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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Senizid
03.06.2019 | 14:00
martinhamborg

Hallo Sonnenblümchen und Hanne63, dank Ihnen für Ihre Erfahrungen und Ihren Beitrag. Es sind Erfahrungen, die bestimmt viele in diesem Forum teilen können und ich freue mich auf weitere Beiträge, in denen wir über ein wertvolles Leben mit einer Demenz erzählen.

Der Blick auf diese Erfahrungen gibt mir persönlich Kraft in meiner Arbeit und den Mut nicht nur defensiv über die Unantastbarkeit menschlicher Würde sprechen, weil allgemein erwartet wird, dass ein Leben mit Demenz eigentlich lebensunwert sei. Ich habe bisher viele hundertmal Mieterinnen, die ihren demenzkranken Mann bis zuletzt gepflegt haben, gefragt, ob ihr Mann zu früh oder zu spät gestorben sei. Keine hat mir geantwortet: zu spät – keine. In der schweren und wirklich belastenden Situation wünschten sie sich manchmal, dass der Partner einschlafen und loslassen könne, aber rückwirkend war es immer zu früh. Für mich ist dies eine wichtige Erkenntnis zum Lebenswert!

Nun zu Ihrem Beitrag, Herr Sohn.
Bevor ich inhaltlich auf Ihren Beitrag eingehe, bitte ich Sie eindringlich um 3 Dinge:
1. Löschen Sie bitte die persönlichen Angriffe in Ihren Beiträgen, dies entspricht nicht den Regeln in diesem Forum. Wir wollen hier ernsthafte Beiträge und keinen „shitstorm“
2. Löschen Sie bitte die Unterstellung, dass manche in diesem Forum nur bemitleidet werden wollen würden. Ich habe alle Beiträge gelesen und teile es nicht. Auch dieser letzte Absatz entspricht nicht den Regeln.
3. Lesen Sie bitte aufmerksam noch einmal meinen langen Beitrag, haben Sie meine Erfahrungen bezüglich Ihres echten Anliegens einordnen können?

Viele Menschen machen sich angesichts des wahrgenommenen Leidens Gedanken und stellen sich vor, mit dem Kanu ins offene Meer zu paddeln oder eine andere Form eines mehr oder weniger würdigen Abschieds zu wählen. Diese persönliche Vorstellung ist intim, das habe ich geschrieben. Es ist unredlich, diese auf andere zu übertragen. Denn wie gesagt, viele denken darüber vorab nach und kaum einer macht es, wenn es so schlimm ist, wie befürchtet.

Deshalb wünsche ich Ihnen, von Herzen, dass Sie diese Erfahrungen zulassen können.

Sie wechseln dann auf die politische Ebene und verquicken die Herausforderungen in der Finanzierung des demografischen Wandels mit der Frage nach dem Recht auf unteilbare Menschenwürde und auf Leben. Ist das Angst um das Überleben - in einer Zeit in der wir Menschen noch nie so viel Wohlstand, noch nie ein so hohes Alter, so lange keine Kriege in Europa haben? Wir leben nicht in der bitteren Hungersnot der Inuit vor 80 Jahren. Ganz und gar nicht. Noch nie ging es uns Deutschen so gut. Das macht mich fast sprachlos, in keiner erfolgreichen Gesellschaft war Senozid oder Euthanasie eine Lösung im Gegenteil, der Respekt dem Leben gegenüber war m.E. ein Erfolgsfaktor unserer Kultur und Zivilisation. Deshalb wurde es durch die Väter und Mütter des Grundgesetzes und der Menschenrechtskonvention festgeschrieben.

Sie haben Recht, wenn Sie auf eine kurze Phase in unserer Zukunft blicken, denn ab 2030 kommen die Babyboomer in die Pflege, aber danach entspannt es sich wieder. Dafür brauchen wir gute und mutige Konzepte, denn es fehlt an Beitragszahlern. Viele - mehr als wir brauchen - stehen vor Europas Türen, doch wir warten immer noch auf ein vernünftiges Einwanderungsgesetz, denn ich erlebe viele junge Flüchtlinge als empathische Pflegekräfte.
Mutiger war der Gesetzgeber bisher mit dem Rentenalter und es ist absehbar, dass es weiter angehoben wird, je älter wir werden. Die Beiträge der Pflegekassen werden in regelmäßigen Abständen erhöht und die Pflegeleistungen der Angehörigen seit 1995 finanziell gewürdigt. Da ist noch Luft nach oben: Derzeit geben wir in Deutschland prozentual weniger für die Pflege aus als der europäische Durchschnitt, halb so viel wie in einigen skandinavischen Ländern.

