt durchhalten (wie ihre eigene Mutter und Tante), demnach wären das dann (wenn sie ins Heim käme) wenigstens eine halbe MILLION Euro an Kosten, die uns noch erwarten!!

Zwar gibt es NOCH Unterstützung aus der Solidargemeinschaft (Pflegegeld, Rente etc.), aber bei einem überschuldeten Staat wie dem unseren würde ich da nicht allzu viel Hoffnung drauf setzen.

Sie tun also gut daran, die Finanzen der Mutter JETZT in den Griff zu kriegen und jegliche Verschwendung zu vermeiden.



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