Viel mehr als diese 3 Strategien wären noch denkbar und ich wünsche mir eine offene Diskussion darüber. Aber es besteht aus meiner Sicht überhaupt kein Grund Ihre Szenarien weiterzudenken!

Abschließend bitte ich Sie, Ihren Text zu ändern, Sie haben die Möglichkeit der Bearbeitung.

Aber enden möchte mich mit einem Appell für die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen: ich freue mich über Beiträge zum Wert eines Lebens mit Demenz, zu kleinen oder großen Wundern und positiven Wirkungen auf uns persönlich und auf die Familie. Schlimme Erfahrungen schreiben Sie bitte als eigenen Beitrag, denn ich wünsche mir sehr, dass wir durch den Austausch Ansatzpunkt finden, dass es besser und sogar gut wird. Ihr Martin Hamborg

03.06.2019 | 18:34
sonnenblümchen

Hallo Herr Hamborg,
ich finde es schön,wie Sie in der Lage sind die Dinge auf den Punkt zu bringen. Mir fehlen manchmal die Worte. Sie wünschen sich Beträge zum Wert des Lebens mit Demenz....
bitte schön...Heute morgen bin ich in das Schlafzimmer von meiner Mama gegangen und sie begrüßte mich freudig und lautstark mit:,, Ich lebe noch!`` Ich mußte lachen und antwortete:,, Davon bin ich ausgegangen!´´ Schlagartig wurde es mir bewußt, dass es halt keine Selbstverständlichkeit ist.Ich habe ihr dann gesagt:,, Schön,dass du da bist!" Nach der Morgenpflege mit Tagescreme und Parfüm habe ich ihr einen dicken Kuß gegeben und sie mir einen. Sie sagte:,, Schön,dass wir uns küssen! Wer keinen hat ist arm dran oder weiß nicht wie küssen geht!`` Dann hat sie herzhaft gelacht. Der Vormittag war gerettet und nur schön. Im Kleinen liegt der Lebenswert.

04.06.2019 | 21:33
Sohn

Hallo Herr Hamborg,

mir wird hier keine Funktion zum Bearbeiten angezeigt; alleine schon das Einloggen braucht manchmal ein Dutzend Versuche, bis mir endlich die Möglichkeit geboten wird zu antworten. Keine Ahnung, woran das liegt; ich nutze verschiedene PC's und einer davon wurde erst kürzlich auf neuesten Stand gebracht; trotzdem klappt's nicht.

Zu Ihren Bitten:

1.) Ich habe weder ein Ahnung, was Sie mit persönlichen Angriffen meinen, noch wo genau diese stehen sollen.
2.) Diese Stelle habe ich gefunden, kann sie aber weder bearbeiten noch löschen.
3.) Nein, ich kann Ihren Beitrag nicht einordnen. Ich habe wiederholt konzentriert gelesen, was Sie geschrieben haben, verstehe aber viele von Ihren Formulierungen genau so wenig als wenn Sie Chinesisch geschrieben hätten. Sie sind gedanklich in einer vollkommen anderen Welt unterwegs als ich und ich kann Ihnen beim besten Willen nicht folgen.

Beispiele für Unverständliches:
"....echten Anliegens ..."
"Diese persönliche Vorstellung ist intim, das habe ich geschrieben. Es ist unredlich, diese auf andere zu übertragen."
"Deshalb wünsche ich Ihnen, ... daß Sie diese Erfahrungen zulassen können." -->Welche Erfahrungen meinen Sie?
Die über "wertvolles" Leben mit Demenz?
"...Frage nach dem Recht auf unteilbare Menschenwürde ...."

Das sind für mich Phrasen ohne Inhalt; ich verstehe nicht, was für eine Umsetzung in die Praxis damit gemeint sein könnte.

Ihre anschließend geschilderte Sicht von Wohlstand ist aus meiner Sicht mehr als blauäugig: soweit mir bekannt ist, haben wir mehr Überschuldete (nicht VERschuldete!) als je zuvor; viele Berufstätige und ganze Berufszweige werden obsolet durch die rasante Technologisierung; die Verschuldungsorgien der Regierungen in unzähligen Ländern sind beängstigend; durch das Fluten der Märkte mit immer neuem Buchgeld, dem keine Werte gegenüberstehen, werden die Sachwertpreise in astronomische Höhen und die Renditen in nie gekannte Tiefen getrieben; die jetzige Seniorengeneration wird mit Geld (Renten, Pensionen, Pflegegeld etc.) überschüttet und die Kosten dafür den nachfolgenden Generationen aufgebürdet, ohne daß irgendwer eine Ahnung hat, wie das jemals bezahlt werden kann; die Inflation steigt und steigt (weit über das offiziell angegebene Maß hinaus); die Auswirkungen von Schröders Agenda 2010 führen zu amerikanischen Verhältnissen, daß also immer mehr Werktätige so bescheiden entlohnt werden, daß sie kaum noch existieren können bzw. Zweit- oder Drittjobs annehmen; "wir", also Sie und ich und generell unsere Generation wird keine auskömmliche Rente mehr erhalten, also in Altersarmut vor sich hinvegetieren; die staatliche Kontrolle und Überwachung wird immer umfassender; Bargeld wird zunehmend abgeschafft, 500 €-Scheine bekommen Sie schon bei manchen Banken nicht mehr; in mehreren angrenzenden Ländern sind Barzahlungen über ca. ein- bisdreieinhalbtausend Euro verboten; Geldausfuhren über 12.500 € ins Ausland sind meldepflichtig; bei z. B. Goldkäufen zu bereits relativ geringen Beträgen (ca. 15 T€?) muß man sich ausweisen; ist man etwas wohlhabender als "mittellos", steht man unter Generalverdacht, illegale Geschäfte zu machen; die Einlagensicherung greift nur noch bis 100 T€ pro Kunde und BANK (nicht pro KONTO); die am 25.5.2018 in Kraft getretene Daten"schutz"verordnung unterbindet in sehr vielen Fällen einen notwendigen Informationsaustausch, der nach meiner Auffassung ähnliche Dimensionen hat wie eine Aufhebung der Pressefreiheit; usw.. Falls Sie das für Spinnerei halten, lesen Sie (nochmal?) in Ruhe nach, wie die Griechen und Zyprioten in den letzten Jahren um erhebliche Teile ihrer Ersparnisse gebracht wurden. Und schauen Sie sich mal in den südlichen Ländern die Arbeitslosenzahlen der jungen Generation an und die daraus resultierenden Abwanderungsbewegungen. Wenn einem DAS nicht die Augen öffnet, dann wohl gar nichts. Damit sind wir aber meilenweit vom Thema Demenz (nur nicht von deren Finanzierung) abgekommen.

Nun zurück zur Demenz:

Nein, ich teile auch Ihre Ansicht "zum Wert eines Lebens mit Demenz" nicht! Dafür habe ich zu viele Verwandte und Bekannte erlebt, die betroffen waren oder auch noch sind, inzwischen sogar meine Mutter. Davor meine Oma; eine Reihe Tanten; mein Schwiegervater; eine Menge Leute im Altersheim, wo mein Vater war usw..

Es mag sein, daß sich einige Angehörige aufopfernd um ihre Kranken/Alten kümmern. Daß das den Alten/Kranken unendlich gut tut, ist nicht zu bezweifeln, jedenfalls da nicht, wo es harmonisch abläuft. Ob die sich kümmernden Angehörigen allerdings nicht einen sehr hohen, vielleicht zu hohen Preis dafür zahlen, muß man im Einzelfall betrachten. Wie ich weiter oben geschrieben habe, ist auch mein Schwiegervater betroffen, und zwar massivst. Er kann mittlerweile deutlich weniger als ein frisch geborener Säugling und meine Schwiegermutter versorgt ihn seit Jahren zu Hause. An ein eigenes Leben für die Schwiegermutter ist nicht im entferntesten zu denken. Sie kann mal das Haus verlassen zum Einkaufen oder Spazieren, aber viel mehr ist nicht drin.

Nach allem, was ich bisher im Zusammenhang mit Demenz erlebt habe, ist da nichts Schönes oder Lebenswertes. Weder bei meinem Schwiegervater noch bei meiner Mutter noch bei allen anderen. Was nicht heißt, daß es nicht einzelne schöne Momente geben kann; das mit Sicherheit. Aber um welchen Preis (damit meine ich nicht das Finanzielle)?

04.06.2019 | 23:31
hanne63

Guten Abend in die Runde,
es ist ein sehr schwieriges Thema und es gibt auch viele Tabus und es gibt vor allem auch eine unheilvolle Vergangenheit in Deutschland, wo über sogenanntes lebensunwertes Leben entschieden wurde.....und damals eine Lebensberechtigung von Behinderten aberkannt wurde...
eine sachliche Diskussion ist daher heute schwierig.....
Ich sehe Demenz von alten Menschen inzwischen wie eine geistige Behinderung...und ich habe mehrfach miterlebt, wie Behinderte Menschen durchaus das Leben genießen können ....
wenn Kranke, Alte, Gebrechliche, Behinderte, sich als Last für die Gesellschaft fühlen...und deshalb dann sich für einen Suizid entscheiden, ist das schrecklich. Es sollte irgendwie erreicht werden (aber wie?? keine Ahnung....)....das auch diese Menschen ganz normal dazu gehören können....das würde den Druck rausnehmen....aber ich weiß auch keine Lösung...
vor allen Dingen müssen die Angehörigen unterstützt werden.....so wie es jetzt läuft....geht es einfach nicht

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 04.06.2019 um 23:32.]

04.06.2019 | 23:35
hanne63

Hallo Sohn,
man kann einen Beitrag solange bearbeiten, solange noch niemand darauf geantwortet hat. Da gibt es dann unten rechts einen Button.."bearbeiten"....sobald aber jemand geantwortet und einen neuen Betrag verfaßt hat...kann man seinen eigenen vorherigen Beitrag dann leider nicht mehr bearbeiten...ist vielleicht auch sinnvoll, weil sonst ja die Antwort darauf dann nicht mehr paßt....
Aber daraus folgt, dass Sie Ihre früheren Beiträge gar nicht mehr abändern können, selbst wenn Sie es wollten ;-).....

09.06.2019 | 12:03
Wissenssucherin

Hallo Herr Hamborg,
ich habe die Zeit heute am Feiertag genutzt und mich mal wieder etwas im Forum umgesehen - sie haben gebeten um Erfahrungen mit "vermeintlicher Todessehnsucht", und es sind ja schon ein paar Beiträge gekommen.

Meine persönlichen Erfahrungen damit: Ich habe vom Universum die seltene Kombination von zwei Demenzerkrankten Damen im Viergenerationenhaus bekommen. Einerseits meine Schwiegermutter mit der Diagnose präsenilem Alzheimer. Die meinte im "ersten" Stadium (wobei ich jetzt von der Dreiteiligen Skala ausgehe, es gibt ja verschiedene Modelle), es wäre ja besser, wenn man nicht mehr sei, wenn alles bergab gehe. Das war aber in der Anfangsphase, wo sie koginitiv noch in der Lage war, sich Gedanken über das tatsächlich Ausmaß zu machen. Die Angst, die sie in ihrer Lage gehabt haben muss, muss unvorstellbar sein. Zu wissen, dass man sich selbst verliert. Zu wissen, dass man nicht mehr in der Lage sein wird, einfachste Dinge zu tun. Die Angst zu "verblöden". Die Angst, wie das alles wird. Die Gewissheit, wie es einmal enden wird. Schrecklich. Schrecklich verständlich, diese Gedanken.

Mittlerweile ist sie in der mittleren Phase, ist völlig darauf angewiesen, dass wir ihr Umfeld so organisieren, dass sie halt drin "rumwurschteln" kann - was aber, so denke ich, ganz gut gelungen ist, denn sie ist eigentlich gut gelaunt ihn ihrer eigenen Welt. Mein Bauch sagt mir, sie hat den allergrößten Teil der Zeit keine Ahnung, wie es um sie steht, aber ist noch so fit, dass sie sich in ihrer kleinen Welt (wir leben auf einem großen Bauernhof) so bewegen kann, wie sie es möchte, oder sich zutraut. Und was schiefgeht begradigen wir eben ohne viel Federlesens. Sie wirkt eigentlich unbedarft wie ein kleines Kind und hat schon sehr lange keine "Nicht-mehr-sein"- Wünsche geäußert.

Dann lebt bei uns noch die Schwiegermutter meiner Schwiegermutter. Diese ist 98 und hat keine diagnostizierte Demenz - ganz einfach aus dem Grund, weil ich es ihr in dem Alter sicher nicht mehr antue, sich durch die ärztliche Diagnoseprozesse begeben zu müssen. Aber ich bin überzeugt, dass sie an, salopp ausgdrückt, "Altersdemenz" leidet.
Diese Dame hat ihr Lebtag gearbeitet. Immer. Von Früh bis Spät. Und hatte nie Hobbies. Wie es halt früher so war. Bedingt durch ihre bewegte Lebensgeschichte und die ärmlichen und schwierigen Verhältnissen, in denen sie ihr Leben bestritt, war auch nie Zeit für Hobbies oder Ähnliches. Als ich sie damals mit 87 Jahren kennenlernte, kochte sie täglich für die ganze Familie, beschäftigte sich am Acker, putzte (oder tat halt ihrem Alter und Gebrechen entsprechend das, was sie dafür hielt) und in der restlichen Zeit tat sie halt allerlei, was sie für Nützlich erachtete - auch wenn das in den Augen der jüngeren Generation eher zu Problemen führte. Aber sie meinte es nur gut und wollte helfen - auch wenn es für uns sehr schwierig war. Mittlerweile mit 98 hat sie kaum mehr 15 Prozent Sehvermögen aufgrund einer Makuladegernation , ist schwerhörig, ziemlich langsam auf den Beinen - aber immerhin, sie ist es noch und mithilfe von Pants und Krücken wollen wir das auch erhalten, so lange es geht.
Sie hat so lange gearbeitet, bis es aufgrund der körperlichen Gebrechen wirklich absolut nicht mehr ging.

Und nun sind ihre Tage furchtbar lange. Ich habe damals, als sich der rasche Abbau abzeichnete, versucht, abzufedern, sie zu beschäftigen. Hobbies hatte sie nie - das wurde mit faul gleichgesetzt, wurde abgelehnt. Sie wollte dann immer auf meine Kinder aufpassen, das macht in ihrem Weltbild eine Uroma - aber ich konnte sie ihr beim besten Willen nicht überlassen, dazu waren sie zu klein - und sie selbst fast blind, schwerhörig und mit Krücken auch nicht in der Lage dazu. Was sie leider schwer kränkte, sie bezog es auf sich und ihre Person. Ich brachte bergeweise Wolle, versuchte es mit "die Kinder brauchen..., ich keine Zeit, kannst du bitte helfen?" - der Ansatz funktionierte gut, sie freute sich, fühlte sich gebraucht. Und ich wusste, dass die Sachen nicht brauchbar sein würden, aber es ging mir darum, ihr das Gefühl zu geben, mir eine Stütze zu sein. Leider ließ sie aber ihr Körper, ihre Augen, ihre Finger völlig im Stich, dass sie absolut keine Werkstück irgendwie ihren Vorstellungen entsprechend anfertigen konnte, und es machte sie selber so fertig, dass sie nicht mehr konnte, wie sie wollte, dass sie alles ablehnte - sie wolle ja meine wertvolle Wolle nicht verschwenden. Ich organisierte vom Roten Kreuz einen Besuchsdienst, der einmal in der Woche kam und mit ihr ein Weilchen plaudern sollte - aber das verweigerte sie. Die sähen ja nur, "dass sie nichts mehr arbeiten könne, während wir Jungen hinten und vorne mit Arbeit eingedekct sind, die denken, ich bin faul und lasse euch im Stich". Sie wehrte sich dagegen und war so verzweifelt, wenn so ein Besuch kam, dass ich es aufgab. Und sie resignierte.


Dann ging es los, dass sie sich nichts mehr aus dem Kühlschrank nahm bzw. zuvor immer fragte, ob sie etwas nehmen dürfe -wenn überhaupt nur Brot und Milch - weil "wer nichts arbeitet, der darf nicht essen". Ich denke, das war ein Satz ihrer Kindheit in den 20er Jahren, als die Situation alter Menschen bei uns am Land wirklich schrecklich und weit weg von jeder Pension oder Rente war. Und das hat sich eingebrannt bei ihr. Oder sie nahm irgendwelche Reste oder Abfälle, "für den Hund" und verspeiste sie selbst. Grub aus der Biotonne ihrer Meinung noch genießbare Dinge aus und trug sie in ihren Schrank. In der Zwischenzeit hat sich das erledigt, da ich eine Pflegerin engagiert habe, die ihr das Essen serviert und die Uroma ohne Hilfe nicht mal mehr das Essen auf ihrem Teller findet, weil sie so schlecht sieht. Mittlerweile kann sie auch nicht mehr lesen, nicht mehr fernsehen oder Radio/Cds hören, weil sie, abgesehen von ihrer körperlichen Beeinträchtigung, dem Ganzen nicht mehr folgen kann, das alles ist ihr zu komplex geworden.
Sie verbringt ihre gesamte wache Zeit mehr oder weniger "beschäftigungslos", außer, wenn sich jemand Zeit nehmen kann, kurz mit ihr zu plaudern oder aus dem alten Schullesebuch kurze Märchen vorzulesen, das genießt sie, das überfordert sie nicht. Sie sieht kaum, sie hört kaum und ist mir ihren Gedanken, von denen sie merkt, dass etwas nicht mehr stimmt, nicht mehr so ist, wie es war; sich ärgert, weil ihr so vieles nicht mehr einfällt, alleine. Es gibt niemanden mehr in der Umkreis in ihrem Alter, alle bereits verstorben. Sie muss sich fühlen wie ein Ufo, alles was ihr vertraut war ist anders geworden, mal abgesehen von ihrem Zimmer. Und sie fühlt sich nutztlos. Weil "wer nicht arbeitet, der soll ja Anstand haben und sterben". "Es wäre ja besser, wenn ich nicht mehr bin." "Wie kommst du dazu, dass du mich pflegen musst, ich bin ja ein nutzloses altes Weib". Sie braucht mittlerweile sehr viel Pflege und es ist ihr zutiefst zuwider, jemandem zur Last zu fallen. Aber gleichzeitig ist sie so dankbar dafür.

Und hier gehe ich mit Ihnen Herr Hamborg, völlig konform. Ich denke nicht, dass sie tatsächlich sterben will. Im Gegenteil, sie lechzt nach Leben. Wer will den schon all seiner Fähigkeiten beraubt und bar jeden (zumindest solchen seiner eigenen Definition) Sinnes hier sein? Insbesondere mit ihrer uralten Doktrin, dass nur Arbeitende etwas wert sind?
Wenn ich mit ihr alte Lieder singe, blüht sie auf. Singt vor lauter Freude die gleiche Strophe 5x hintereinander, um dann noch einmal zu fragen, ob sie die schon gesungen hätte? Als ich letztes Jahr schwanger war, spielten wir ein wenig (ich weiß nicht, ob sie den Film kennen) "50 erste Dates" - Was, du kriegst wieder ein Baby???? - und jeden Tag freute sie sich wie verrückt und erzählte von ihren Kindern. Es ist schwierig, sie zu erreichen, sie kann leider kaum mehr Unterhaltungen führen, weil sie ihnen nicht mehr folgen kann, aber sie ist zu so tiefer Freude fähig, wenn man einen Zugang erwischt- so wie das Singen uralter Lieder. Und es ist unglaublich rührend und überwältigend zu spüren, wie sehr sie sich über eine eine Umarmung freut. Sie will leben. Sie will Spaß haben. Sie will sich geliebt und gebraucht fühlen. Aber leider tut sie dass den Großteil der Zeit nicht. Und es ist uns leider nur möglich, ihre kurze Glücksmomente zu bescheren. Ich habe in den letzten 10 Jahren akzeptieren lernen müssen, dass ich nicht in der Lage bin, ihr so viel Freude zu geben, wie sie gerne hätte, weil ich es einfach nicht schaffe. Ich würde dabei zugrunde gehen. Und es tut mir halt sehr weh zu sehen, wie sehr sie eigentlich mit ihren "ich soll ja nicht sein" nach dem Leben, an dem sie nicht mehr teilhaben kann, lechzt. Und ich kann sie nur für kurze Weilchen da raus holen.

So viel dazu. Wie üblich habe ich einen langen Roman verfasst. Aber diese komplexe Thematik, diese unglaublich emotionalen Gedankengänge verdienen wohl auch diesen Raum.

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 09.06.2019 um 12:20.]

09.06.2019 | 20:24
Gobis

Guten Tag,
ich möchte mich an dieser Diskussion beteiligen. Meine Eltern hatten als Ziel, nach einem schönen gemeinsamen Leben, mit 80 gemeinsam in die Kiste zu springen. Das hat mein Vater genauso gesagt. Hintergrund war, Angst vor Krankheiten oder Schmerzen und den Partner nicht zurückzulassen. Wie erst diese Woche wieder gerichtlich entschieden, hat man keinen Anspruch darauf, sich auf Grund von Alter sich einen friedlichen Tod zu beschaffen.
Meiner Vater ist vor 2 Jahren verstorben, plötzlicher Herztod, genauso wie er es wollte.
Meine Mutter ist, wie wir heute wissen, schon länger an Frontallappen Demenz erkrankt. Es ist für Alle furchtbar, nur für sie nicht. Lebensqualität, die früher sehr wichtig war, existiert nicht mehr. Sie wohnt einsam in ihrem großen Haus und auf dem großen Grundstück. Bewältigen tut sie nichts mehr, genau wie sich selbst versorgen.
Wenn mein geliebtes Haustier so krank ist, ist es völlig akzeptabel es von seinem Leid zu erlösen.
Nur der Mensch in Deutschland hat jede Qual bis zum Ende zu ertragen. Und das begründet man ständig mit unserer historischen Vergangenheit. Diese Sichtweise ist nicht mehr Zeitgemäß.
Danke Nutzer Sohn, dass Sie diese Diskussion angestoßen habe. Ich kann alle Ihre Argumente sehr gut nachvollziehen.

10.06.2019 | 20:30
Sohn

Danke für alle Ihre Beiträge!

Ich bin hundertprozentig überzeugt davon, daß bei entsprechendem sich-Kümmern noch der eine oder andere schöne Lebensmoment für alte/kranke/demente Menschen besteht. Nur - was ist mit dem Rest der Zeit?? Ich kann es seit geraumer Zeit bei meiner Mutter hautnah miterleben: da ist nichts, was Mensch sich wünscht. Nicht ohne Grund hat sie schon öfter gesagt, der liebe Gott möge sie holen kommen. Aber: bei einwandfreier körperlicher Konstitution muß Mensch da schon selber nachhelfen, sonst wird das nichts. Religiöser Glauben hin oder her.

Und die ganz generelle Frage, die bisher wohl noch niemand beantwortet hat: wer soll für die unzähligen Betroffenen da sein und sich um sie kümmern? Mal ganz praktisch betrachtet, von vierundzwanzig Stunden ausgehend, die einem täglich zur Verfügung stehen und die im Normalfall recht gut ausgefüllt sind, wenn man schon nur für sein eigenes Leben die Verantwortung tragen will.

Ich bleibe dabei: es ist humaner, jemandem ein angenehmes, friedliches Ende zu bereiten (oder zumindest dieser Person dabei zu helfen, sich selbst zu erlösen), als bis zum Sankt-Nimmerleinstag das Siechen und Leiden derjenigen hinauszuzögern.

Das hat absolut NICHTS mit den Verbrechen der Nazis und unzähliger anderer Krimineller in der Weltgeschichte zu tun, sondern zeugt MEINER Meinung nach von einem reifen, erwachsenen Umgang mit dem ganz normalen Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod. Wer damit nicht klar kommt, hat (wiederum) MEINER Meinung nach seine Hausaufgaben nicht gemacht, nämlich sich während seines langen Lebens auf sein eigenes Ende vorzubereiten und wenn die Zeit gekommen ist, bereitwillig Abschied zu nehmen.

Ich behaupte nicht, daß ich schon so weit bin - das bin ich nämlich auch noch nicht, aber zumindest weißt ich meine Zielsetzung und arbeite darauf hin. Das heißt im Moment für mich, mich so weit wie möglich aus dem Alltagswahnsinn herauszuhalten und viel Zeit in der Natur, fernab der Zivilisation zu verbringen. Und dann hoffentlich eines Tages mir zufrieden denken zu können: okay, jetzt kann ich mich verabschieden, ich bin zufrieden.


10.06.2019 | 23:18
hanne63

Hallo Sohn,
das Thema beschäftigt mich für mich selbst auch. Und auch ich bin noch nicht so weit .....ich halte allerdings unbedingt für erforderlich, dass der betreffende Mensch es selbst entscheiden muß für sich....andere können diese Entscheidung nicht treffen!...allenfalls dabei helfen.....

Das evtl. ein Druck auf die alten/kranken Menschen ensteht.....ist ein Problem...denn das sollte nicht so sein!

Ihr letzter Absatz spricht mir derzeit aus der Seele: ich entziehe mich weitmöglichst dem Alltagswahnsinn...und mache so oft wie möglich lange Wanderungen im Thüringer Wald oder in der Rhön...wo ich stundenlang oft niemanden sehe und sehr zufrieden darüber bin und zu mir selbst komme....ich bin anschließend immer sehr zufrieden mit mir und mit der Welt.....und diese Welt möchte ich in einer zufriedenen Verfassung später verlassen können...

Ich sehe derzeit bei meinen beiden dementen Eltern deutlich den Unterschied: meine Mutter haderte schon immer mit ihrem Schicksal und ihrem Leben und war unzufrieden.....mein Vater hingegen nahm alles eher gelassen...sah es eher als unabänderlich und verschwendete dann keine weiteren Gedanken mehr...und lebte einfach...er tat und tut sich sicher viel leichter....(beide stammen aus einfachsten Verhältnissen und sind eher wenig gebildet...das zum Verständnis)....aber mir wird deutlich wie wichtig es ist...Zufriedenheit für sich zu erreichen.....nur dann kann man vermutlich auch loslassen.

11.06.2019 | 08:16
sonnenblümchen

Guten Morgen Sohn , Gobis und Hanne,
ich bin eher bei Hannes Einstellung.

zu Gobis: Ich persönlich finde es schwierig,wenn man das Töten eines geliebten Haustieres mit dem Ungang eines Menschenlebens gleich setzt. Irgendwie vergleicht man da zwei Sachen ,die nicht zusammen passen.
Desweiteren finde ich ...wehret den Anfängen...auf unsere Vergangenheit hinzuweisen...ist nicht veraltet.

Ich möchte mal einen anderen Aspekt in die Diskusion hineinwerfen !
In der Endphase,wenn man sich für seinen Angehörigen einsetzt und kümmert,kommt man an dem Punkt, wo man entscheiden muss,was will /wollte mein Angehöriger. Welche Untersuchung / welche Therapie ist noch nötig -sinnvoll. Die Palliativmedizin ist heute weiter als vor 30Jahren bzw. hat sich auch die Einstellung vieler Mediziener geändert. Viele Medikamente, die in der Endphase eingesetzt werden sind nicht lebensverlängert, sondern haben als Nebenwirkung z.B. eine Verlangsamung der Herz-und Atemfrequenz, Tätigkeit der Darmfunktion ect.---dadurch kann sich das Leben verkürzen. Viele Verwandte tuen sich schwer....wenn die Entscheidung kommt..nur noch palliativ zu handeln. Wie überfordert wären diese Menschen,wenn sie entscheiden müssten, dieser Mensch soll jetzt bewusst durch ihr Zutuen (Entscheidung des Zeitpunktes)sterben. Man muss ja auch nach dem Tod des Angehörigen mit seiner eigenen Entscheidung, Weg ,im Reinen sein.
Wieviele Angehörige würden sagen:,, Ich kann das jetzt nicht entscheiden!"-weil es eine Überforderung darstellen würde.
Sie wollen /können einfach nicht für den Todeszeitpunkt verantwortlich sein.

an Sohn und Gobis: bei allen eingebrachten wirtschaftlichen Aspekten, bleibt es doch immer noch ein Aspekt, der von der Ethik bestimmt wird. Ein Menschenleben steht bei mir nicht zur Diskusion.
LG



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